31. Dezember oder 22. Tewet?

von Debra Nussbaum-Cohen, October 9, 2008
Was machen Juden am kommenden Neujahrsabend, den viele Millennium-Abend nennen? Werden sie ihre Wohnung festlich schmücken, ausgehen oder eine Party geben? Oder wird der Abend für sie nicht der 31. Dezember sein, sondern der 22. Tewet, ein weiterer gemütlicher, sonst aber ganz gewöhnlicher Freitagabend?
Juden am Silvesterabend: Zwischen Kiddusch und Champagner. - Foto Reuters

Gespräche mit amerikanischen Juden aus allen Teilen des jüdischen Spektrums enthüllen, dass der letzte Freitagabend des Millenniums für die meisten ein wenig von beidem sein wird: Der normale Auftakt zu einem Schabbat, der vielleicht aber doch nicht so normal ist.
Lilly Rivlin, Filmschaffende und Schriftstellerin, hofft, «nach Indien zu reisen, wo ich allem aus dem Weg gehen und mich in ein Ashram begeben kann». Rabbi Arthur Hertzberg hingegen, Professor an der New York University, will das machen, «was ich am Schabbat immer mache». Er wird das Abendessen einnehmen, ein wenig den Wochenabschnitt der Torah lesen und dann schlafen gehen. «Am nächsten Morgen gehe ich dann in die Synagoge. Punkt. Schluss.» Jüdisches Gelärme rund um das Millennium würde doch nur «den Christen in die Hand spielen». Das Ganze sei «nicht unsere Party, nicht unser Millennium, also bleiben wir abseits stehen».
Bruce Temkin, Direktor des Young Leadership des New Israel Fund, und seine Partnerin werden versuchen, «der übertriebenen Bedeutung und dem Schmalz des Abends» aus dem Wege zu gehen. Sehr wahrscheinlich werden sie, wie an jedem anderen Freitagabend, ein ruhiges Dinner mit Freunden und Familie einnehmen. Für Rabbi Avi Shafran von der Agudat Israel der USA wird der bewusste Schabbat sich nicht von anderen Schabbatot unterscheiden. «Die Werte des Schabbats», sagte er, «sind die reinste Antithese zu Dingen wie Lärm, Schweinereien und den wilden Parties, die sich an jedem Neujahr und sich am Millennium-Neujahr abspielen. Schabbat steht für Ruhe und Friede.»
Andere Juden wiederum führen andere Gründe dafür ins Feld, dass sie die jüdischen Aspekte des 31. Dezember und des 1. Januar dieses Jahr ignorieren werden. «Dass der Tag auf Schabbat fällt, beeinflusst weder mein Leben noch meine Festlichkeiten», sagt Sari Fensterheim, eine New Yorker Video-Produzentin. Sie hat vor, mit ihren Freunden ins Strandhaus der Eltern zu gehen. «Sehr wahrscheinlich werden wir etwas Gutes kochen und ein wenig Champagner trinken.»
Vielen anderen wiederum wird die Tatsache des Zusammenfallens von Schabbat und Silvester die Möglichkeit bieten, ihr jüdisch gefärbtes Leben mit der Anerkennung des Umstandes zu kombinieren, dass sie in einer überwiegend nichtjüdischen Umwelt leben. Rachel Levin und ihr Gatte wollen zum traditionellen Freitagabendessen Freunde in ihr Haus in Los Angeles einladen und das neue Jahr mit Champagner begrüssen. Shmuley Boteach, Rabbiner der Lubawitscher Chassidim, meint, Juden würden das Millennium am besten feiern, indem sie nichtjüdische Freunde für Schabbat einladen.
Rekonstruktionisten in Miami werden ein Schabbat-Seminar abhalten, das dem Studium heiliger Schriften diverser Weltreligionen gewidmet sein wird. Nach dem Freitagabend-Gottesdienst wird man nach Angaben von Rabbi Rami Shapiro die ganze Nacht hindurch Texte aus den Psalmen, dem Bhagavad Gita (Hindu), dem Dhammapada (Buddhismus), dem Tao Te Ching der Taoisten und dem Thomas-Evangelium der Christen lesen. «Eines der Kennzeichen der Religion im 21. Jahrhundert», sagt Shapiro, «wird die Inter-Spiritualität sein, das Gefühl, dass jeder zwar aus einer eigenen Tradition kommt, gleichzeitig aber anerkennt, dass er kein Monopol auf die Wahrheit hat.»
Auch andere jüdische Institutionen versuchen, vom zeitlichen Zusammenfallen zweier besonderer Tage im jüdischen und im säkularen Kalender zu profitieren. So fordert die Reform-Synagoge Emanuel in Beverly Hills die Leute auf, «das Millennium mit Gott zu beginnen», indem man, wie Rabbi Laura Geller sagt, am Freitagabend den Gottesdienst besucht, bevor man sich zu irgendwelchen Partys begibt. Die United Synagogue of Conservative Judaims hat an ihre Mitgliedsgemeinden eine Broschüre mit Programmen, Reden und Ideen für Öffentlichkeitsaktivitäten verschickt. In dieser Broschüre wird vorgeschlagen, die Führungspersönlichkeiten der konservativen Synagogen sollten die Aufmerksamkeit an jenem Wochenende «weg von teuren, ausschweifenden und exotischen Festen und Örtlichkeiten» lenken und mehr auf Themen des Umschwungs und des Übergangs hin, wie sie im Wochenabschnitt des betreffenden Schabbats im Buche Exodus zu finden seien. «Ansche Chesed», eine konservative Synagoge in Manhattan, wird versuchen, ihre Mitglieder am Freitagabend mit einem Gottesdienst, einem Dinner und Unterhaltung bis spät in die Nacht beschäftigt zu halten. «Dieses Programm sollte», wie Synagogenpräsident Michael Brochstein sagt, «sowohl Leute anziehen, die mehr an jüdischer Aktivität interessiert sind, als auch solche, die andere Interessen haben. Das ist ein Weg, um einen Zusammenhalt in der Gemeinde zu schaffen.» Wer in den USA die Telefonnummer 1-888-SHABBAT des National Jewish Outreach Project wählt, bekommt Kerzenhalter, Kerzen, einen Kidduschbecher und Traubensaft geschickt. Mit einem Aufwand von 100 000 bis 250 000 Dollar will man, wie Direktor Rabbi Ephraim Buchwald meint, Leute dazu bringen, das Neujahr zu einem Schabbat zu machen. Die Mehrheit der amerikanischen Juden wird den Schabbat vom 31. Dezember 1999 auf den 1. Januar 2000 genauso begehen wie die 51 Schabbatot davor in diesem säkularen Jahr.

JTA