«Alles ist nun funktional»
Seit vergangenem Freitag laufen die Drähte heiss. Der Artikel über den Holbeinhof (vgl. tachles 2/12) löste zahlreiche Reaktionen aus, deren Inhalt kaum gegensätzlicher sein könnte. Zeilen wie: «Danke für den Artikel über den Holbeinhof (…), es ist genau so, wie Sie es schildern» bis hin zum Vorwurf, der Artikel sei «eine sehr grosse Unterstellung und eine grosse Lüge», erreichten die Redaktion.
Auffällig ist, dass sich ausschliesslich die Mitarbeitenden des Holbeinhofs für dessen neuen Leiter Abraham J. Guggenheim einsetzten – und zwar vehement. Innerhalb kurzer Zeit erreichten die Redaktion drei Briefe, in denen Angestellte betonen, dass Guggenheim ein «klar strukturierter Vorgesetzter» sei, von dem «nicht nur die Mitarbeiter profitieren, sondern auch die Bewohner». Der Führungswechsel habe «eine sehr hohe Verbesserung der Pflegestandards» mit sich gebracht. Einen Tag vor Redaktionsschluss erhielt die Redaktion einen weiteren Brief, den offenbar alle Angestellten, die am Dienstag im Dienst waren, unterzeichnet haben.
In ihm werden die im Artikel dargelegten Punkte scharf kritisiert – die allerdings alle auf Aussagen von Angehörigen oder auf Fakten basieren.
Konträr zu den positiven Aussagen über Abraham J. Guggenheim – der sich gar nicht gegenüber tachles äussern möchte – sind die Reaktionen von Angehörigen der Bewohner. Aus Sorge um ihre Verwandten im Holbeinhof möchten sie aber nach wie vor nicht persönlich genannt werden, da, wie eine Frau sagt, «ein Klima der Angst» herrsche.*
Jüdischer Fokus
Es scheint, als hätte vor allem die jüdische Klientel im Holbeinhof Probleme mit dem Führungsstil des neuen Heimleiters. Dass Abraham J. Guggenheim offenbar an den hohen Feiertagen gearbeitet haben soll, haben einige der jüdischen Bewohner als taktlos empfunden. Ferner habe es im Foyer eine Weihnachts-, aber keine Chanukkafeier gegeben, und auch die Idee, einen Weihnachtsbaum in der Lobby aufstellen zu wollen, passe «wohl nicht zum Grundgedanken des Vereins Jüdisches Heim La Charmille» so eine Angehörige. Der Verein La Charmille möchte Gewähr dafür bieten, dass im Kanton Basel-Stadt eine Heimstätte für ältere Menschen jüdischen Glaubens, denen Unterkunft, Pflege und Fürsorge gewährt werden soll, geführt wird. Diesen Grundsatz sieht Andreas Waldmann, Präsident des Vereins La Charmille und Vizepräsident der Stiftung Holbeinhof, offenbar nicht gefährdet. Er nimmt gegenüber tachles wie folgt Stellung: «Ich bin seit 20 Jahren Präsident des Vereins Jüdisches Heim La Charmille. Während dieser Zeit haben wir zwei entscheidende Änderungen erfahren: Im Jahre 2000 zog unser Heim von Riehen nach Basel. Dabei wurde aus einem jüdischen Heim mit mehrheitlich christlichen Bewohnerinnen und Bewohnern ein duales Heim jüdisch – nicht jüdisch. Ein einmaliges Heim mit Vorbildcharakter, über welches schon viel geschrieben worden ist. Auch damals gab es unbegründete Ängste, dass La Charmille ihren jüdischen Charakter verliert.» Nun sei im August 2011 die zweite grosse Änderung eingetreten, da Ruedi Hoffmann, der 17 Jahre mit Erfolg für den Verein tätig gewesen sei – sieben Jahre im La Charmille und zehn Jahre im Holbeinhof –, seinen Stab an Abraham J. Guggenheim übergeben habe. Waldmann fügt hinzu: «Selbstverständlich findet dieser Wechsel grosse Beachtung, wird auch kritisch hinterfragt. Das ist gut so, denn wir benötigen das Echo, die Rückmeldung unserer Bewohnerinnen, Bewohner, deren Angehöriger und unseren Mitarbeitenden. Schliesslich stehen wir für unser Heim voll ein.»
Kommunikationsprobleme
Um die Wünsche und Bedürfnisse der Angehörigen zu erfahren, fand Anfang Dezember ein Angehörigenforum statt. Die Probleme, die nun seitens der Angehörigen gegenüber tachles geäussert werden, wurden dort offenbar nicht angesprochen. Ein Teilnehmer berichtet, dass es schwierig sei, Bedenken gegenüber dem neuen Leiter zu äussern, wenn dieser selbst durch den Abend leite. Zudem seien einige Menschen bereits nach dem ersten Vortrag gegangen, da am selben Abend das Champions-League-Spiel stattfand, an dem der FC Basel gegen Manchester United gespielt hat.
Fakt ist, dass an diesen Abend versäumt wurde, Probleme zu thematisieren und zu diskutieren, die den Angehörigen offenbar auf der Seele liegen.
Vermehrt wurde tachles erzählt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner im Pflegebereich nun viel früher als bisher ins Bett gebracht würden – auch wenn sie noch gar nicht müde seien. «Alles ist nun funktional und die Menschen werden
frühestmöglich ins Bett gebracht» heisst es, oder: «Meine Grossmutter kann nun abends nicht mehr wie gewohnt fernsehen und dämmert bereits am frühen Abend vor sich hin.»
Waldmann widerspricht dem und teilt tachles mit: «Offensichtlich liegt hier eine falsche Information vor. Seit Anbeginn wird das Nachtessen im Saal um 18.30 Uhr serviert, die Vorbereitung auf die Nachtruhe erfolgt dementsprechend wesentlich später.» Diese Aussage trifft allerdings nur auf die Menschen zu, die alleine zum Abendessen ins Restaurant gehen können. An den Stationen, so Waldmann «besteht die Möglichkeit, früher zu essen, dies allerdings nur auf ausdrücklichen Wunsch des Bewohners respektive der Bewohnerin.»
Widersprüchliche Aussagen
Die Aussagen widersprechen sich hier ebenso wie bei einem anderen Thema. So werden neu die Verstorbenen nicht mehr mit dem Warenlift aus dem Heim gebracht, sondern mit dem normalen Lift – woran sich Angehörige von Heimbewohnern stossen. Eine Frau sagt: «Ich fände es eine Zumutung, sollte meine Mutter nun im Lift neben einem Sarg ins Erdgeschoss fahren müssen». Waldmann erklärt, dass diese Änderung nach Anregung des Pflegepersonals
beschlossen worden sei: «Bis anhin sind die Toten mit den Warenlift wegtransportiert worden. Die Pflegenden haben dies nicht als angemessen empfunden, weshalb neu nach Rücksprache mit Rabbiner Yaron Nisenholz der Abtransport mit dem normalen Lift erfolgt.» Waldmann hält fest, dass die Beschwerdepunkte, auf die tachles ihn angesprochen hat, «weder an unserer Vorstandssitzung noch anlässlich des Angehörigenforums vom Dezember, an dem immerhin 60 Angehörige unserer Bewohnerinnen und Bewohner teilnahmen, beanstandet wurden».
Religiöse Koexistenz
Deutlich wird, dass über Sorgen und Bedürfnisse im Holbeinhof nicht transparent gesprochen wird – vor allem wohl aus Sorge um die oftmals pflegebedürftigen Bewohner. Wenn die Angehörigen ihre Anliegen aber nicht offen äussern, kann auch nicht auf ihre Probleme eingegangen werden.
Seitens der Mitarbeitenden, die sich hinter ihren neuen Vorgesetzten stellen, werden gegenüber tachles allerdings auch – trotz mehrfacher Rückfrage – kaum konkrete Fakten genannt. Zwei Mitarbeiterinnen wollten tachles vor Ort zeigen, inwiefern der Pflegestandard sich verbessert habe, dann aber wurde eine Einschränkung gemacht und es hiess: «Wir lassen uns auf einen Termin ein, wenn unsere Leserbriefe gedruckt wurden.» Schriftlich wird schliesslich von einer Mitarbeiterin auf Verbesserungen hingewiesen: «Gelder für die Pflege wurden wenig bis nicht investiert zu Zeiten von Herrn Hoffmann». Jetzt werde auf gute Qualität geachtet und man wolle in Produkte wie Betten, neue Matzratzen, Rollstühle oder Geräte investieren. Auch für die Mitarbeitenden sezte man sich in Form von Aus- und Weiterbildungen stärker ein.
Eine Fachangestellte aus dem Bereich Gesundheit schreibt: «Herr Guggenheim ist sehr bewohnerorientiert und engagiert sich sehr stark für die Bewohner. Und wenn ich von den Bewohnern spreche, dann mein ich alle und nicht nur die jüdischen Bewohner sowie die geistig Fitten. Ich weiss, dass Herrn Hoffmann die Bewohner auch wichtig waren, aber ihm waren die jüdischen Bewohner und die geistig Fitten wichtiger, zumindest wirkte das auf mich so.» Dies wird von einer anderen Angestellten bestätigt, die schreibt: «Wir erleben nun mehr Möglichkeiten, auch im christlichen Bereich geschätzt zu werden.» Sie fährt fort: «Als Chef ist Herr Guggenheim kompetenter, kollegialer, strukturierter, transparenter und zielstrebiger und Herr Hoffmann ist eher als ein lustiger Gesellschafter geeignet.» Dieser persönliche Kontakt, den Ruedi Hoffmann mit zahlreichen Bewohnerinnen und Bewohnern pflegte, scheint diesen heute vor allem zu fehlen. Inwieweit sich dieser Verlust aber auf die Qualität des Holbeinhofs im Hinblick auf die Pflege, Unterkunft und Fürsorge gerade der jüdischen älteren Menschen auswirkt, kann wohl nur ausgemacht werden, wenn eine offene Kommunikation stattfindet. Ferner stellt sich die Frage, ob die neue Leitung des Holbeinhofs schlicht die Auflagen des Alters- und Pflegeheims, das paritätisch von der Bürgergemeinde der Stadt Basel, dem Bürgerspital Basel und dem Verein Jüdisches Heim La Charmille getragen wird, erfüllt, und ein Teil der Angehörigen wie Bewohner nicht bereit ist, die nötigen Kompromisse einzugehen. Denn dann würde das bislang praktizierte Modell der religiösen Koexistenz im Holbeinhof auf dem Spiel stehen.
*Alle Namen sind der Redaktion bekannt.