Als die Avantgarde vornehmlich jüdisch war
Mit dem Einzug Picassos ins Atelierhaus «Bateau-Lavoir» auf dem Montmartre im Jahre 1904 begann die abenteuerliche Geschichte einer künstlerischen Schule, die keine war, jedoch Schule machte. Was als «Ecole de Paris» in die moderne Kunstgeschichte einging, war ein unvergleichlicher Schmelztiegel, in welchem grundverschiedene Stilrichtungen aufeinander prallten und vorwiegend osteuropäisches Neuerertum mit französischen Traditionen verbunden wurde. Im Umkreis der Spanier Juan Gris und Pablo Picasso wurde die französische Metropole nach den Worten von Max Jacob zur «Akropolis des Kubismus», bevor der aus Italien eingewanderte Amedeo Modigliani, der Rumäne Constantin Brancusi, die Russen Marc Chagall und Oesip Zadkine, der Litauer Jacques Lipchitz und der Ukrainer Alexander Archipenko mit anderen Formen der Geometrisierung und Deformierung neue Wege einschlugen. Zu ausgeprägt waren all die künstlerischen Individualitäten und zu wenig interessiert am Unterrichten, als dass sich eine eigentliche Schule hätte herauskristallisieren können. Was ausser ihrer jüdischen Herkunft und der Niederlassung in Paris verbindet die aus Polen eingewanderten Maler Mondzain, Mela Mutter (Maria Muttermilch) und Eugène Zak mit ihren Kollegen Jules Pascin aus Bulgarien oder Mané Katz aus der Ukraine?
Die hervorragend besuchte, mit einem Katalogbuch von 408 Seiten Umfang gut dokumentierte Ausstellung vermag zwar keine eindeutige Antwort auf diese Fragen zu geben, vermittelt aber einen repräsentativen Überblick, der nicht weiter und reicher an Überraschungen sein könnte. Da tauchen denn längst vergessene Maler wie Henri Epstein aus Lódz und Adolphe Feder aus Odessa auf, die mit Chagall und Modigliani befreundet waren und in der Malklasse von Matisse arbeiteten, bevor sie deportiert und in Auschwitz ermordet wurden. Zu den grossen Entdeckungen der mit populären Glanzlichtern wie Chagalls Ölbildern «Autoportrait aux sept doigts», «Hommage à Apollinaire» und «Paris par la fenêtre» sowie mit Modiglianis Porträts von Kisling, Soutine und Zborowski garnierten Ausstellung gehört die 1968 in Tel Aviv gestorbene ukrainische Bildhauerin Chana Orloff. Ihr aus Stein und Zement geschaffener Torso von 1912 oder die Bronzebüste «Peintre juif» (Reisin) lassen sich in ihrer samthaften Geschmeidigkeit nur mit den Meisterwerken von Ossip Zadkine vergleichen, die ihrerseits für gewichtige Akzente im üppigen Angebot an erstrangigen plastischen Arbeiten sorgen. Aufblicken lässt auch der vom Galeristen Léonce Rosenberg geförderte ungarische Bildhauer Jószef Csáky, der im Unterschied zu seinem Warschauer Kollegen Elie Nadelman am Kubismus beharrlich festhielt, als die meisten Künstler der kosmopolitischen «Ecole de Paris» zu Beginn der Zwanzigerjahre zu einer figürlichen Gestaltungsweise zurückgekehrt waren und eine weichere Formgebung zu dominieren begann. Der Japaner Foujita, der mit abstrakten Farbpartikeln experimentierende Amerikaner Patrick Henry Bruce, die kubistisch inspirierten Westschweizer Alice Bailly und Jean Grotti sowie die Tschechen Georges Kars (Ji×rí Karpeles) und Franti×sek Kupka in diese stilistisch kunterbunte Anthologie einbezogen wurden, erweist sich als ebenso grosse Bereicherung wie die Angliederung eines Kabinetts avantgardistischer Fotografien. Hier ragen Dokumente einer neuartigen Sehweise von Ilse Bing, Brassaï, André Kertész, Germaine Krull und Men Ray hervor, während eine umfangreiche Werkgruppe von Chaïm Soutine mit hoch expressiven Porträts und wilden Landschaftsbildern die überaus anregende Ausstellung abschliesst. Das fasst alle Exponate reproduzierende Katalogbuch enthält nebst Kurzbiografien ein aus Stichworten bestehendes Alphabet, das über Kunstakademien, Cafés, Galerien, Salons, Verleger und Zeitschriften bilderreich Auskunft gibt.