Als Jude in der Roten Armee
Als Lev Fein, ein jüdischer Soldat in der Roten Armee, 1945 nach Minsk nach Hause zurückkehrte, fand er einen Brief vor, der ihm von der Ermordung seiner Familie durch die Nazis und von den schlimmen Folgen der Besetzung Weissrusslands für die dortigen Juden berichtete. «Vater und Onkel Fein starben am 3. August, dem dritten Tag ihres Aufenthalts im Ghetto», berichtet die Briefschreiberin, die Frau eines Freundes, der auf wundersame Weise die Flucht gelungen war. «Mutter, Manya, Tante Fein mit ihrer Tochter und Bellochka starben am 20. November 1941 im zweiten Massenpogrom. Zu Beginn des Jahres 1942 war ich die einzige Überlebende.»
Krieg der Götter und Helden
Der Brief an den heute 95-jährigen und in den USA lebenden Fein ist Bestandteil einer Ausstellung von Soldatenbriefen und Auszügen aus Tagebüchern aus dem Zweiten Weltkrieg, die im Moskauer Zentralmuseum des Grossen Patriotischen Kriegs ihre Tore geöffnet hat. Die einen Monat dauernde Ausstellung «Schriften und Überlegungen jüdischer Soldaten in der Roten Armee» ist Teil eines dokumentarischen Projekts, das die Initianten aus Dokumenten von fast 90 in zehn Ländern lebenden Veteranen gesammelt haben. Zur Ausstellung gehören auch Fotografien und Videoclips.
«In der sowjetischen Geschichte war dieser Krieg lange Zeit über ein Krieg der Götter und Helden», sagte Oleg Budnitzky, Direktor des Internationalen Forschungszentrums für die Juden in Russland und Osteuropa, an der Eröffnungszeremonie der Ausstellung. «Die Hauptdarsteller waren Generäle und politische Figuren, doch jetzt ist es an der Zeit, gewöhnliche Teilnehmer zu Worte kommen zu lassen. Von den über 30 Millionen Soldaten in der Roten Armee während des Krieges waren 450 000 Juden.» Laut demografischen Schätzungen sind fast 150 000 jüdische Soldaten der Roten Armee im Krieg gefallen. Daneben zählte man auch über zwei Millionen jüdische Zivilopfer. Das sind über zehn Prozent der sowjetischen Gesamtverluste, obwohl die Juden nur gerade zwei Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten.
Juden als Helden
Das Projekt wird von der nicht gewinn-
orientierten Archivstiftung Blavatnik durchgeführt. Deren Gründer ist Leonard Blavatnik, ein amerikanischer Milliardär russischen Ursprungs. Er reiste zur Eröffnung der Ausstellung nach Moskau. «Ich wollte die Rolle der Juden in der Geschichte des Kriegs irgendwie dokumentieren, und zwar nicht nur als Opfer, sondern auch als Helden», sagte er. «Es ist wichtig, diese Zeugnisse jetzt zu sammeln, denn die Menschen sterben nach und nach.» Die Ausstellung repräsentiere, wie er hinzufügte, nur einen kleinen Teil des Archivs. Die Stiftung möchte die Information, die sie sammelt, mit dem Zentrum für jüdische Geschichte in den USA und vielen anderen Organisationen wie Universitäten, Schulen und Bibliotheken teilen.
Die meisten der 900 Interviews wurde im Verlauf von fünf Jahren von Leonid Reines und seiner Tochter Julie Chervinsky, der Projektkoordinatorin, durchgeführt. Beide stammen aus der ehemaligen UdSSR und sind, wie sie sagen, mit ihrer Arbeit noch nicht am Ende. «Die Mehrheit der von uns interviewten Menschen ist noch nie zuvor interviewt worden», sagte Reines. «Viele pflegten Gedichte zu zitieren, zu weinen und Pausen einzuschalten.» Sie würden sich dafür entschuldigen, dass sie sich nicht mehr an alles erinnerten, weil es schon so lange her sei. «Und sie baten mich, den Leuten zu danken, die mich geschickt hatten, denn dadurch hätten sie ihre Erinnerung wiederbeleben können.»
Zu den Teilnehmern der Eröffnungszeremonie gehörte Boris Stambler, der 1941 mit 16 Jahren zusammen mit seinem Vater an die Front von Bryansk geschickt worden war. Beide überlebten. «Als ich für diese Ausstellung interviewt wurde», sagte der in Moskau lebende Boris, «fragte man mich oft, ob es während des Kriegs Antisemitismus gegeben habe. Ich antwortete, dass in unserer Kompanie Angehörige von rund 30 Nationalitäten gekämpft hatten. Oft assen wir aus dem gleichen Topf, und unser Blut hatte die gleiche Farbe.» Laut Chervinsky erklärten rund 99 Prozent der Veteranen, sie hätten damals keinen Antisemitismus empfunden, doch fügten sie oft hinzu, sie hätten das Gefühl gehabt, tapferer und stärker als die anderen sein zu müssen, damit man ihnen nicht vorwerfen konnte, Juden seien Feiglinge.