Acht Morde in knapp einer Woche

von Jacuqes Ungar, October 9, 2008
Acht israelische Menschen wurden innert knapp einer Woche ermordet. Entweder störten sie jemanden beim Fernsehschauen, sassen auf dem falschen Liegestuhl oder fuhren einem anderen Autofahrer zu forsch. Trotz der stetig um sich greifenden Gewaltwelle konzentriert das Interesse der Öffentlichkeit sich nachwie vor auf die politische Szene: Dort haben am Dienstag die Shas-Minister ihre Demission eingereicht - was zwar einiges, noch längst aber nicht alles heissen will.

«Israels Gesellschaft ist gewalttätig, erschreckend und bis zu einem tödlichen Grade ungeduldig geworden.» Mit dieser Feststellung kommentiert die Zeitung «Yediot Achronot» am Dienstag die Welle von Gewaltverbrechen, die das Land letztens überrollt hat. Vom Mittwoch der letzten Woche bis zum Dienstag dieser Woche mussten in Israel nicht weniger als acht Mordfälle registriert werden. Neben diversen Abrechnungen im Unterwelt-Milieu gab es dabei auch Vorfälle zu verzeichnen, die aufrütteln sollten: Ein 29-jähriger Mann wird am Strand von Tel Aviv im Streit um einen Liegestuhl erstochen. Weil er sich durch die Fahrweise eines anderen Autofahrers (46) auf der Strasse bedroht fühlte, schlug ein Mann so auf diesen ein, dass dessen angegriffenes Herz dem Stress nicht mehr gewachsen war. Und schliesslich musste ein zweijähriges Kleinkind mit dem Leben büssen, weil der Freund der Mutter, der ein Fussballspiel am Fernsehen verfolgte, den Lärm des Babies nicht mehr ertrug. Er drosch solange mit dem Gürtel auf den Jungen ein, bis er ruhig war. Angesichts dieser Schilderungen hat man Verständnis, wenn «Yediot Achronot» zum Schluss gelangt, Israel sei in gefährliche Nähe von «Sodom und Gomorrah» gerückt. Ein Mord an sich ist schon schrecklich genug, doch die Dimension des Schreckens weitet sich beinahe ins Endlose aus, wenn man die demnächst zur Routine werdende Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit zur Kenntnis nimmt, welche die Täter zusehends motiviert. Premierminister Ehud Barak hat eine dringende Debatte zur sich ausweitenden Welle der Gewalt in Israel anberaumt, doch wer weiss, wie sehr Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens mit anderen, offenbar wichtigeren Dingen beschäftigt sind, kann sich ausmalen, mit welcher Energie und mit welchem Einsatz das Thema Gewalt angegangen wird.

Gewalttätige Eltern und Jugendliche

Dabei beginnt die Gewaltanwendung in Israel bereits unter Jugendlichen. Gemäss einer von Akademikern der Hebräischen Universität von Jerusalem und der Universität von Michigan im Auftrag des Erziehungsministeriums durchgeführten Studie sind heute über die Hälfte der israelischen Primarschüler schon geschlagen worden, und fast 5 Prozent der Gymnasiasten wurden schon einmal mit einer Waffe bedroht. Zudem werden nach Aussagen der Wissenschaftler Schüler sehr oft verbal bedroht. Das gilt z.B. für rund die Hälfte der Primarschüler des Landes.Angesichts der geschilderten Entwicklungen fällt es schwer, sich dem politischen Alltag Israels zuzuwenden. Viel anderes bleibt aber nicht übrig, stossen Themen wie die an sich jämmerliche, künstlich hochstilisierte Koalitionskrise oder die Verhandlungen mit den Palästinensern in der Öffentlichkeit doch auf weit stärkeres Interesse als die eingangs gestreiften brennenden Probleme der israelischen Gesellschaft. Baraks Schwierigkeiten mit seinem Regierungspartner Shas eskalierten am Dienstag Nachmittag, als die Partei die Demissionsschreiben ihrer sieben Minister und Vize-Minister im Büro des Premierministers abgab. Bis Dienstag hatten Vertreter von Shas und der Arbeitspartei noch intensive Verhandlungen über noch offene Fragen geführt, die für Sonntag angesetzt gewesene Kabinettssitzung war verschoben worden, um den Shas-Ministern keinen Grund zu geben, ihre Rücktrittsdrohungen wahrzumachen, und allgemein sprach man von wesentlichen Fortschritten. Nachdem nun aber die von Rabbi Ovadia Yosef «gemanagten» Shas-Politiker in der Erfüllung ihrer Forderungen nicht restlos befriedigt worden sind, haben sie am Dienstag einmal ihren Abschied eingereicht. Da in Israel Demissionen erst 48 Stunden nach ihrer schriftlichen Bekanntgabe wirksam werden (d.h. heute Donnerstag Nachmittag), hatten Shas wie Arbeitspartei noch jede Menge Zeit, die letzten Hindernisse auszuräumen, die einer Weiterführung der bisherigen Koalition zunächst noch im Wege gestanden hatten. Aus der Umgebung Baraks verlautete am Dienstag allerdings, der Premierminister wolle sich jetzt um die Bildung einer «anderen Regierung» kümmern. Die nächsten Tage werden zeigen, ob diese Äusserung mehr als nur psychologischer Druck auf Shas gewesen ist.

Lächerlich und unwürdig

Hält man sich vor Augen, dass am Dienstag dem Vernehmen nach nur noch die Frage der Kompetenzen für Vize-Bildungsminister Meshulam Nahari sowie die Anzahl der neuen Klassenzimmer zur Diskussion standen, die den Shas-Schulen zustehen sollen, dann kommt man nicht umhin, das Verhalten der Leute um Arbeitsminister Eli Yishai (Chef der Shas-Partei) lächerlich und unwürdig zu nennen. Nicht ausgeschlossen ist natürlich auch, dass Shas in aussenpolitischer Hinsicht allmählich kalte Füsse bekommt. Die eine fast durchwegs ultra-religiöse Basis vertretenden 17 Parlamentarier der Partei fühlen wahrscheinlich, wie alle anderen Israelis auch, dass trotz der derzeitigen Stagnation in den Verhandlungen die Lösung mit den Palästinensern und die damit verbundenen schmerzhaften territorialen Konzessionen in der Westbank stetig näherrückt. Möglicherweise hat die Partei nun plötzlich Angst vor ihrem bisher zur Schau gestellten Mut, die Friedenspolitik Baraks zu unterstützen, wäre sie damit doch die einzige Partei des religiösen Lagers, die Steigbügelhilfe zur Durchsetzung der territorialen Kompromislösung leisten würde, die nach Ansicht aller Experten eine Zwischenstation auf dem Weg zur Gründung des Palästinenserstaates ist. Sollte Shas tatsächlich nach einem Weg aus der Koalition heraus suchen, wäre es natürlich eine goldene Gelegenheit, die gegenwärtige Krise auszureizen und das Regierungsbündnis zum Platzen zu bringen. Die Anzeichen im Felde lassen allerdings nicht auf ein unmittelbar bevorstehender Durchbruch in den festgefahrenen Gesprächen zwischen Israelis und Palästinensern schliessen. «Arafat fordert mehr als Israel geben kann» schreibt die Zeitung «Maariw» am Dienstag, «und Barak schlägt viel weniger vor, als die Palästinenser akzeptieren können». Konkret geht es immer noch um die dritte israelische Rückzugsstufe aus der Westbank, die Arafat vor einem Gipfeltreffen mit Barak und Clinton verwirklicht sehen will. An das eigentlich vorgesehene Datum vom 23. Juni für den dritten Rückzug glaubt man in Israel allerdings ebenso nicht mehr wie an die in der hiesigen Presse verbreiteten Meldung, wonach die drei Jerusalem vorgelagerten palästinensischen Dörfer Abu Dis, el-Azaryia und Sawarha noch diesen Freitag von Israel abgetreten werden sollen. Unter Berufung auf hohe Kreise des Sicherheitsestablishments warnen diese Woche vielmehr zahlreiche Zeitungskommentare vor einer «immer näherrückenden militärischen Konfrontation mit den Palästinensern» (Yediot Achronot). Auch auf der anderen Seite des politischen Spektrums heizt sich die Atmosphäre auf. Rund 50000 Siedler und rechts-national eingestellte Israelis nahmen am Montag an Kundgebungen in Jerusalem teil, in denen sie Ehud Barak davor warnten, sie nicht aus ihren Heimen zu vertreiben. Die Abgeordnete Limor Livnat (Likud) gab unter frenetischem Applaus bekannt, dass eine vom Likud angeführte nächste Regierung sich nicht an die Beschlüsse des heutigen israelischen Kabinetts gebunden fühlen würde. Mehr noch als die im grossen ganzen friedlich verlaufene Massen-Demo an sich gab die Frage zu reden, ob es richtig war, tausende von Siedler-Kindern aus den Schulen zu nehmen, um sie an der Kundgebung teilnehmen zu lassen. Was die Organisatoren des Anlasses «praktisch gelebte Demokratie» nannten, war für die Kritiker, eine «gefährliche Manipulation von Kindern» sowie ein Versuch, das Ausmass der Demo künstlich aufzublasen.