Als Israeli in Oberammergau - eine Glosse
Viel hatte ich gehört und gelesen über diesen bayerischen Ort, der durch die Passionsspiele zu Weltruhm gelangt ist. Jetzt bin ich hier, zum ersten Mal - und fühle mich als Jude und Israeli in eine kuriose Welt versetzt. Über das Christentum haben wir in Israel so gut wie nichts gelernt. Gut, ich weiss immerhin, dass es einen Jesus aus Nazareth gab. Aber das ist lange her. Heute ist Nazareth eine arabische Stadt.
Vor mir stehen gleich zwei Jesus-Darsteller. Wären es drei, würde ich eine Verbindung mit der Dreieinigkeit vermuten. Aber der doppelte Jesus hat, so werde ich höflich aufgeklärt, keine theologischen Gründe. Es handelt sich ganz einfach um eine Doppelbesetzung der Hauptrollen beim Passionsspiel.
Anton Burkhart und Martin Norz, so heissen die Oberammergauer Gottessöhne. Allerdings: Von ihrem himmlischen Vater allein können die beiden nicht leben. Obwohl jeder von ihnen zweimal pro Woche sechs Stunden lang als Gottessohn amtiert.
Soll ich den Gottessohn duzen oder siezen? Ich entscheide mich für die offiziellere Form. Ich erkundige mich nach ihren Hebräisch-Kenntnissen. Etwas verlegen tragen sie mir hintereinander den Wein-Segen vor - «bore pri hagafen». Amen.
Beim Empfang vor der Premiere treffe ich auch Maria Magdalena. Die Freundin Jesu ist in der Wirklichkeit von Oberammergau seine Schwester und heisst im wahren Leben Ursula Burkhart. Zwei Geschwister als Liebespaar - das dürfte im katholischen Oberammergau eine Revolution sein. Und der jüdische Hohepriester wird von Stefan Burkhart gespielt - dem Bruder von Anton und Ursula. Zumindest auf der Bühne sind wir alle Geschwister - Juden und Christen und übrigens auch, zum ersten Mal, Muslime. Die türkischen Schauspieler dürfen allerdings nur die Römer spielen. Denn die waren, wie wir wissen, Heiden. Die Organisatoren sind sehr nett zu mir. Immer wieder betonen sie, dass in diesem Jahr Jesus zum ersten Mal wirklich als Jude dargestellt wird. Der Konflikt, der ihn das Leben kostete, war sozusagen eine inner-jüdische Angelegenheit, sagen sie. Die Juden würde hier niemand mehr pauschal als Gottesmörder bezeichnen.
Und das sind nun wirklich mal gute Nachrichten - nach 2000 Jahren voller Diskriminierung und Pogrome. Jahrhundertelang mussten wir uns ja vorwerfen lassen, ganz persönlich schwerste Schuld als Gottesmörder auf uns geladen zu haben. Ist es deshalb ein Wunder, dass an unseren Schulen in Israel das Christentum als eine Form von Antisemitismus gelehrt wird? Dass es die Römer waren, die Jesus hinrichteten, hat sich erst ganz allmählich herumgesprochen. Zum Glück für die Römer, denn wer weiss, was aus Rom und dem Vatikan geworden wäre, hätte man alle seine Einwohner des Gottesmordes bezichtigt.
Auf der Bühne wird Jesus ständig mit «Rabbi» angesprochen, dabei sieht er eher aus wie ein 68er. Oder sahen die 68er aus wie Jesus? Egal, jedenfalls ist mir dieser Oberammergauer Rabbi ziemlich fremd. Die Rabbiner, die ich kenne, tragen alle eine Kopfbedeckung, verbrennen ihren Gebetsschal nicht und lassen sich auch nicht öffentlich von der attraktiven Maria Magdalena salben.
Andererseits legen sich die Rabbiner, die ich kenne, nicht so vehement mit der religiösen Führung an. Vielleicht leben sie deshalb länger und sterben in der Regel horizontal. Und nach seinem Tod wartet unser Rabbi auf den Messias. Hier in Oberammergau kehrt er beim letzten Akt zurück - angeblich «auferstanden», weissgekleidet und stumm. Am runden Tisch des Kleinen Theaters in Oberammergau, gleich neben der Judasgasse, debattieren Rabbiner und jüdische Experten und Funktionäre mit den Gastgebern. Damit sie unbefangen streiten können, müssen wir Journalisten draussen bleiben. Bevor sie mit ihrem Streit beginnen, kosten sie vom koscheren Buffet. Ganz recht, koscher ist das Buffet in diesem Jahr in Oberammergau. Das gab es noch nie!
Später, auf meiner Rückreise nach Berlin, erfahre ich: Das Streitgespräch endete unblutig. Niemand wurde gekreuzigt. Aber es waren ja auch keine Römer dabei.