Absolute Fakten, Relativität der Geschichtsschreibung
Der kürzlich erschienene Flüchtlingsbericht der Bergier-Kommission legte den Schwerpunkt seiner Untersuchungen vorwiegend auf die Sicht der Schweizerischen Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg aus dem Blickwinkel von Opfern und Helfern. Die enthaltenen Berichte über Täter machten die Lektüre für den engagierten Leser oft schwer und peinvoll.
Will man nun den Versuch unternehmen, Handlungen und Unterlassungen der Schweizer Juden in diesen Jahren zu beschreiben, kann man nicht umhin, von verschiedenen Voraussetzungen auszugehen:
Seit 1874 herrschte in der Schweiz die volle rechtliche Emanzipation der Juden. Im Sinne des aufgeklärten Liberalismus waren die Juden selbst überzeugt von der unbedingten demokratischen Rechtsstaatlichkeit1, aber auch von der rationalen Bekämpfbarkeit des Antisemitismus. Der «eliminatorische Antisemitismus» war im schweizerischen, politischen Rahmen, abgesehen von wenigen, einflusslosen Einzelfiguren kein Thema. Hingegen lag ein deutlicher allgemeiner Antisemitismus vor, der gekoppelt war an die «Überfremdungsangst» der 20er und 30er Jahre2, aber auch an den im christlichen Kulturraum herrschenden Antijudaismus3. Schon in den 20er Jahren gewannen restaurative, teilweise demokratiefeindliche Stimmen an Gewicht4. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde begonnen, die eidgenössische Fremdenpolizei, später die Polizeiabteilung unter der Leitung von Heinrich Rothmund, aufzubauen. Rothmund war besessen vom Kampf gegen die angebliche Überfremdung, besonders durch «artfremde Ausländer», womit er vor allem Juden meinte5, er wurde allerdings als Beamter von der Regierung gedeckt, gelegentlich sogar vorgeschickt. Seit der Annahme des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer verfügte die Fremdenpolizei über ein Legitimationsmittel zur «energischen Überfremdungsabwehr»6.
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland veränderte sich die Lage der Schweizer Juden deutlich, und es entstand eine zunehmende Bedrohungssituation. Die jüdische Gemeinschaft begann 1933, sich bezüglich der Flüchtlingswellen aber auch der eigenen Verteidigung gegen Angriffe zu organisieren. Keiner der Verantwortlichen war solchen Aufgaben und Anforderungen von Anfang an gewachsen, es fehlte die politische und sachliche Erfahrung; dennoch übernahm man die vom Schicksal überbundene Aufgabe7, so gut man konnte. Um die Schwierigkeiten des Aufbaus derartiger Organisationen zu ermessen, ist es unumgänglich, sich zu vergegenwärtigen, dass die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz weder politisch noch schichtspezifisch einen homogenen Block darstellte. Dies führte nicht selten dazu, dass die Ansichten über Vorgehensweisen weit auseinanderdrifteten.
Zwischen der z.B. von Nationalrat David Farbstein verfochtenen harten Linie, der auf jede Ungerechtigkeit und auf jede Beleidigung sofort und öffentlich zu reagieren empfahl (und es selbst auch tat), und der Haltung von Saly Mayer, ab 1936 Präsident des SIG, welcher fürchtete, ohne äusserste Konzilianz gegenüber den Behörden würde die Politik des SIG Schiffbruch erleiden, gab es die unterschiedlichsten Meinungen. Dass hierdurch innere Spannungen und Reibungen entstanden, versteht sich von selbst.
Eigenmächtiges Handeln
Ob notgedrungen oder nicht, der SIG wurde in der Vorkriegszeit mehr und mehr von einer schmalen Führungsschicht unter Ausschluss der Basis gesteuert. Dies entspricht wohl auf jüdischer Seite den zu dieser Zeit in der Mehrheitsgesellschaft aufkommenden autoritären Führungsansprüchen, wie sie z.B. von Bundesrat Philipp Etter vertreten wurden8.
Unübersehbar wird die Abkehr vom liberalen Demokratischen Modell im SIG zwischen 1940 und 19429. In diesen Jahren agierte der Präsident des SIG weitgehend in eigener Machtvollkommenheit und nicht selten eigenmächtig. Es ist sehr wohl anzuerkennen, dass er dies nach bestem Wissen und Gewissen tat; allerdings ändert dieser Umstand nichts an der undemokratischen, autoritären Form. Protest gegen sein Verhalten entwickelte sich nur sehr langsam an der Basis. Zwar wurde von einzelnen Protagonisten, z.B. von Nationalrat David Farbstein, früh und heftig protestiert, diese erhielten aber nur nach und nach breitere Unterstützung. Dieser Umstand zeigt, wie sehr auch die Juden in der Schweiz von der Atmosphäre des autoritären Illiberalismus jener Jahre geprägt wurden. Es geht nicht darum, ob eine andere Art des Auftretens der Schweizer Juden gegen ihre eigenen Behörden ein anderes oder gar besseres Resultat gezeitigt hätte. Dies ist eine unbeantwortbare und daher müssige Frage, die ausschliesslich den bequemen Schuldzuweisungen an Einzelpersonen Tür und Tor öffnet. Vielmehr wird mit den teilweise unbestreitbar eigenmächtigen Aktionen des SIG-Präsidenten10 oder den im allerkleinsten Kreis gefassten Beschlüssen sichtbar, dass auch bei den Schweizer Juden das Demokratieverständnis gelitten hatte und ein autoritäres Gehabe zutage trat, dem nur wenige widersprachen. Auch in der breiteren jüdischen Bevölkerung wurden ähnliche Vorstellungen gelegentlich vertreten, die sich kaum vom autoritätshörigen Zeitgeist unterschieden11.
Schweizer Juden bezahlen
Trotz des Spruches «von Geld redet man nicht, Geld hat man», ist heute allgemein bekannt, dass die jüdische Gemeinschaft in den ersten Jahren allein, später unter Mithilfe ausländischer Juden, für die jüdischen Flüchtlinge in der Schweiz finanziell aufkam. Die entsprechenden Zahlen sind publiziert. Zur Erinnerung: Die Jahresrechnung 1938 weist im ausserordentlichen Verkehr (d.h. neben den «normalen» Aufgaben des SIG) Einnahmen aus der Schweiz von 1 188 862.05 Franken aus12, die, abgesehen von einer kleinen Reserve, an die Flüchtlingshilfe gingen. Was derartige Summen für eine Gemeinschaft von ca. 18 000 Personen, darunter ca. 4000-6000 Erwerbstätige, bedeutet, ist leicht zu ermessen. Der damalige Präsident der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), Saly Braunschweig, nahm an der DV des SIG 1939 folgendermassen dazu Stellung: «Es besteht keine rechtsgültige Verpflichtung des Gemeindebundes gegenüber dem Bund betreffend der Übernahme der finanziellen Last in bestimmten Summen, aber unsere Tätigkeit in den letzten 5 Jahren kann mit Recht von Bern als eine freiwillige Übernahme der finanziellen Seite des Flüchtlingsproblems aufgefasst werden. [...] Wir haben es abgelehnt, die Anregung für die öffentliche Sammlung zu geben. Sie kam spontan aus andern Kreisen heraus.» Nicht von ungefähr zitiere ich aus dieser DV. Der ganze Weg durch die Vorkriegs- und Kriegsjahre war schwierig und dornenvoll. Zwei Perioden, die Jahre 1938/39 und das Jahr 1942, ragen als Eckpfeiler heraus. Sie sind gekennzeichnet durch extreme äussere Belastungen, aber auch durch innere Spannungen im SIG. Nach dem «Anschluss Oesterreichs an Deutschland» überflutete eine ungeahnte Flüchtlingswelle die Schweiz, welche die Hilfsorganisationen der Juden sowohl personell wie finanziell aufs äusserste in Anspruch nahm. Am 13. November 1938 beriet der erweiterte Geschäftsausschuss, am 18. Dezember das CC des SIG über die eingetretene Lage und die zu ergreifenden Massnahmen. Der Leiter der Flüchtlingshilfe, Sylvain Guggenheim, musste darlegen, dass das vorhandene Geld wahrscheinlich bis zum April reichen werde, warnte aber vor einer zu deutlichen Sprache den Behörden gegenüber13. Am 18. Dezember 1938 wurde im grösseren Kreis diskutiert, eine Erwägung, an die Behörden zu gelangen mit dem Ersuchen nach einer Grenzschliessung wurde verworfen, zugunsten einer offenen Haltung. Saly Mayer stellte das Einverständnis fest, einen einlässlichen schriftlichen Bericht abzusenden und desgleichen das Einverständnis, dass von Seiten des SIG nichts geschehen darf, um noch mehr Unbemittelte einzulassen14. Dieser Bericht ist in den Akten des SIG bis heute nicht aufgetaucht. An der Nachmittagssitzung der DV vom März 1939 hielt zudem Heinrich Rothmund eine einstündige Rede15, welche in leicht verschleierter Form auf die Ereignisse des Jahres 1938 Bezug nahm.
Rothmunds Druck auf den SIG
Er brachte klar zum Ausdruck, dass die Fremdenpolizei zwar 1933 durch die jüdische Emigration aus Deutschland überrascht worden sei. «Sie durfte sich durch diese Überrumpelung in ihrer Aufgabe nicht stören lassen» und stellte sich dem «Festsetzungswillen dieser Emigranten» entgegen16. Rothmund setzte den SIG mit der Forderung nach Weiterwanderung aufgenommener Emigranten unter massiven Druck, da er vom «Abfluss» weitere Aufnahmen abhängig machte, und gleichzeitig die Beziehungen, die der SIG-Präsident Saly Mayer und der Leiter der Flüchtlingshilfe, Sylvain Guggenheim, aufrecht erhalten mussten als «persönlichen freundschaftlichen Kontakt» bezeichnete. Zu den Verhältnissen, wie sie nach dem «Anschluss Oesterreichs» entstanden waren, bemerkte Rothmund mit einer deutlich verständlichen Drohung: «Weder Sie noch wir konnten voraussehen, dass die Weiterreise der im Juli und August mittellos aus Wien hereingeströmten Emigranten so lange werde auf sich warten lassen. Angesichts der damaligen Lage glaubte die Fremdenpolizei, Ihren Interventionen gegen die Rückweisung dieser Flüchtlinge, entgegen den Vorschriften und der vorherigen Praxis denn auch Rechnung tragen zu müssen, nachdem Sie erklärt hatten, Sie würden für Unterkunft und Verpflegung dieser Leute aufkommen können. Wenn die Schwierigkeiten der Weiterwanderung hätten vorausgesehen werden können, so wäre wohl in Ihrem Einverständnis die Verfügung des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartementes, wonach alle irregulär eingereisten Ausländer über die Grenze zurückgewiesen werden müssen, schon im Juli erlassen worden.»17 Damit hatte Rothmund deutlich gemacht, dass die weitere Einreise von Flüchtlingen zu einem grossen Teil von der Zahlungsbereitschaft der Schweizer Juden abhing, und so ihre «Freiwilligkeit» quasi erpresst. In der Diskussion, die auf Rothmunds Vortrag folgte, hatte dieser in einer Replik der Versammlung erklärt, die Fremdenpolizei habe die jüdischen Flüchtlinge unter die Obhut der jüdischen Flüchtlingshilfe gestellt und damit erreicht, dass diese «mit ihr den Fremdenpolizisten macht.»18 Rothmund machte damit überdeutlich, dass nur um den Preis «guter und freundschaftlicher Beziehungen» und der Übernahme des gesamten Unterhaltes der eingereisten Flüchtlinge eine weitere einigermassen erträgliche Flüchtlingspolitik zu erreichen war.
Geschichtsbeurteilung aus der Distanz
Es erscheint im Nachhinein einfach, die damals Verantwortlichen zu verurteilen. In ihrer Situation, im Wissen um die Bedrohung durch Nationalsozialismus und kommendem Krieg, ohne materielle Unterstützung durch die eigene Regierung, dürfte sich Diskussion aufgedrängt haben, insbesondere da die Mentalität der Zeit auch diese Verantwortlichen gefangen hielt. Heldentum kann nicht verordnet oder befohlen werden; ob ein forsches Auftreten in Bern die Situation verbessert hätte, war Ende 1938 wohl fraglich, nach Rothmunds Rede 1939 jedoch nicht mehr. Im Übrigen brachten die Schweizer Juden, wie oben ausgeführt, 1938 eine grosse Summe zur Unterstützung der Flüchtlinge auf.
Die zweite aussergewöhnliche Krisensituation bahnte sich schon 1941 mit der Diskussion um den «ordre public» in Frankreich an. Sie führte zu inneren Verhältnissen im SIG, die nur noch mit einer personellen Änderung zu entschärfen waren und fand ihren Höhepunkt in der Reaktion bzw. Nicht-Reaktion des SIG auf die Grenzschliessung im August 1942. Schon 1941 machte der Präsident der ICZ, Saly Braunschweig, auf die Statutenwidrigkeit der bestehenden Einzelvollmachten aufmerksam19. Wenig später protestierte der Leiter der JUNA, Benjamin Sagalowitz, gegen den Führungsstil des SIG-Präsidenten20, und riskierte damit seine Stellung bei der JUNA.
In die sich anbahnende Konfliktsituation platzte am 21. Juni 1941 die Anfrage von Nationalrat Ernest Pierre Graber an den Bundesrat über die Behandlung der Schweizer Juden in Frankreich und deren Schutz durch die schweizerischen Behörden. Der Bundesrat antwortete im September mit dem Hinweis auf die besondere Gesetzgebung für Juden, die in Frankreich zum «ordre public» gehöre. Trotz schriftlicher Warnung durch Benjamin Sagalowitz21 konnte sich der SIG unter Führung von Saly Mayer nicht zu einer öffentlichen Reaktion entschliessen, da die Ansicht vertreten wurde, eine öffentliche Publizität wäre dem Lauf der Dinge abträglich22. Man beauftragte immerhin den Staatsrechtler Prof. Paul Guggenheim mit der Erarbeitung eines Gutachtens23, das am 8. Dezember 1941 dem Bundesrat übersandt wurde. Im März 1942 lehnte das politische Departement ein Eintreten auf die Argumente Guggenheims aus rechtlichen und besonders staatspolitischen Gründen ab24, eine Haltung, die unter den gegebenen politischen Verhältnissen für die Schweizer Juden bedenklich war. Im Alleingang und ohne die mitwirkenden Juristen zu begrüssen, nahm der SIG-Präsident im Mai 1942 die Einladung zu einer Privataudienz bei Bundesrat Pilet-Golaz25 wahr, wogegen nicht nur die Juristen, sondern auch das CC des SIG nun energisch protestierte. Dazu kam im August 1942 die von Bern verfügte Grenzschliessung für jüdische Flüchtlinge, welche in der Schweizer Presse (ausser bei den frontistischen Blättern) einen Proteststurm provozierte. Die jüdische Presse druckte einen überdeutlich kritischen Artikel von alt Nationalrat Farbstein aus dem Volksrecht nach, welcher noch im hohen Alter wie seit Jahrzehnten keinen Hehl aus seinem Protest gegen die Politik des SIG machte. Der SIG unter Saly Mayer schwieg in der Öffentlichkeit, hingegen hielt der Nicht-Zionist und eindeutig bürgerliche Paul Guggenheim in Zürich demonstrativ bei den Zionisten einen Vortrag, in welchem er der Kritik an der in seinen Augen völlig verfehlten Politik des SIG deutlichen Ausdruck verlieh. In der Folge entwickelte sich eine Allianz der bürgerlich gesinnten Juden um Paul Guggenheim und seinen Bruder Georg Guggenheim, dem späteren Präsidenten der ICZ, und der zionistisch-sozialistischen Fraktion um David Farbstein, die gemeinsam an einer ausserordentlichen DV im Dezember 1942 ihre Vorwürfe an die SIG-Führung offen zur Diskussion stellten26. Paul Guggenheim protestierte wie David Farbstein gegen die Art des Auftretens des SIG-Präsidenten. Von den Zürcher Delegierten war eine Resolution zugunsten einer Politik der offenen Unterstützung der jüdischen Flüchtlinge formuliert worden27. Es wurde ferner dagegen protestiert, dass Exponenten des SIG gleichzeitig dem eindeutig antisemitischen Vaterländischen Verband angehörten. Am Ende dieser turbulent verlaufenen Sitzung kündigte Saly Mayer seinen Rücktritt als Präsident des SIG an. Auch in dieser zweiten extremen Krisensituation, mit der die jüdische Gemeinschaft mitten im Krieg durch äussere und innere Umstände konfrontiert wurde, werden die persönlichen Eigenschaften, das politische Geschick neben dem völlig unbestreitbaren Willen, das Bestmögliche zu leisten, bedeutungsvoll. Es gibt kaum eine komplexe Lage, in welcher das sogenannt Richtige von vorneherein eindeutig definierbar ist. So stehen auch hier die Ansichten und Aussagen von damals nebeneinander: die eindeutig kämpferischen von Veit Wyler «Es gibt Grundsätze, an die man sich halten muss, koste es, was es wolle. [...] Für uns gibt es keinen Moment, wo das Floss voll ist, um andere ihrem Schicksal preiszugeben. Entweder wir gehen alle unter, oder wir nehmen alle auf»28 und von David Farbstein «Meine Herren, Sie sind alle Flüchtlinge, manche sind vor 300 Jahren gekommen, die von Lengnau und Endingen, manche vor 100 Jahren, manche vor 50 Jahren und manche jetzt. Das jüdische Volk besteht aus Flüchtlingen, das ist die Tragik des jüdischen Volkes»29; die deutlich von Kohelet inspirierte von Jakob Zucker «Es gibt eine Zeit, wo es vernünftig ist zu schweigen und eine Zeit, wo es vernünftig ist zu reden»30, die diplomatische von Saly Braunschweig «Ich bin der Auffassung [...] dass wir geschwiegen haben nicht aus Angst, aus Furcht vor politischem Hervortreten, nicht dies ist massgeblich gewesen