Akzeptanz gefordert

Von Gisela Dachs, January 20, 2012

Mulet Hararo, 26 Jahre alt, hat sich eine Gesichtshälfte weiss, die andere schwarz bemalt, in seinem Rucksack steckt die israelische Flagge. Auf seinem T-Shirt steht «Steh auf und sei schockiert, Israel». Am Montag war der Armeeoffizier und Sportstudent von seiner Heimatstadt Kiryat Malachi zu einem dreitägigen Marsch nach Jerusalem aufgebrochen, wo er vor der Knesset zu einem Protest gegen Rassismus und Diskriminierung aufrief. Hararo, dessen Familie aus Äthiopien stammt, hat seine Initiative via Facebook gestartet und will auf das Schicksal dunkelhäutiger Israeli aufmerksam machen. «Ich möchte, dass Israel aufhört, Juden aus Äthiopien ins Land zu bringen, bis es eine geeignete Infrastruktur besitzt und diese Menschen auch akzeptiert», sagt er. Im Gegensatz zu der Generation seiner Eltern sei die junge Generation nicht mehr bereit, die Ausgrenzung hinzunehmen. «Warum sollte es Kindergärten ausschliesslich für Äthiopier geben?», fragt er. Die Wogen kochten hoch, nachdem vor Kurzem in Kiryat Malachi bekannt geworden war, dass in einem Häuserkomplex die inoffizielle Abmachung galt, keine Äthiopier als Bewohner aufzunehmen. Aber das ist nur eines von vielen Indizien, die die Medien dazu gebracht haben, sich generell genauer mit den schwierigen Verhältnissen der äthiopischen Einwanderer zu beschäftigen. Erst an diesem Dienstag wurde erneut eine Tragödie aus diesen Kreisen bekannt. In Rishon Lezion hatte ein Vater von drei Kindern zunächst seine Frau erstochen und dann sich selber umgebracht: Yeshi Amara war bereits die dritte äthiopische israelische Frau, die in den vergangenen zwei Monaten von ihrem Mann ermordet wurde. Nach Angaben der Hilfsorganisation Sela gab es in den letzten zehn Jahren 28 solcher Fälle. Micha Feldman, der sich bei Sela um die äthiopischen Einwanderer kümmert, führt die Eskalation der Gewalt auf fehlende Vermittler zurück, eine Rolle, die in Äthiopien von den Dorfältesten oder Familienangehörigen übernommen worden sei. «Es gab dort Gewalt, aber kein Blutvergiessen. Die Männer nannten es ‹Erziehung von Frauen› und die Gemeinde akzeptierte das, solange es nicht zum Mord kam. In Israel fehlen die Vermittler. Die Älteren haben hier das Ansehen verloren und das der Männer ist auch gesunken, während die Frauen stärker geworden sind.»