«Als es noch keine Juden gab»?
«Ein jüdischer Rabbiner aus Amerika», der «weder Pejes noch einen breiten Hut» hatte, «ein netter und eleganter Herr in heller Kleidung», der «auf einer Fotografie wahrscheinlich nicht so auffallen würde wie die Schwarzen, Orthodoxen, die in Prag hin und wieder auf den Privatgrund der Tschechischen Versicherung eindringen, um sich dort fotografieren zu lassen», kam zu Besuch, schrieb Kulturminister Pavel Dostál, «um mir mitzuteilen, dass nicht alle Juden der Welt (...), sondern nur eine lautstarke Minderheit jüdischer Fundamentalisten» die Entscheidung der tschechischen Regierung «für eine Tat halten, die mit den Menschenrechten nicht vereinbar sei. (Es fehlte nicht einmal ein Vergleich mit den Nazis.)», liess der Minister die Leser wissen. Dass orthodoxe Juden Kriminelle sind, will er auch aus einer «amerikanischen Zeitung» erfahren haben, wo er ein Bild gesehen habe, auf dem ein orthodoxer Rabbiner damit angibt, einen Knochen vom Prager Friedhof gestohlen zu haben. Auf einem solchen Hintergrund und offenbar vom netten eleganten Rabbiner bestärkt, bedauerte der Minister, sich in Sachen jüdischer Friedhof überhaupt auf Verhandlungen mit der Prager jüdischen Gemeinde und ihrem orthodoxen Oberrabiner eingelassen zu haben. Diesen in den Rücken fallend, berief sich Dostál auf einen «weisen Juden», den Schriftsteller ArnoÎt Lustig, der ihn darauf hingewiesen habe, diese Prager «Juden» eben schon gekannt zu haben, als sie noch gar keine Juden gewesen wären. Diese Juden sind also zu allem auch noch falsch, darf der Leser schliessen, und der Minister hat sich von ihrem kriminellen Gebaren - er wirft Oberrabiner Sidon widerrechtliches Handeln vor - hinters Licht führen lassen. Dass Dostál selber diesen historisch wertvollen Fund als Erbe seines Landes verstanden und geschützt hatte, dass er die Entscheidung selber am Verhandlungstisch unterschrieben und verteidigt hatte, muss ihm entfallen sein. Hingegen vergass er nicht, die Millionen zu erwähnen, die die Geschichte mit dem «Beton-Monster» die Steuerzahler kosten würde.
Zwar hat die jüdische Gemeinde darauf eine dezidierte Antwort veröffentlicht, aber die Baustelle scheint weiterhin für böses Blut zu sorgen. Neuerdings zeichnet sich eine weitere Kehrtwendung ab. Das «Committee for the Preservation of Jewish Cemeteries in Europe» versucht, in Strassburg am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu klagen. Es soll nun vorgeschlagen haben, dass die menschlichen Überreste im Grund der Bauparzelle an eine andere Begräbnisstätte überführt werden sollten.
Nachdem ein offizieller Kompromiss geschlossen worden war, an den sich die Prager jüdische Gemeinde zu halten gewillt ist, heisst es nun plötzlich, die Lösung verstosse unter den gegebenen Umständen gegen jüdisches Recht und jüdische Tradition. - Einem in die jüdische Pluralität nicht eingeweihten Leser und Steuerzahler kann da die Geduld schon strapaziert werden. Doch das hat nichts mit «schwarzen» oder «hellen» Rabbinern zu tun, sondern mit den fast unvereinbaren Zielen der beteiligten Parteien. Ein betonierter Friedhof aus dem Mittelalter im Untergeschoss eines Versicherungsgebäudes ist nichts Alltägliches.