«Alle Archive öffnen»

von Ruth E. Gruber, October 9, 2008
«Wesentliche Fortschritte» bei der Untersuchung veröffentlichter Dokumente des Vatikans im Zusammenhang mit dem Holocaust hat ein Team jüdischer und katholischer Wissenschafter nach eigenen Angaben erzielt. Gleichzeitig wiederholte das Team seinen Appell an den Vatikan, die bisher geschlossenen Archive aus der Kriegszeit Forschern zugänglich zu machen.
Neue Dokumente sichten: Hinter den Mauern des Vatikan verbirgt sich die Wahrheit in den Archiven. - Foto Keystone

«Wir sind nach wie vor an einer vollumfänglichen Öffnung des Archivmaterials interessiert», erklärt die Internationale Katholisch-Jüdische Historikerkommission in einer Verlautbarung im Anschluss an eine viertägige Konferenz in London. Der Kommission, die einmal zuvor getagt hatte, gehören je drei jüdische und katholische Wissenschafter an. Sie ist im vergangenen Herbst gemeinsam vom Vatikan und der Internationalen Jüdischen Kommission für interreligiöse Beratungen (IJCIC) gegründet worden. Ihr Mandat bestand darin, die elf Bände, der vom Vatikan zwischen 1965 und 1981 veröffentlichten Archive aus dem 2. Weltkrieg im Hinblick auf eine Klärung der Rolle der Römisch-katholischen Kirche und von Papst Pius XII.

Zögernde Haltung

Die Kommission hatte die Befugnis, Fragen und Themen zur Sprache zu bringen, die durch die publizierten Dokumente nicht geklärt werden konnten. Auch hatte sie das Recht, um weitere Erläuterungen nachzusuchen, welche möglicherweise durch bisher unveröffentlichtes Material aus geheimen Archiven des Vatikans erbracht werden konnten. Schon zu Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit gelangten alle sechs Wissenschafter zum Schluss, die Archive des Vatikans aus der betreffenden Periode sollten vollständig zugänglich gemacht werden. Das gleiche Ziel verfolgen seit langem jüdische Organisationen, wobei der Vatikan eine sehr zögernde Haltung an den Tag legt. In einer Verlautbarung im Anschluss an ihr Treffen vom letzten Dezember hatte die Kommission «vollen Zugang» zum archivierten Material verlangt. «Die Verpflichtung zur Öffnung der Archive ist für uns von vordringlicher Bedeutung», erklärte IJCIC-Chef Seymour Reich.

Zweideutige Fragen

Die Durchsicht der elf vom Vatikan bisher veröffentlichten Bände hätten «Zweideutigkeiten, Fragen und Lücken» zutage gefördert. Dem Vernehmen nach beziehen einige der Fragen sich auf das Schweigen des Vatikans angesichts der Verfolgung von Juden, aber auch Priestern und sonstigen Katholiken durch die Nazis. Diese Thematik wird in einem Bericht behandelt werden, der an der nächsten Sitzung der Kommission im Juli in Baltimore vorgelegt werden soll. «Wir haben wesentliche Fortschritte erzielt», erklärte die Kommission diese Woche. «Wir sind zuversichtlich, dass wir mit unserer Zusammenarbeit als jüdische und katholische Wissenschafter in dieser schwierigen und kontroversen Angelegenheit zu einem tieferen Verständnis dieser schmerzvollen Periode beitragen werden. Wir hoffen, gemeinsam die Diskussion über das Niveau der hitzigen Polemik hinauszutragen.»

JTA