Aktive rechtsextreme Szene

Von Hans Stutz, March 11, 2011
In Genf sind mehrere rechtsextreme Gruppen aktiv. Eine kleine Übersicht.

Zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten hingen in den ersten Märztagen in Carouge bei Genf Flugblätter, die für das antisemitische Buch «La mafia juive» des französischen Rechtsextremisten Hervé Ryssen warben. Das Flugblatt tauchte in den vergangenen Monaten auch in verschiedenen französischen Städten auf. Bisher ist nicht bekannt, wer diese Propaganda in der Schweiz verbreitet.
Eindeutig einschätzbar ist die Gruppe Mouvement Identitaire Genevois, die sich in der Vorortsgemeinde Grand-Saconnex an den Gemeindeparlamentswahlen vom kommenden Wochenende beteiligt. Die sogenannten Identitaires sehen die Genfer Vorortsgemeinde «verdorben durch den Abschaum», womit sie im Allgemeinen Linke und Ausländer, im Speziellen aber Muslime meinen. Der 22-jährige Identitaires-Kandidat Benjamin Perret hat bereits eine Beteiligung an den kantonalen Wahlen 2013 angekündigt.

Neue rechtsextreme Strömungen

Die Identitaires sind eine neuere rechtsextreme Strömung in den französischsprachigen Ländern. Sie berufen sich auf eine «europäisch-weisse Identität», lehnen die Einwanderung aus anderen Kontinenten ab und agieren vor allem muslimfeindlich. Sie gehörten zu den Mitorganisatoren eines Pariser Kongresses Mitte Dezember 2010, an dem auch der Waliser SVP-Nationalrat Oscar Freysinger auftrat. Der 26-jährige Genfer Jean-David Cattin gehört in Frankreich zu den führenden Vertretern der Bewegung.
In den vergangenen Monaten ist in Genf eine weitere rechtsextreme Gruppe an die Öffentlichkeit getreten, Genève non conforme, in der vorwiegend junge Männer aktiv sind. An einem bis anhin unbekannten Ort in Genf soll Ende März der italienische Neofaschist Gianluca Iannone auftreten. Iannone ist Sänger einer einschlägig bekannten Band und Aktivist einer subkulturellen Bewegung, die in Rom ein Haus besetzt und dort ein Zentrum («Casapound», benannt nach amerikanischen Dichter und Mussolini-Verehrer Ezra Pound) eingerichtet hat. Bereits Mitte Februar hatten knapp ein Dutzend Genève-non-conforme-Aktivisten mit Sirenengeheul in der Altstadt die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten im Februar 1945 beklagt.

Ausnahmefall Genf

In den vergangen Monaten aktiv war auch der 53-jährige Anwalt Pascal Junod – wie seit Jahrzehnten vor allem in rechtsextremen Studienzirkeln wie dem Cercle Proudhon, auch pflegt er das Andenken an den französischen Kollaborateur und Schriftsteller Robert Brasillach, der im Frühling 1945 hingerichtet wurde. Insgesamt ist Genf zurzeit die einzige Schweizer Stadt, in der mehrere rechtsextremistische Gruppierungen nebeneinander und regelmässig tätig sind.