Als die Synagogen brannten

von Gisela Blau, November 6, 2008
Am 9. und 10. November jähren sich zum 70. Mal die Pogromnächte in Deutschland und Österreich. Hunderte von jüdischen Menschen kamen um, Hunderte Synagogen, Geschäfte und Wohnungen wurden zerstört. In der Schweiz lebende Zeitzeugen erinnern sich.
DER ANFANG VOM ENDE Die Zeitzeugen Klaus Appel, Saul Friedländer und Lutz Zwillenberg erinnern sich

Lutz Zwillenberg war genau einen Monat von seinem 13. Geburtstag entfernt. Am 9. November 1938 rief die Sekretärin seines Vaters an und informierte die Mutter, dass sein Vater von zwei Gestapo-Männern in den typischen hellen Regenmänteln in seinem Büro verhaftet worden war. «Nun begann ein endloses Telefonieren, um Leute zu finden, die ihn vielleicht herausholen konnten», erinnert sich der in Bern lebende Biologe. «Von den Brandschatzungen der Synagogen an jenem Abend bekamen wir deshalb zunächst  nichts mit. Am anderen Tag sah ich die eingeschlagenen Schaufenster der geplünderten Geschäfte.» Erst nach zwei Wochen kehrte der Vater aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen zurück. «Er war im Gegensatz zu anderen Häftlingen nicht gefoltert worden, aber abgemagert und trug noch immer die gleichen Kleider wie bei seiner Verhaftung», erinnert sich der Sohn.
Hugo Zwillenberg war Jurist und Teilhaber des Warenhausunternehmens Hermann Tietz in Berlin, das der Familie seiner Frau gehörte. Nach 1933 wurde es durch die Dresdner Bank arisiert, in «Hertie» umbenannt, um den jüdischen Namen zu verstecken, und Hugo Zwillenberg musste seinen Posten verlassen. Er eröffnete mit einer Sekretärin ein Büro, in dem er unter anderem ein landwirtschaftliches Gut in Brandenburg verwaltete.

Erzwungene Ausreise

Die Familie führte am Hohenzollerndamm in Berlin-Dahlem in einer weitläufigen Villa ein grossbürgerliches Leben (das Haus wurde während des Krieges von einer Fliegerbombe zerstört). Hugo Zwillenberg wurde unter der Bedingung aus Sachsenhausen entlassen, innerhalb von Monaten seinen gesamten Besitz pro forma zu verkaufen und Deutschland zu verlassen. Nach dem Erwerb von Flugtickets nach Amsterdam blieben pro Person die vorgeschriebenen 10 Reichsmark übrig. Aber die Familie besass in Holland Geschäftsfreunde, die helfen konnten.
In Amsterdam holte Lutz Zwillenberg die Bar Mizwa nach, für die er in Berlin gelernt hatte. Die orthodoxe Synagoge an der Franzensbader Strasse, in die seine Familie zu Fuss ging, war während der Pogromnacht zerstört worden. Nur durch viele Zufälle überlebte die Familie das holländische KZ Westerbork während des bitteren Winters 1943/44 und eine lange Reise bis in ein Flüchtlingslager bei Casablanca.
Die Erinnerungen an die Pogromnacht, die wegen der zerschlagenen Schaufenster auch «Kristallnacht» genannt wird, sind unterschiedlich. Joseph Spring, der 1938 noch in Berlin lebte, der aber im Herbst 1943, vor genau 65 Jahren, als 16-Jähriger von Schweizer Grenzern  an deutsche Häscher ausgeliefert wurde und Auschwitz knapp überlebte, erinnert sich in Stefan Kellers Buch «Die Rückkehr», dass es wichtig gewesen sei, sich so anzupassen, dass einen nichts mehr berührte: «Mit der Kristallnacht zum Beispiel hatten wir gar nichts zu tun. Wir blieben in der Wohnung und stellten uns tot. Niemand kam herein. Am nächsten Tag sah ich, was alles kaputt war. Das Wichtigste war: Es berührte mich nicht im Geringsten.» Klaus Appel, der in Biel lebt, wohnte in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes in der Neuen Königsstrasse. 1930 verloren er und seine beiden Geschwister ihre Mutter. Ab 1933 durfte sein Vater, ein Zahnarzt, keine Kassenpatienten mehr, sondern nur noch jüdische Patienten behandeln. Anfang 1938 wurde der Vater eines Montagmorgens von der Gestapo abgeholt. «Ich war dabei, als er weg musste», sagt Klaus Appel. «Ich habe meinen Vater nie mehr wiedergesehen. Er wurde in Auschwitz ermordet, wie mein älterer Bruder.» Die Grossmutter und eine Tante kümmerten sich um die beiden jüngeren Kinder. Klaus feierte im Mai 1938 seine Bar Mizwa in der grossen Synagoge an der Oranienburger Strasse, wo er auch im Chor sang. «Es war eine traurige Bar Mizwa ohne Eltern», erinnert er sich.

Dank Kindertransport gerettet

Appel musste wie alle jüdischen Kinder eine jüdische Schule besuchen. Im Hof seiner Schule an der Kaiserstrasse befand sich eine Synagoge. Am Morgen des 9. November 1938 spürte er eine merkwürdige Stimmung auf dem zehn Minuten dauernden Schulweg. Am Eingang wurden die Kinder von den Lehrern abgefangen und nach Hause geschickt: «Wir sahen wohl den Rauch, aber das volle Ausmass der Pogromnacht realisierten wir erst am anderen Tag.»
Zusammen mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester kam Klaus Appel in ein jüdisches Waisenhaus. Die beiden wurden dank einer Initiative der Quäker mit einen Kindertransport nach England gerettet. Seine Schwester reiste drei Monate vor ihm. Er selber wurde mit 50 anderen Kindern von einer mutigen Holländerin mit einem gemieteten Bus abgeholt: «In der Nacht vor dem 1. September 1939, an dem der Zweite Weltkrieg ausbrach, überquerten wir die holländische Grenze.» Den Krieg überlebte er in England. Mit 16 verdiente er dort bereits seinen Lebensunterhalt.
Am 9. November spricht Klaus Appel nach alt Bundesrätin Ruth Dreifuss in der Aula des Berner Gymnasiums Neufeld an einer Gedenkfeier. Ruth Dreifuss hat auch das Matronat der Ausstellung «Der gelbe Stern», Leihgabe der Berliner Friedensbibliothek, im Berner Kornhausforum (15. bis 29. November) übernommen. Ende November ist Appel nach Berlin eingeladen, um an der Enthüllung eines Denkmals für den Kindertransport teilzunehmen.

Der Abschied von Anstand und Moral

Der Historiker Saul Friedländer schreibt im ersten Band seines Standardwerks «Das Dritte Reich und die Juden, Die Jahre der Verfolgung 1933–1939»: «In der Kette der Judenverfolgungen vor dem Kriege war der Pogrom vom 9. und 10. November, die sogenannte Kristallnacht, in vieler Hinsicht ein weiterer Wendepunkt.» Auch Friedländer tritt gegen den Mythos an, die Brandschatzung von Hunderten von Synagogen, die Ermordung von Hunderten jüdischer Menschen und die Deportation von 30 000 Juden in Konzentrationslager sei eine «spontane Reaktion» auf die Erschiessung eines deutschen Botschaftssekretärs in Paris durch den 17-jährigen Flüchtling Herschel Grünspan am 7. November gewesen. SA und SS waren vorbereitet; Goebbels und Himmler mussten ihre Bluthunde nur noch von der Kette lassen. Die Feuerwehr durfte nur die «arischen» Nachbarhäuser schützen, aber nicht die brennenden jüdischen Gebäude löschen. «Eine unkontrollierbare Lust an der Vernichtung und Demütigung der Opfer trieb die Kommandos, die durch die Städte streiften», schreibt Friedländer.
«Der Pogrom vom 9. und 10. November 1938 in Deutschland und Österreich war der archimedische Punkt, an dem Anstand und Moral aus den Angeln gehoben wurde, der ‹point of no return›, der Generaltest, was man mit den Juden machen kann, ohne dass die Bevölkerung dagegen aufsteht. Der Pogrom in aller Öffentlichkeit öffnete die Schleusen und Tore für die Schoah», sagt der Konstanzer Historiker Erhard Roy Wiehn, der wie 1988 auch dieses Jahr ein Buch über die Erinnerungen von Konstanzer Juden an den 9. November 1938 publiziert hat.

Auf dem Velo nach Konstanz

Was in Konstanz passierte, betraf auch die benachbarten Kreuzlinger Juden sehr stark. «Am Morgen des 10. November kam jemand zu mir in die Firma und sagte, die Konstanzer Synagoge sei angezündet worden», erzählt der frühere Kreuzlinger Textilfabrikant Robert Wieler, damals knapp 28, der heute in Israel lebt. «Ich setzte mich sofort aufs Velo und fuhr hinüber.» Schweizer Bürger durften bis Kriegsausbruch noch die Grenze überqueren. «Stumm wie die vielen anderen Leute rundherum stand ich vor der zerstörten Synagoge, doch das Schweigen war Sprache genug. Alle jüdischen Männer waren verhaftet und nach Dachau gebracht worden. Fast alle kamen nach zwei Wochen zurück, und es gab nur noch ein Thema: Auswandern.»
Der Bruder von Robert Wielers Vaters praktizierte damals als Arzt in Stuttgart. «Für ihn bekamen wir ein Visum, aber nur ‹zur Vorbereitung der Weiterwanderung›. Die sture Thurgauer Fremdenpolizei war scharf hinter ihm her, bis er nach Amerika ausreiste.» Noch nach Kriegsende strafte der Chef der Fremdenpolizei, der auch Chef des Arbeitsamtes war, den hartnäckigen Fürsprecher für die Verfolgten, indem er der Firma Pius Wieler Söhne kaum jemals Bewilligungen für Gastarbeiter ausstellte.
Die Schweizer Juden gedachtem am Sonntag nach dem Pogrom in Trauergottesdiensten der Opfer und riefen zu einem Fasttag am Montag auf. Das «Israelitische Wochenblatt» (IW) meldete, dass der Schweizer Rabbiner Chaim Lauer nach dem Brand seiner Mannheimer Synagoge mit der Familie «in Eile» nach Basel zurückgekehrt sei. Der spätere Kreuzlinger und St. Galler Rabbiner Lothar Rothschild hatte das Saarland bereits vorher verlassen. In den Medien erhob sich, wie das IW meldete, ein «Proteststurm».    

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