Alles ist relativ
Relative Waffenruhe. Vor zwei Jahren endete die israelische Militäroperation «Gegossenes Blei», welche den Terrorverbänden im Gazastreifen das Genick brechen wollte. Acht Jahre unablässiger Raketenangriffe gegen Zivilisten rund um den Streifen wären, so argumentierten die israelischen Verantwortlichen, mehr als genug. Teile des von der Hamas regierten Gebietes wurden in Schutt und Asche gelegt, die militärische Kapazität der Fundamentalisten erlitt einen Rückschlag, der um Jahre zurückwerfen würde. Glaubten zumindest die Israeli. Seit zwei Jahren schweigen die Waffen sozusagen. Offiziell beteuert die Hamas immer wieder, renitente Splittergruppen an die Leine legen zu wollen. Schweigen und Normalität sind im Süden Israels aber umso relativer, je näher man an den Gazastreifen kommt, und die Beteuerungen der Hamas dürfen nicht zum Nennwert genommen werden. Nach zwei Jahren der relativen Waffenruhe rund um Sderot, Nahal Oz oder Kfar Azza suchen die Israeli in der Grenzregion immer noch den Weg zurück zur Normalität; das Ziel haben sie aber noch lange nicht erreicht. Sogar der Rektorin der Primarschule im Erziehungszentrum Sapir bereitet es noch Mühe, von Begriffen wie Trauma, Ängsten oder Lernstörungen der Kinder in der Vergangenheitsform zu reden. Acht Jahre, in denen über 30 Raketenalarme pro Tag Routine waren, haften eben auch nach zwei Jahren der relativen Ruhe hartnäckig in den Köpfen und Herzen von Erwachsenen und Kindern.
Relative Sicherheit. Zwei Jahre relativer Normalität. Im 1953 gegründeten Kibbuz Nahal Oz, der nur 800 Meter vor dem Gazastreifen liegt, wogt eine heftige Diskussion um die Frage, ob die ursprünglich nicht religiöse Gemeinschaft eine Synagoge bauen soll, wie eine stetig wachsende Minderheit der Mitglieder wünscht. Auf den Leibchen der auf dem holprigen Rasen kickenden Buben prangen Namen wie Messi, Ronaldinho oder FC Barcelona. Szenen einer Normalität, die durch den Blick auf den Eingang zum Unterstand am Rande des Platzes relativiert wird. Weitum sichtbar liest man dort die Worte «rote Farbe». In den Jahren vor der Normalität schepperte dieser Slogan immer dann über die Lautsprecher, wenn Raketen im Anflug waren. Jung und Alt hatten maximal 15 Sekunden Zeit, um sich in relative Sicherheit zu flüchten.
Relative Normalität. Zwei Jahre nach Einkehr der relativen Ruhe ging Nahal Oz jüngstens knapp an einer Katastrophe vorbei. Drei Thailänder wurden verletzt, als eine Rakete in ihr Wohnquartier einschlug. Die Gastarbeiter gaben der Presse gerne Auskunft: «I sleep here and then bum bum.» Die relative Ruhe erschwert den nach «action» dürstenden Medienleuten das Schaffen, doch langsam kommen sie wieder auf ihre Rechnung: Am Dienstag schlug eine Rakete im Gebiet von Regionalrat Hof Ashkelon ein, und am gleichen Tag starb ein Aktivist des Islamischen Jihad durch eine Rakete der Luftwaffe. Er soll einen Anschlag in Israel geplant haben. Keine 24 Stunden zuvor gingen drei Raketen bei Ashkelon nieder, letzte Woche starb an der Grenze zum Streifen ein IDF-Soldat durch fehlgeleitetes Feuer eigener Truppen, und vier Kameraden wurden verletzt. Zwischendurch immer wieder IDF-Vergeltung. Ruhe und Normalität am Gazastreifen sind extrem relativ. Kenner der Lage rechnen zwar nicht mit einem echten Krieg, halten aber ein Wiederaufflammen des Teufelskreises von Gewalt und Gegengewalt für möglich. «Du und ich, zusammen verändern wir die Welt.» Wahrscheinlich muss auch diese optimistische Wandinschrift im Pausenhof des Sapir-Zentrums mit Skepsis gelesen werden.