Als ob er noch am Leben wäre

von Julian Voloj, November 20, 2008
Israels chassidische Stadt Kfar Chabad feiert seinen 60. Geburtstag und hält die Erinnerung an seinen geistigen Führer Menachem Mendel Schneerson so aufrecht, als ob er noch am Leben wäre.

Unweit vom Flughafen Ben Gurion in Israel findet sich Kfar Chabad, ein chassidisches Dorf, das an ein osteuropäisches Stetl erinnerte, wären da nicht die staubige Luft, die trockene Hitze und die Skyline von Tel Aviv in der Ferne. Kfar Chabad, was auf Hebräisch Chabad-Dorf bedeutet, liegt zwischen Beit Dagan und Lod. Es hat knapp 6000 Einwohner und ist mit dem Zug von Tel Aviv aus erreichbar. Dieses Jahr feiert diese ungewöhnliche Ortschaft ihren 60. Geburtstag.
Kommt man nach Kfar Chabad, so wird schnell klar, dass es sich hier um eine Hochburg der Chabad-Bewegung handelt, der wohl bekanntesten chassidischen Sekte. Der Name Chabad ist ein Akronym und steht für die hebräischen Worte «chochma» («Weisheit»), «bina» («Verständnis») und «daat» («Wissen»). Kfar Chabad wurde 1949 vom sechsten Rebbe (spirituellen Führer) der Chabad-Lubavitch-Bewegung, Yosef Yitzchok Schneerson (1880–1950), gegründet. «Rav Schneerson brachte 71 Familien aus der Sowjetunion hierhin, damit sie ein neues Leben beginnen können», erklärt Daniel Rosenthal, Programmdirektor des Chabad-Zentrums in Kfar Chabad. «Ihre Aufgabe war klar: Verbreitet Thora und Mizwa. Und kein Ort konnte hierfür besser sein als das geografische Zentrum des Landes.»
Die Pioniere, die sich hier ansiedelten, arbeiteten zunächst im landwirtschaftlichen Bereich und gründeten eine Reihe von Institutionen, darunter religiöse und technische Hochschulen. Klassenräume waren und sind nach wie vor nach Geschlechtern getrennt. «Männer arbeiten hier traditionell entweder als Bauern, Tischler, Mechaniker oder im Buchdruck, Frauen arbeiten im Erziehungsbereich», erklärt der aus Brasilien stammende Rosenthal, der vor drei Jahren nach Kfar Chabad kam.

Für viele der Messias

Heute leben in Kfar Chabad über 1000 Familien, die aus aller Welt kommen und «ausschliesslich Chabad-Anhänger sind; Menschen, die nach den Lehren des Rebbe leben», so Rosenthal. Der Rebbe, das ist Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), der siebte und letzte spirituelle Führer der Chabad-Bewegung. Schneerson war selbst nie in Kfar Chabad, aber er ist heutzutage allgegenwärtig: Sieht man all die Poster und Aufkleber mit seinem Antlitz, könnte man den Eindruck bekommen, Schneerson sei Spitzenkandidat bei anstehenden Wahlen. Schneerson wurde 1950, nach dem Tod seines Schwiegervaters Yosef Yitzchok Schneerson, Leiter der Chabad-Bewegung. Unter seiner Leitung wurde Chabad zu einer Massenbewegung, die es sich zur Aufgabe macht, Juden zum (orthodoxen) Judentum zurückzubringen, sogenannte «baal teschuwa» aus ihnen zu machen. Für viele war der in der Ukraine geborene charismatische Rabbiner der Messias, obwohl dieser sich selbst nie als solchen bezeichnete. Als Schneerson 1994 in Brooklyn verstarb, stürzte dies viele in eine Glaubenskrise.
Nach Schneersons Tod wurde kein neuer Rabbiner als Oberhaupt der Sekte gewählt. Stattdessen wurde die jeweils individuelle Chabad-Führung durch einen Vorstand ersetzt. In Brooklyn kam es jedoch schon bald zu Auseinandersetzungen zwischen denjenigen, für die der Rabbiner der Messias gewesen, und denjenigen, für die er lediglich ein charismatischer Geistlicher war.

Als lebe er noch

In Israel hingegen sind die «Messianisten» in der überwiegenden Mehrheit. Wenn man durch Kfar Chabad fährt, begegnet einem immer wieder die gelbe Fahne mit dem Wort «moschiach» (Messias), und Menschen reden vom Rebbe in der Gegenwart, als ob er nie verstorben sei. «Der Rebbe ist allgegenwärtig», erklärt auch Rosenthal, der, wie viele Einwohner Kfar Chabads, Schneerson zu Lebzeiten nie begegnet ist. Denn während der Rabbiner Gesandte, sogenannte «schluchim», in alle Welt schickte, um Juden zur Orthodoxie zu bringen, verliess er selber Crown Heights im New Yorker Stadtteil Brooklyn nur sehr selten und war auch nie in Israel. Auf die Frage, warum der Rebbe nie nach Israel kam, antwortet Rosenthal, dessen Eltern «baal teschuwas» sind, dass ein einfacher Mann wie er nicht die Entscheidungen eines «zadik», eines Weisen, verstehen könne, aber der Rebbe bestimmt seine Gründe gehabt habe.
Auch wenn er Israel nie besuchte, war Schneerson dennoch sehr proisraelisch eingestellt, im Unterschied zu vielen anderen Führern von orthodoxen Sekten, die den Staat Israel ablehnen, da gemäss ihrer Auslegung des Judentums lediglich der Messias diesen ausrufen könne.
Schneerson empfing in seiner Residenz am Eastern Parkway in Crown Heights regelmässig israelische Politiker wie Menachem Begin, Ariel Sharon, Mo¬she Katsav und Binyamin Netanyahu.
Auf einer Anhöhe in Kfar Chabad, umgeben von tiefer gelegenen Einheitsbauten, die an amerikanische Suburbs erinnern, befindet sich das Chabad-Hauptquartier in Israel, eine Replik der Residenz von Menachem Mendel Schneerson in Brooklyn. Das im englischen Tudor-Stil erbaute Haus, das man von der Autobahn aus sehen kann, thront wie ein Schloss über der Siedlung und wirkt irgendwie deplaziert. Die Hausnummer 770 ist ebenfalls vom Original am Eastern Parkway 770 übernommen worden.

Eine nahezu perfekte Kopie

Die Zahl 770 ist zu einem Synonym für sein Haus geworden und hat für Chabad-Anhänger eine schon fast mystische Bedeutung. Ein Restaurant mit dem Namen 770 befindet sich unweit von hier, Rosenthals Handynummer endet mit der Zahl 770 und seine E-Mail-Adresse beinhaltet ebenfalls diese Zahl. «Der Rebbe hat das hier erschaffen», erklärt der 27-Jährige und deutet auf das Haus. «Vor 23 Jahren versammelte Raw Schneerson über 3000 Menschen in Crown Heights und erklärte, dass er sein Erbe in Israel hinterlassen will.»
Glaubt man der allgemein verbreiteten Erzählweise, wurde das Haus in Kfar Chabad in nur 50 Tagen errichtet – «ein Wunder», wie Rosenthal versichert. Jeder, der das Original kennt, wird sich eingestehen müssen, dass es sich um eine nahezu perfekte Kopie handelt. Das Original in Brooklyn war ursprünglich eine Klinik, die jedoch geschlossen wurde, als herauskam, dass dort illegale Abtreibungen durchgeführt wurden. 1940 wurde das Gebäude von Chabad erworben und zur Residenz von Rabbiner Yosef Yitzchok Schneerson. Da dieser an einen Rollstuhl gebunden war, als er 1940 nach Amerika kam, wurden im Erdgeschoss ein Fahrstuhl sowie eine Synagoge gebaut. Obwohl eigentlich unnötig, hat die Kopie in Kfar Chabad natürlich auch einen Fahrstuhl.
Nach dem Tod des Rabbiners wurde das Haus zur Residenz seines Schwiegersohns, Menachem Mendel Schneerson. Als ich Kfar Chabad besuche, betet ein junger Mann, der an diesem Abend heiraten wird, inbrünstig in der Kopie von Schneersons Arbeitszimmer und beachtet mich auch nicht, als ich in das Zimmer eintrete. «Dies ist ein heiliger Ort», sagt Rosenthal, als er mich bittet, eine Kippa aufzusetzen, bevor ich in das Zimmer eintrete.
Für Chabad-Anhänger in Israel ist das Tudor-Haus zur Pilgerstätte geworden. «All diejenigen, die nicht nach Crown Heights reisen können, kommen nach Kfar Chabad.» Kfar Chabad ist nicht der einzige Ort, an dem sich eine Kopie des Gebäudes vm Eastern Parkway 770 befindet. Weltweit gibt es 15 Kopien, darunter allein in Israel drei. Die Kopie in Kfar Chabad war die erste Nachbildung ausserhalb der USA, ist jedoch nicht die älteste. Die entstand an der amerikanischen Westküste, in Kalifornien, sieben Jahre zuvor. Anhänger von Chabad bezeichnen das Tudor-Haus oft als «beis moschiach», als das Haus des Messias, was dem numerischen Wert der hebräischen Zahl 770 entspricht.
Als ich zum Abschluss meines Besuches Rosenthal frage, ob er glaubt, dass Schneerson tatsächlich der Messias war, weicht er meiner Frage zunächst aus, sagt dann aber: «Es geht nicht darum, was wir im Rebbe sehen, sondern was er in uns sieht. Wir sind diejenigen, die seine Lehren verbreiten. Es macht keinen Unterschied, ob wir offen sagen, dass wir ihn für den Messias halten, oder nicht. Wenn ein ‹schaliach› Menschen zum Judentum bringt, dann bringt er sie ‹moschiach› näher.»