99 Jahre Kunstleidenschaft
Im Jahr 1890 machte sich die junge Familie Max und Amélie Bollag-Ruef aus Endingen mit ihren Kindern Gustave, Léon und Lucy auf in die USA, wo schon entfernte Verwandte ihr Glück gemacht hatten. Doch zwei Jahre später starb der Vater, und die Söhne mussten die Familie mit allerlei Jobs durchbringen. Nachts trat der 16-jährige Léon als Steptänzer in der verruchten Bowery, dem Vergnügungsviertel New Yorks, auf und sang von Gustave komponierte Songs. Schliesslich bezahlte Amélies elsässische Familie die Retourpassage und man zog nach Colmar, wo Gustave (1873–1953) und Léon (1876–1958) die Kunstanstalt Amerika gründeten.
Eigensinn und Intuition
Nach der Heirat Léons mit Betty Moos, der Schwester des Galeristen Max Moos in Genf, zog die ganze Familie nach Zürich. Gustave und Léon Bollag eröffneten 1912 den Salon Bollag am Utoquai. Ihr Hauptakzent lag bei Schweizer Künstlern wie Frank Buchser oder Johann Heinrich Füssli, aber auch auf Bildern von Künstlern wie Pablo Picasso, Paul Cézanne, André Derain oder Amadeo Modigliani, welche von den Bollags ab 1910 direkt in den Pariser Ateliers gekauft wurden. Die Bollag-Brüder hatten einen feinen Sinn für das Neue, sich Entwickelnde, doch ihr avantgardistischesKunstempfinden, gepaart mit der entsprechenden Risikobereitschaft, Eigenschaften, die sich bei ihren Nachkommen und Nachfolgern bis heute erhalten haben, war nicht immer mit den Wünschen der oft eher konservativen Zürcher Kundschaft zu vereinen.
Die Liste der Künstler, die von den Bollags gekauft wurden, ist so illuster wie die ihrer Sammlerkunden. Viele Werke aus dem Salon Bollag findet man weltweit in grossen Museen. Die Bedeutung von Künstlern wie Wassily Kandinsky, Paul Klee oder Juan Gris, um drei Namen zu nennen, wurde vom Salon Bollag schon früh erkannt. Die Kunstpassion der Familie führte später dazu, dass, zeitlich gestaffelt, aus dem Salon Bollag drei Galerien entstanden, die für kurze Zeit nebeneinander das Zürcher Kulturleben bereicherten.
Familientradition
Léons Sohn Max G. Bollag (1913–2005) eröffnete 1936 seine erste eigene Galerie in Lausanne. Die Finanzen dazu hatte er aus ersten klugen Einkäufen in London, geäufnet. Seine Zwillingsschwester Mary Goldschmidt Levin führte zusammen mit der Mutter Betty Bollag-Moos nach Léons Tod 1958 den Salon Bollag weiter. Und die jüngere Schwester Suzanne Bollag (1917–1995) eröffnete 1958 ihre auf Konkrete Kunst spezialisierte Galerie am Limmatquai mit der Ausstellung «Max Bill, Hans Hartung und Serge Poliakoff».
Was man liebt, möchte man anderen zugänglich machen – auch dies verbindet die Generationen. Legendär war dieser grosszügige Gedanke bei Max G. Bollag. Er mochte seine Picassos, Klees und Cézannes nicht im Safe einschliessen. Sie hingen dort, wo er sechs Tage die Woche ohne nennenswerte Ferien 64 Jahre lang war: In seiner Galerie. Dort, wo alle sie sehen und bewundern konnten, wo er sein grosses Wissen mit all jenen teilte, die sich wirklich dafür interessierten, vom Direktor bis zum Schulkind. Schon Léon und Gustave hatten früh – wohl als erste in der Schweiz – Kunstauktionen durchgeführt. Eine Tradition, die Max G. Bollag weiterführte. Von 1950 bis 1994 versteigerte der Galerist sehr zur Freude des Publikums alle zwei Monate mit Witz und Charme Kunst.
Konstanz und Veränderung
Nach mehr als sechs Jahrzehnten übergab Max Bollag mit 88 Jahren 2001 die Galerie seiner Tochter Arlette. Kein einfaches Unterfangen, wenn Leben und Beruf so untrennbar eng miteinander verwoben sind – und es ist nicht einfach, in so grosse Fussstapfen zu treten. Doch beides ist gelungen. Max G. Bollag war weiterhin jeden Donnerstagnachmittag in seiner Galerie, genoss die Aufmerksamkeit der Menschen und war ganz in seinem Element. Auch Arlette Bollags Mut hat sich gelohnt. Doch sie sagt: «Ich hätte die Galerie nie übernehmen können, wenn ich nicht vor
33 Jahren mit meinem Mann Toni Hutmacher die eigene Leidenschaft für antike Kelims und Textilien zum Beruf gemacht hätte. Die ‹Nomadenschätze› haben wir eigenständig aufgebaut und der Erfolg gab mir das nötige Vertrauen».
Auch Arlette Bollag hat nicht einfach etwas fortgeführt, sondern veränderte, wie es in den letzten 99 Jahren immer wieder üblich war, vieles. Aus dem eng gestellten Raum mit Trennwänden wurde ein grosser, heller und luftiger Raum, in dem nichts von der ausgestellten Kunst ablenkt. Nach zehn Jahren mit vielen Ausstellungen und neuen zeitgenössischen Künstlern ist nun die letzte Ausstellung, das «Gran finale», zu sehen. Sie soll, so Arlette Bollag, «wie ein Feuerwerk funkeln». Nach einem Geistesblitz in schlafloser Nacht bat sie alle 68 Künstlerinnen und Künstler, die in den letzten zehn Jahren in der Galerie ausgestellt hatten, für die letzte Schau ein Bild zu erschaffen: alle in der Grösse von 100 mal 100 Zentimeter, alle zu einem einheitlichen Verkaufspreis von 3000 Franken, unabhängig von Marktwert und Status. 62 sagten zu, darunter auch die 84-jährige Wiener Künstlerin Soshana, die Max Bollag über Jahrzehnte zu einer Zeit gefördert hatte, als für viele Galeristen die Frau als Künstlerin noch kein Thema war.
Funkelndes Feuerwerk
Die Vielfalt der Motive und Techniken dieser letzten Ausstellung beeindruckt. Da gibt es Burleskes, wie den etwas anderen Weihnachtsmann von Valentin Lustig, da zieht die beunruhigende Fotografie einer Rose von Lea Schütz-Cohen, die an rohes Fleisch erinnert, ebenso den Blick auf sich wie die bewunderungswürdige feine Arbeit von Liliane Csuka. Eine erstaunliche und liebevolle Hommage der Galerie an ihre Künstler und der Künstler an ihre Galerie.
Wenn man Arlette Bollag zuhört, erfährt man, dass jedes dieser Bilder eine Geschichte hat, jede spannend, die eine todtraurig, die andere witzig. Und beim Zuhören mag man nicht glauben, dass alles zu Ende sein soll, denn Arlette Bollag ist noch immer voller Feuer für «ihre» Künstlerinnen und Künstler. «Ganz aufhören werde ich sicher nicht. Ich habe mich aber entschieden, dass es nach zehn Jahren Doppelbelastung mit zwei Geschäften genug ist. Doch ich könnte mir gut vorstellen, temporär Ausstellungen zu machen, ohne belastende Infrastruktur». So ein Projekt wäre es zum Beispiel, die Bilder ihres Grossvaters Léon Bollag in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, oder, oder, oder. Ideen, dass wird schnell klar, hat Arlette Bollag noch für ganz vieles – man darf also gespannt sein.