«Alexandria, warum?»
Lawrence Durrell definiert das typische Alexandrinische im «Alexandria Quartet» folgendermassen: «Capitally, what is this city of ours? What is resumed in the word Alexandria? Five races, five languages, a dozen creeds» (Was ist unsere Stadt? Was umfasst das Wort Alexandria? Fünf Rassen, fünf Sprachen, ein Dutzend verschiedener Glaubensrichtungen). Man muss die Stadt von innen her ergründen, um den multikulturellen Fächer aufzuschlagen. Das Meer soll warten. Der Bahnhof, Masr Station von 1854, hat bessere Zeiten hinter sich. Beys in rotem Fez, griechische Händler oder englische Touristinnen trifft man nicht mehr. Stattdessen ägyptische Landarbeiter auf Arbeitssuche, Geschäftsleute aus Kairo und viel Polizei. Im gelb-schwarzen Taxi geht’s in Richtung Mahatet el Raml, das Stadtzentrum am Meer. Hotel Cecil, Salon de Thé Délices, Pâtisserie Trianon. Hier pulsierte es einst; Fiaker fuhren elegante Damen zum Five O’Clock Tea, man sprach Griechisch, Italienisch, Französisch, Englisch, Arabisch oder ein Gemisch von allem. Es ist beschaulich geworden; der kosmopolitische Touch ist weg. Um das Ambiente nostalgisch aufzubereiten, wurde fleissig renoviert. Potemkinsch, zum Meer hinaus strahlen die Fassaden um die Wette, an den Hintereingängen zum Festland hin bröckelt der Putz. Das Metropol fällt bescheidener aus als das Cecil, aber nicht minder eminent. 1902 von italienischen und griechischen Architekten erbaut, soll, laut Hotelbroschüre, der griechische Dichterfürst Konstantin Kavafis (1863–1933) hier gedichtet haben. Möglich ist’s, seine Wohnung liegt um die Ecke. Kavafis war von Alexandria besessen: «Du findest keine neuen Länder, du findest keine neuen Ufer. Die Stadt wird dir folgen. Du streifst durch dieselben Gassen, du alterst in denselben Vierteln, dein Haar ergraut in denselben Häusern.»
Lebendiges Damals
In Gaza ist der Teufel los. Ein historisch ungünstiger Zeitpunkt für die Eliahou-Hanabi-Synagoge an der Nabi-Daniel-Strasse. Der Polizist mit Walkie-Talkie und Kalaschnikow ist zwar nicht furchteinflössend, aber misstrauisch. Warum der «ma’bad jahudi» ausgerechnet jetzt so interessant sei? Der rote Pass mit weissem Kreuz wirkt Wunder, die Ägypter, sogar die gefürchtete Staatssicherheit, tragen Ausländer auf Händen. Die 150-jährige Synagoge ist die einzige noch übrige in der Stadt. Von der berühmten jüdischen Gemeinde sind nur noch eine Handvoll Juden übrig. Durch die instabile Lage im In- und Ausland sind sämtliche jüdischen Einrichtungen Ägyptens Hochsicherheitstrakte.
Ben Youssef Gaon, Präsident der jüdischen Gemeinde, begleitet ägyptische Juden aus Kanada durch den Tempel. «Jeder Schritt bringt Tränen», sagt die 68-jährige Marisa aus Québec über ihre Begegnung mit Ägypten nach 60 Jahren. Mattatia, Barda, Vivante, Misrahi, Rossano, ihre Namen sind an den Holzbänken angebracht. Und plötzlich wird das Damals lebendig. Gaon wirkt zuversichtlich, spricht vom Rabbiner aus Tunis, der zu Feiertagen eingeflogen wird, und weicht brisanteren Fragen aus. Verständlich. Schliesslich will er sich’s mit den Behörden nicht verscherzen.
Die Spurensuche geht weiter. Teherani, Guetta, Melamed, Pontremoli, die Toten von Mazarita. Der Ort ist vernachlässigt, trotz marmorener Hier-war-der-Präsident-Tafel. Der Wärter begrüsst die Besucher sehr herzlich; er habe in seiner Jugend die Alexandriner Juden erlebt; «ahsan nas», die besten Menschen seien sie gewesen. Sein Alter lässt nicht gerade auf einen Zeitzeugen schliessen, das Bakschisch ist ihm allemal sicher. Der Friedhof liegt im Stadtinneren, umringt von Hochhäusern aus der Jahrhundertwende mit Romeo-und-Julia-Balkons. Benzinkanister zwischen Palmen und Sträuchern durchbrechen zwar die Würde, vermitteln trotzdem etwas Lebendiges. Die Grabsteine erzählen rührende Geschichten über die Nacsons, Hazans, Weinbergs, es sind Botschaften an die Hinterbliebenen.
Mythisch verklärte Stadt
Auf in die Trödlerläden von Attarine, der Nostalgie ist kein Entrinnen. Seit der Fernsehserie über den letzten König Ägyptens, Faruq I., an Ramadan 2007 ist Monarchisches hoch im Kurs, vor allem Nippes und Fotos. Die Königskinder samt englischer Nanny auf Skiurlaub in der Schweiz, Ballszenen mit tanzenden Prinzessinnen in Roben à la Sissi, Champagner ohne Ende. So soll Ägypten gewesen sein? Der Besucher sieht sich um und staunt. Und plötzlich dringt es wieder durch, das Vergangene: Elegante Stadtpalais säumen die Scharia Fuad, die Rue Saint Honoré Alexandriens. Der Patio des Sayed-Derwish-Theaters mit seinen Palmen versprüht mediterranes Ambiente. In den Kojen des Salon de Thé Vinous aus dem Jahre 1901 schwärmen ägyptische Liebespaare scheu füreinander. Bei Pastroudis, einem Etablissement aus den zwanziger Jahren, sind mehr Kellner als Gäste. Dennoch, die schweren, dunkelrosa Damastvorhänge und das schummrige Licht fühlen sich so an, als würde nächstens zum Thé dansant aufgespielt. Alexandria ist heute durch und durch ägyptisch, denn nicht nur Europäer, sondern auch Ägypter haben es mythisch verklärt. Der exzentrische Regisseur Youssef Chahine beispielsweise zeichnet im Epos «Alexandria, warum?» ein felliniartiges Porträt Alexandrias während des Zweiten Weltkriegs. Nagib Machfus’ Erzählung «Hotel Miramar» spielt bereits in den sechziger Jahren, also nach der Âge d’or.
Wirkt die Stadt gegen innen nostalgisch, eng und etwas melancholisch, so öffnet die 25 Kilometer lange Uferpromenade den Blick in die Weite. Das Meer macht Alexandrien erst komplett. In den Sommermonaten strömt die verarmte ägyptische Mittelschicht an die einst mondänen Strände von Chatby, Stanley und Sidi Bishr. Die Reichen sind längst in ihre Villen an die Nordküste ausgewichen. Entlang der Corniche präsentiert sich Alexandria von seiner Schokoladenseite. Es fügen sich alle Epochen aneinander, die diese Stadt so einzigartig machen. Gen Osten erhebt sich das Wahrzeichen des modernen und antiken Alexandrias die Bibliotheca Alexandrina. Mit dem markanten Bau – 50 v. d. Z. brannte die ursprüngliche Bibliothek ab – soll an das Alexandrien des Wissens angeknüpft werden. Von der Terrasse des Coffeeshops schweifen die Gedanken bereits zum nächsten Wahrzeichen: die Nekropole von Chatby aus dem vierten Jahrhundert v. d. Z., am Fuss des Collège Saint Marc, der frankophonen Eliteschule von Generationen von Alexandrinern. Architektonische Sünden, wie das Hotel San Stefano, sind der Corniche auch nicht erspart geblieben. Gott sei Dank, es ist nicht mehr weit nach Montazah. Eingeschlossen und abgeschottet, Noblesse oblige, verbrachte die ägyptische Königsfamilie hier ihre Sommerfrische. Der gepflegte Park gehört an Freitagen den Alexandriner Familien. Im Königspalast residieren die Staatsgäste Mubaraks. Die sozialistischen Revolutionäre von 1952 haben sich die Paläste des Ancien Régime ohne Wimpernzucken unter den Nagel gerissen. Pecunia non olet. Von Montazah aus sieht man bis zur Festung Qaitbay, der Mamelukenfestung aus dem 15. Jahrhundert. Über dem blauen Wasserfeld geht bald die Sonne unter. Höchste Zeit, beim Griechen Athineos den Sonnenuntergang und ein Stella-Bier zu geniessen und etwas festzuhalten von all dem. Und wenn es dunkel wird über Alexandria, dann gibt’s im Restaurant Blue Lagune des griechischen Clubs frischen Fisch. An dieser atemberaubenden Location mit Blick aufs Meer ist «Alexandria, warum?» gar keine Frage mehr. ●
Jasmina El-Sonbati ist Journalistin und lebt in Basel und Kairo.