100 Prozent arabisch, 100 Prozent jüdisch

Von Monica Strauss und Bo Persson, October 6, 2008
Seine Kindheit in der kosmopolitischen Atmosphäre Tunesiens prägt das Werk und die Ansichten des Schriftstellers Claude Kayat auch nach 50 Jahren in Stockholm.

Von Monica Strauss und Bo Persson

Als ich in Sfax aufwuchs, verkehrten dort Araber, Juden, Franzosen, Italiener, Malteser und Griechen friedlich miteinander.» So erinnert sich der Schriftsteller Claude Kayat an die tunesische Stadt, in der seine jüdische Familie bis zu seinem 16. Geburtstag lebte. Kayat ist vor 50 Jahren nach Schweden gekommen, aber die kosmopolitische Atmosphäre seiner Jugend in Nordafrika prägt sein Werk bis heute. Tunesien konnte 1956 die französische Kolonialherrschaft abwerfen, aber Kayat ist der Sprache verpflichtet geblieben. So wurden seine sieben mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichneten Romane zuerst in Frankreich veröffentlicht. Kayats Werk erforscht Grenzüberschreitungen. Dies gilt speziell für seinen bekanntesten Roman «Mohammed Cohen» (1981) und die fiktionale Biografie «Le treizième disciple» (2002), die etliche seiner Leser zu der Frage provoziert hat, ob Kayat zum Christentum konvertiert sei. Der Autor gab darauf zurück, er sei «nur ein ganz normaler Jude, der versucht, sich einen freien Kopf zu bewahren».

Seine tunesische Kindheit ist Kayat lieb: «Wie meine Eltern bin auch ich in Sfax zur Welt gekommen. Meine Familie hat dort über Generationen gelebt. Die Juden von Sfax und in Tunesien generell waren eine höchst vitale und dynamische Gruppe und sehr stark von der französischen Kultur geprägt. Wir lebten in einem winzigen Apartment im Stadtkern. Unsere Nachbarn waren kleine Ladenbesitzer, Fahrer und so weiter. Auf den Strassen spielten jüdische, arabische und italienische Kinder zusammen.

Freundschaften zwischen den einzelnen Gruppen waren nicht aussergewöhnlich. Nur wenn die Rede auf die tunesische Unabhängigkeit von Frankreich kam, wussten viele Juden nicht, wie sie dazu stehen sollten. Viele erwarteten das Schlimmste. Auch ich bin mit meinen Eltern und meinen vier Schwestern 1955 nach Israel gezogen. Für mich war das eine dramatische Veränderung. Damals habe ich begonnen zu schreiben. Ich habe befürchtet, eine Welt zu vergessen, die ich niemals wieder sehen können würde und eine Sprache zu verlieren, die nie wieder meinen Alltag prägen würde.»

Viele Jahre später gingen die Geschichten aus Kayats Kindheit ein in seinen semiautobiografischen Roman «Mohammed Cohen», der das immer noch von einer ländlichen Note getönte Leben in Sfax in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts auf liebevolle Weise evoziert. Kayat schreibt von den Ziegenherden, die allmorgendlich durch die Strassen getrieben und für ihre Milch von Hausfrauen an der Tür erwart werden, oder von dem Kamel, das seine Nase in das Fenster eines Klassenzimmers schiebt. Der Titelheld ist halb Araber und halb Jude und stellt so etwas wie die Erfüllung des Wunsches nach der Verwirklichung der einzigartigen kulturellen Möglichkeiten dar, die Kayats Geburtsort bietet. Als Kind reagiert Mohammed mit Verwirrung auf die Forderung, sich zwischen seinen Namen zu entscheiden. Als Erwachsener kommt er auf die Lösung, zu erklären, er sei «einhundert Prozent arabisch und einhundert Prozent jüdisch». Und um die einstmals zumindest denkbare Harmonie zwischen Arabern und Juden noch deutlicher hervorzuheben, trägt der beste Freund des Jungen, sein «siamesischer Zwilling», den Namen Hassan. Dieser wird zu Mohammed Cohen stehen, auch nachdem ethnisch-konfessionelle Spannungen die traditionelle Lebenswelt der Kinder zerstören.

Die Angst, die eigene Freiheit zu verlieren

Im Rückblick betrachtet es Kayat für die Entstehung von «Mohammed Cohen» als wesentlich, dass das Buch «ein antipolitischer Roman» sei, der «vor den Gefahren übertriebener politischer Verpflichtungen» warne. «Ein politischer Streit beginnt mit Worten, aber allzu oft wird er mit Blut fortgeschrieben. Ich bin Ideologien gegenüber ein Skeptiker, zumal, wenn diese einen totalitären Charakter haben. Ich lehne Ismen jeder Art ab. Ich habe in meiner Jugend Albert Camus geliebt, weil seine Ansichten und sein Werk sich durch eine Balance auszeichnen und er nie ein Sklave von Ideologien war.»

Gezwungen, Tunesien vor dem Abschluss seiner Schulausbildung zu verlassen, tat sich der 16-jährige Kayat überaus schwer damit, sich in Israel einzuleben. Im Gespräch mit aufbau erklärt er: «Ich hatte gehofft, meine Erziehung dort fortsetzen zu können, aber ich musste den nächstbesten Job annehmen, um zu unserem Lebensunterhalt beizutragen. Das gesprochene Hebräisch habe ich mir relativ schnell angeeignet, aber es ist mir schwer gefallen, in einer anderen Sprache als dem Französischen zu lesen oder zu schreiben. Wir haben in Galiläa gelebt, unweit von Tiberias. Das hat sich als schöner Ort herausgestellt. Aber der ganze Wechsel hat mich völlig unvorbereitet getroffen.» Dennoch kam seine Vertrautheit mit Galiläa Kayat sehr zustatten, als er sich viele Jahre später an die Arbeit zu «Le treizième disciple» machte, der Geschichte des Schmiedes Hesekiel, der von Jesus ausgefordert wird, sein 13. Apostel zu werden. Kayat fühlte sich angezogen von Hesekiels Zögern: «Das Problem ist die Angst davor, der Botschaft eines Mannes Glauben zu schenken - die Angst, die eigene Freiheit und letztlich die eigene Identität zu verlieren.»

Nachdem er zweieinhalb Jahre lang in Israel gelebt und in der Armee gedient hatte, luden ihn Freunde der Familie zu einem Besuch in Schweden ein. Kayat entschloss sich zu bleiben und nahm nach Jobs in einer Bäckerei und einer Versicherungsagentur seine unterbrochene Ausbildung wieder auf. Ein Universitätsabschluss ermöglichte ihm Positionen als Lehrer, die er bis zu seiner Pensionierung vor vier Jahren innehatte.

Das Schweden, das Kayat 1958 bei seiner Ankunft kennenlernte, war nicht die multiethnische Gesellschaft unserer Tage: «Zu der massiven Einwanderung ist es erst viel später gekommen», so Kayat. «Einwanderer erhalten heute nicht nur in finanzieller Hinsicht erhebliche Unterstützung. Das war bei meiner Ankunft völlig anders. Aber ich war sehr jung und so habe ich mir die Sprache rasch angeeignet. Es fiel mir leicht, mich anzupassen, zahlreiche Freundschaften zu schliessen und ich hatte auch nie Probleme damit, Arbeit zu finden. Damals gab es fast keine Arbeitslosigkeit. Die Grundhaltung der Schweden Neulingen gegenüber war freundliche Neugier. Heute begegnen die Menschen hier Einwanderern häufig mit deutlichen Vorbehalten. Die Zahl der Immigranten hat massiv zugenommen - Schweden ist mit Sicherheit eines der Länder mit den höchsten Anteilen an Einwanderern in Europa. Und da viele Immigranten sich nicht anpassen wollen, nimmt die Haltung ihnen gegenüber zunehmend einen negativen Ton an. Dennoch ist die Einwanderungspolitik der Regierung weiterhin sehr grosszügig. Das verschärft die ablehnende Haltung der Bevölkerung weiter. Und dann ist da noch die latente Gefahr von Terroranschlägen, die häufig mit einigen dieser Immigranten assoziiert wird.»

Breite Thematik

Kayat ist gelegentlich nach Tunesien zurückgekehrt. Aber er räumt ein, dass er das Land nicht mehr wiedererkennt: «Tunesien ist heute ein arabisches Land und ich kenne dort kaum noch jemanden. Alle meine nicht muslimischen Freunde sind nach Frankreich, Italien oder Israel ausgewandert.» Häufiger besucht Kayat Israel, wo seine vier Schwestern leben. Der Autor unterstützt Israel aus vollem Herzen und er stösst sich an den Vorurteilen, mit denen die schwedischen Medien die Bevölkerung seiner Heimat beeinflusst haben: «Dies wird am deutlichsten im Gespräch mit Leuten spürbar, die sogenannte linke Überzeugungen hegen», so Kayat: «Die tragen Stereotype über den Nahen Osten mit sich herum, die jeder Grundlage entbehren und schlicht blödsinnig sind. Bei Leuten, die sich als Intellektuelle betrachten, macht mich diese Verlogenheit des Denkens und diese lahme Art der Argumentation schlicht sprachlos und manchmal auch zornig. Ich sage diesen Leuten immer, dass Antizionismus ohne jeden Zweifel die heimtückischste Spielart des Antisemitismus darstellt.»

Als er nach Schweden kam, trug sich Kayat zunächst mit dem Gedanken, in seiner neuen Sprache zu schreiben. Aber nachdem er einige Kurzgeschichten zu Papier gebracht hatte, wurde ihm klar, dass die Qualität seiner schwedischen Sprache weit hinter der seiner französischen Texte zurückblieb: «Ich muss einfach zugegeben, dass ich diesen hohen Standard auf Schwedisch niemals in einem Roman erreichen könnte. Aber es fällt mir leicht, Dramen in Schwedisch zu verfassen, vermutlich weil es auf der Bühne so klingen muss, wie die gesprochene Sprache in meinem Alltag hier.» Kayat hat 17 Schauspiele geschrieben, deren Thematik von einem möglichen Nuklearkrieg in einem zukünftigen Lateinamerika bis zu einem Gewissenskonflikt in Kansas während des amerikanischen Bürgerkriegs reicht. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Umkehr von Rollen. So bittet ein jüdischer Lehrer im Berlin des Jahres 1941 einen ehemaligen Studenten, der zum Nazi geworden ist, er möge ihn vor seiner Deportation töten. In einem anderen Stück wird eine Pariser Familie mit einer Gattin und Mutter konfrontiert, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat, weil sie in ihrem Beruf als Nachrichtensprecherin unerfreulichen Avancen ausgesetzt war. Wie in seinem eigenen Leben, sind es auch in Kayats Werk Paradoxa, die zu Erkenntnisgewinn führen. Als tunesischer Jude mit Sympathien für die arabische Kultur und als schwedischer Bürger, der die französische Literatur bereichert, eröffnet Claude Kayat den Blick auf neue Möglichkeiten.