45 Prozent weniger als vor einem Jahr

von Lev Gorodetsky, October 9, 2008
In den ersten zehn Wochen des laufenden Jahres trafen etwas über 5500 Immigranten aus der ehemaligen Sowjetunion in Israel ein. Das sind rund 45% weniger als in der letztjährigen Vergleichsperiode. Allgemein wird die nach und nach wieder einkehrende Stabilität in Russland für diese Entwicklung verantwortlich gemacht.
Russlands Juden besinnen sich auf ihre Heimat: Wieder mehr Stabilität führt zu weniger Abwanderung. - Foto Keystone

Vladimir und Marina sind immer noch entschlossen, im nächsten Monat mit ihrer 13-jährigen Tochter nach Israel einzuwandern. Weder die seit dem letzten Herbst in der Region herrschende Gewalt noch die geringen Chancen, im angestammten Beruf einen Job zu finden, konnten daran etwas ändern. «Wir fühlen uns hier nicht zuhause», sagt die etwa 30 Jahre alte Marina in Moskau, die im Übrigen auch nicht an eine echte Stabilität der russischen Wirtschaft glaubt. Im Gegensatz zu Vladimir und Marina aber scheinen viele Juden in den GUS-Republiken entweder ihre Abreise zu verschieben oder dann ein anderes Reiseziel als Israel zu wählen. In den ersten 10 Monaten des Jahres 2001 trafen etwas über 5500 Neueinwanderer aus der Ex-UdSSR in Israel ein, was nach Angaben der Jewish Agency (JA) 45% weniger als in der letztjährigen Vergleichszeit ist. Schon 2000 kamen aus der GUS, d.h. vor allem aus Russland und der Ukraine, weniger Menschen nach Israel als im Jahr davor. Gleichzeitig hat nach Angaben der HIAS (Hebrew Immigrant Aid Society) die jüdische Emigration aus den GUS-Staaten in die USA und nach Deutschland seit Anfang 2001 um 30% zugenommen.
Karol Ungar, Leiter der JA-Mission in Moskau, führt zwei Gründe für den Rückgang der Abreisen in Richtung Israel ins Feld: Die gespannte Sicherheitslage als Folge der neuen Intifada und die verbesserte Wirtschaftslage in Russland. Laut Ungar plant die JA aber keine Budgetkürzungen für ihre Aktivitäten in Russland, weil, so meint er, der rückläufige Trend infolge einer sich wieder verschlechternden Wirtschaft gebremst werden wird. Andere sind da nicht so sicher. Mikhail Chlenov etwa, der Vorsitzende der russisch-jüdischen Dachorganisation «Va’ad», glaubt an einen weiteren Rückgang der jüdischen Emigration: «Die Auswanderung ist eine typische Ausdruckweise der Stimmung im jüdischen Volk: Je geringer der Stress in der Gesellschaft, umso niedriger die Emigrationsziffern.» Ohne einen wesentlichen Einbruch in der russischen Wirtschaft werde Israels Premierminister Ariel Sharon, so Chlenov, Mühe bekunden, sein Ziel zu verwirklichen, in den nächsten 10 Jahren eine Million Immigranten nach Israel zu bringen. Nach Arkady Monastirsky, einer lokalen Persönlichkeit in der Ukraine, wird sogar in diesem Land, dessen Wirtschaft weniger stabil ist als in Russland, die Auswanderung zurückgehen. Die jüdische Emigration stamme heute, so Monastirsky, vor allem aus den Kleinstädten, wo eine hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Auch in Russland melden kleinere Städte eine viel höhere Emigration als etwa Moskau oder St. Petersburg. Zwischen Ende der 80er und Ende der 90er Jahre wanderten fast eine Million Menschen aus den GUS-Republiken nach Israel aus. Etwa 10% von diesen kehrten entweder wieder zurück oder reisten weiter.

JTA