Alles steuert auf eine Explosion hin

von Jacques Ungar, October 9, 2008
Rechtzeitig auf das arabische Gipfeltreffen von Amman hin haben die Palästinenser ihre Aktivität gegen israelische Ziele wesentlich intensiviert. Hebron, Jerusalem und Petach Tikwa waren anfangs Woche die Schauplätze der terroristischen Gewalt. Sharon verspricht Gegenmassnahmen, doch will er offenbar das Ende des Araber-Gipfels und den «Tag der Erde» der Israel-Araber vom Freitag abwarten. Diese Zurückhaltung hat ihm schwere Vorwürfe der israelischen Rechten eingetragen.
Israelische Verletzte nach Bombenattentat: Die Vergangenheit kehrt zurück. - Foto Ky

Die USA würden Druck auf die Palästinenser ausüben, damit diese dem Terrorismus ein Ende bereiteten. Mit diesen Worten reagierte US-Präsident George W. Bush in der Nacht zum Mittwoch am Telefon auf die Vorhaltungen des israelischen Regierungschefs Ariel Sharon, während Israel die gegen die Palästinenser ergriffenen Massnahmen lockern würde, hätte Arafat den Terror nicht nur nicht eingedämmt, sondern vielmehr noch intensiviert. Dabei bediene der PLO-Chef sich vor allem der «Kraft 17», der ihm direkt unterstellten präsidentiellen Garde.
Die Situation in Israel kann seit Ausbruch der El Aqsa-Intifada Ende September letzten Jahres nicht mehr als normal bezeichnet werden; seit dieser Woche jedoch muss sie mit einem kurz vor der Explosion stehenden Dampfkocher verglichen werden. Am Montag erschoss ein palästinensischer Scharfschütze in Hebron die zehn Monate alte Shalhevet Pass in den Armen ihres Vaters, der ebenfalls verletzt wurde. Am gleichen Tag konnte in Petach Tikwah eine Katastrophe verhindert werden, als eine Bombe bei einem Falafel-Stand rechtzeitig entdeckt wurde. Am Dienstag dann verlegte das Geschehen sich nach Jerusalem, wo zwei Anschläge - ein Sprengstoff-Auto und ein Selbstmörder, der sich neben einem Autobus in die Luft jagte - über 30 teils schwer Verletzte forderten. Sozusagen als Draufgabe musste am Abend eine israelische Automobilistin mit lebensgefährlichen Verwundungen ins Krankenhaus eingeliefert werden, die sie erlitten hatte, als ihr Fahrzeug von palästinensischen Steinewerfern getroffen wurde. Die täglichen palästinensischen Feuerüberfälle auf zivile oder militärische israelische Ziele in der Westbank und im Gazastreifen interessieren kaum noch; sie sind schon lange zu statistischen Notizen am Rande des Geschehens degradiert.
Die Ermordung des Kleinkindes in Hebron hat das israelische Aussenministerium veranlasst, eine neue weltweite Informationskampagne zu starten, in deren Mittelpunkt in Abweichung von bisherigen Gepflogenheiten ein Bild des toten Mädchens steht, dessen Tod in der Kampagne als «präzedenzlose Grausamkeit» und als «zynische Antwort der Palästinenser» auf die Aufhebung diverser einschränkender Massnahmen Israels dargestellt wird. Israelische Diplomaten im Ausland sind angewiesen worden, sich möglichst oft von den Medien, vor allem dem Fernsehen, interviewen zu lassen.
All diese Schritte sind gut und recht und waren zu erwarten gewesen. Der israelischen Öffentlichkeit, und in erster Linie den von den Gewaltakten direkt Betroffenen, reichen sie aber nicht. In Hebron etwa muss ein verstärktes Polizeiaufgebot rund um die Uhr dafür sorgen, dass aufgebrachte Siedler das arabische Viertel Abu Sneineh nicht stürmen. Von diesem, das jüdische Viertel «Avraham Awinu» überblickende Quartier aus wurden die in Hebron ansässigen Juden seit Jahren beschossen, und auch der Mörder der kleinen Shalhevet sass auf einem der Dächer in Abu Sneineh. Dass die Armee das Viertel zur Kriegszone erklärt und die Bewohner aufgefordert hat, ihre Wohnungen zu räumen, lässt darauf schliessen, dass irgendwann in den nächsten Tagen mit einer israelischen Vergeltungsaktion zu rechnen ist. Die Siedler fordern mehr als das: Sie wollen, dass Israel das vor einigen Jahren im Rahmen des Hebron-Abkommens geräumte Viertel zurück erobern. Die Familie des erschossenen Mädchens habe gelobt, ihre Tochter so lange nicht zu beerdigen, wie die Armee nicht wieder in Abu Sneineh eingerückt ist. Ein bei allem Verständnis für die Trauer und den Zorn der Betroffenen recht makabres Vorgehen, wenn man bedenkt, dass aus Respekt vor einem Toten die Beerdigung in Israel normalerweise am Tag des Hinschieds erfolgt. Noch makabrer wird das Ganze vor dem Hintergrund der Tatsache, dass verschiedene Rabbiner das Vorgehen der Familie ausdrücklich gutgeheissen haben. Israels Oberrabbiner Israel Meir Lau allerdings hat zur unverzüglichen Beerdigung von Shalhevet aufgerufen.
Premier Ariel Sharon macht Yasser Arafat persönlich verantwortlich für die Eskalation des Terrors und verspricht eine israelische Antwort. Die Armee empfiehlt u.a. die folgenden Massnahmen: Aktionen gegen Persönlichkeiten, die zum Terrorismus ermutigen, Angriffe gegen Einrichtungen der Palästinensischen Behörde und erneute Besetzung von Landstrichen am Rande der seit den Autonomieabkommen voll den Palästinensern unterstellten «Zone A». Sharon hat inzwischen aber begriffen, dass es etwas anderes ist, Forderung als Oppositionschef lauthals zu verbreiten, oder sie als demokratisch gewählter Premierminister in die Tat umzusetzen. So scheint Sharon vor dem Erteilen des grünen Lichtes für Gegenschläge ebenso das arabische Gipfeltreffen von Amman (zu dessen «Ehre» die Palästinenser die jüngste Terrorwelle lanciert haben) wie den «Tag der Erde» vom Freitag vorbeigehen lassen zu wollen, an dem die israelischen Araber seit 1976 jedes Jahr gegen die Landenteignung durch die Regierung und die generelle Diskriminierung protestieren. Der «Tag der Erde» wird dieses Jahr eine Premiere erleben, in dem die israelische «Frieden jetzt»-Bewegung erstmals beschlossen hat, offiziell an den Kundgebungen teilzunehmen. - Israelische Rechtskreise sind aufgebracht über die von Sharon geübte Zurückhaltung. Shaul Yahalom von der heute in der Opposition sitzenden National-religiösen Partei wirft dem Premier vor, seine im Wahlkampf dem Volk gegebenen Versprechen gebrochen zu haben. Wie dem auch sei: Israels Sicherheitskreise glauben, Arafat wolle die Region unter allen Umständen in eine Eskalation treiben und hat deshalb allen Terrororganisationen freie Hand gegeben. In Erwartung weiterer «heisser» Tage haben Armee und Polizei daher ihre Bereitschaft wesentlich erhöht. Urlaube wurden gestrichen, Kurse wurden vertagt, und bisher in Büros arbeitende Polizisten müssen bis auf weiteres in den Strassen Dienst leisten, wo es von Uniformierten und Fahrzeugen der Sicherheitskräfte nur so wimmelt.

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Dutzende von Anschlägen

Seit der Wahl Ariel Sharons zum Regierungschef haben palästinensische Terroristen dutzende von Anschläge gegen israelische Ziele verübt. Hier eine kleine Auswahl:
11. 2. 2001  Auf der von Jerusalem zum Etzion-Siedlungsblock führenden Tunnelstrasse wird Zachi Sasson aus dem Hinterhalt erschossen.
14. 2. 2001  Asur: Palästinensischer Busfahrer rast in wartende Soldaten und Zivilisten: 8 Tote.
1. 3. 2001  Kreuzung Mei Ami: Selbstmörder jagt sich in einem Taxi in die Luft. Ein Israeli stirbt.
3. 3. 2001  Netanya: Selbstmörder jagt sich in der Nähe des Marktes in die Luft: Drei tote Israelis.
19. 3. 2001  Auf der Tunnelstrasse wird Baruch Cohen von einem vorbeifahrenden Auto aus erschossen.
23. 3. 2001  Herzlia: Sprengsatz explodiert neben Restaurant. Keine Verletzten.
26. 3. 2001  Petach Tikwa: Sprensatz explodiert im Stadtzentrum. Keine Verletzten.
26. 3. 2002  Hebron: Scharfschütze erschiesst die zehn Monate alte Shalhevet Pass. Ihr Vater wird erheblich verletzt.
27. 3. 2001  Jerusalem: Autobombe explodiert vor Einkaufszentrum: 10 Verletzte.
27. 3. 2001  Jerusalem: Selbstmörder jagt sich neben Autobus in die Luft: 31 Verletzte.