Akten in Polen von höchster Symbolik

von Gisela Blau, October 9, 2008
Die Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK) steht vor der zweiten Halbzeit ihres Ende 2001 auslaufenden Mandats. Die zweite Hälfte ihrer Tätigkeit wird geprägt sein durch den Abschluss der Recherchen mit Hilfe der gegenwärtig noch 30 Forschenden in der Schweiz sowie 10 im Ausland, auch durch Konsolidierung, Produktion - und Finanzprobleme. Von höchster Symbolik für die jüdische Welt ist die Tatsache, dass erstmals auch Akten in Polen aufgearbeitet werden können.

Die zweite Halbzeit der UEK scheint nicht nur geprägt von befriedigender Forschungstätigkeit und Beginn der Schlussredaktion, sondern erstaunlicherweise auch durch finanzielle Sorgen. Eine zu grosse Summe muss von der Kommission in die Übersetzungen investiert werden, zu denen sich Kommissionspräsident Jean-François Bergier vor der Publikation des Gold-Zwischenberichts gegenüber dem damaligen Aussenminister Flavio Cotti verpflichten musste. Diese Verpflichtung wirkt in jeder Hinsicht kontraproduktiv: Sie geht entgegen dem Bundesbeschluss zulasten des Kommissions-Budgets, sie verzögert die Publikationen und sie bindet Arbeitskräfte, weil die Übersetzungen genauestens kontrolliert werden müssen. Negatives Fallbeispiel ist die kürzlich erschienene Kürzestfassung des Goldberichts, der voller dummer Fehler steckt, wie eine verärgerte Zuschrift in der NZZ richtig bemerkte. Der Flüchtlings-Zwischenbericht, der letzte Woche zu zwei Dritteln durch die Gesamtkommission verabschiedet wurde und Ende November zusammen mit mehreren separaten, aber dazu gehörenden Studien publiziert werden soll, wird noch in vier Sprachen inklusive Englisch übersetzt. Das gleiche gilt für den Syntheseteil des Schlussberichts. Die rund 15 Studien, die zum Schlussbericht gehören, werden dagegen in der jeweiligen Sprache des Schreibenden erscheinen. Drittes Element des Schlussberichts wird eine mit Spannung erwartete Quellen-Edition sein. Ziemlich sicher nicht mit Geldproblemen dürfte es allerdings zu tun haben, dass gewisse dieser Studien gestrichen wurden. Sie passten wohl eher nicht ins Konzept gewisser Vorstellungen vom Schlussbericht. Aufhorchen lässt denn auch, weshalb erst jetzt, wie an der Halbzeit-Medienkonferenz, von Budgettransparenz und Sparen gesprochen wird. Die 22 Millionen Franken sollten eigentlich reichen. Mit einem derartigen Budget hätten einige Dutzend historische Bücher über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg erarbeitet werden können. Professor Bergier antwortete denn auch auf die Frage nach der Existenz politischer Druckversuche, namentlich seit dem Bankendeal vom letzten Sommer, es gebe zwar keine, aber es sei klar, dass der Bundesrat weder das Mandat verlängern noch das Budget erhöhen werde... Die noch geplanten rund 15 Studien betreffen die Raubkultur, NS-Absetzbewegungen und -Tarnungen, Kriegsmateriallieferungen, Schweizer Industrie und Handel im NS-Machtbereich, Aussenwirtschaftsfragen, Chemie und Pharmazie, Versicherungen und Banken im NS-Machtbereich sowie die jeweilige Nachrichtenlosigkeit von Konten und Policen, Roma und Sinti, Menschenhandel und Freikauf durch Lösegelder, die generelle Medienberichterstattung in jener Zeit, auch Personentransite durch die Schweiz und ein Vergleich des Schweizer Rechts mit dem Völkerrecht. A propos Recht: Der Flüchtlings-Zwischenbericht wird im Gegensatz zum Gold-Zwischenbericht bereits mit einem Rechtsgutachten erscheinen, der vom Berner Professor Kälin erarbeitet wird.
Mit Spannung darf auf den Aspekt «Interhandel» gewartet werden, die längst fällige Arbeit über die Affäre der Schweizer Tarnfirma im Besitz der IG Farben, die Kreise bis in die USA zog und im Endeffekt die damalige Bankgesellschaft zur grössten Schweizer Bank machte. Der Beamte, der nach dem Krieg die Affäre untersuchte, trägt seit mehr als 50 Jahren einen bundesrätlichen Maulkorb, seine Berichte stehen noch immer unter Verschluss. Doch nun konnte der Historiker Mario König im Auftrag der Kommission mit dem betagten, aber voller präziser Erinnerungen steckenden Albert Rees sprechen und seine Berichte aus den Jahren 1945/46 einsehen. Besonders diese seien wegen der erwähnten, teilweise seither nicht mehr vorhandenen Dokumente sehr wertvoll, sagte König zur JR. Die Kommission besitzt das Archivprivileg, das mit dem Mandatsende erlöschen wird. Nach der Hälfte der Mandatszeit zeigt es sich, dass dank der intensiven Aufbau- und Forschungsarbeit, die namentlich vom Forschungsleiter Jacques Picard geleistet wurde, die Teams, teils in neuer Formation, nun selbständig arbeiten und in die Redaktions- und Produktionsphase der zweiten Halbzeit eintreten können. Die an der Medienkonferenz referierenden Teamchefs machten einen hervorragenden Eindruck bezüglich Fachkenntnissen, Systematik und nicht zuletzt Engagement. Die breite Palette der 15 Studien wird mit Hilfe einer beeindruckend umfassend wirkenden Datenbank erarbeitet. Sie umfasst mehr als 100 Archive und die Forschungsresultate. Was mit ihr nach Mandatsende geschieht, ist noch nicht klar. Sie geht jedenfalls samt allen anderen Materialien der Kommission in den Besitz des Bundes über. Eine interessante Strategie der Kommission ist es, Parallelakten aus dem Ausland und Inland sowie aus öffentlichen und privaten Archiven zu verwenden. Wird im Ausland ein Element gefunden, lässt sich im Inland, damit konfrontiert, manchmal eher ein Resultat erzielen. Die Arbeit erfolgt bei den meisten Themen nicht flächendeckend, sondern anhand von Fallbeispielen, die Raster und System stützen. Längst hat es sich bewahrheitet, was einzelne Kommissionsmitglieder öffentlich erklärten, dass nämlich der Name Schweiz-Zweiter Weltkrieg zu eng gewählt wurde. Eigentlich handelt es sich bei allen Nachforschungen um das Verhältnis der Schweiz zu den Vorgängen im NS-Machtbereich zwischen 1930 und 1950. Besonders aufschlussreich sind dabei auch die in Moskau lagernden deutschen Beuteakten, die von Kommissionsmitarbeitern durchgearbeitet werden konnten. Es gibt jedoch einen Archiv-Aspekt, der politisch und insbesondere für die jüdische Welt von allergrösster Bedeutung ist: Erstmals dürfen auch Akten aus dem polnischen Raum, dem damaligen Warthegau und Generalgouvernement, von der Kommission intensiv konsultiert werden. Diese Tatsache ist, auch global gesehen, von höchster Symbolik.