300 Turbinen auf dem Golan?

Von Jacques Ungar, July 1, 2011
Heute sind auf den Golanhöhen bescheidene elf Turbinen in Betrieb. Geht es nach dem Gründer der Firma Golan Windenergy Avi Zeira, dürften in ein paar Jahren schon bis zu 300 Turbinen den Wind kommerziell zu Strom machen. Utopische Träumerei oder realistische Prognose? Auf dem Golan nahm tachles die Windturbinen in Augenschein.
ALTERNATIVE ENERGIEQUELLE Im Dunst eines heissen Sommertags erheben sich die wenigen Windturbinen, die bisher auf dem Golan aktiv sind

Rund 30 Meter über unseren Köpfen drehen die Flügel der Windturbine Simcha Zeira mit einer Spannweite von 27 Metern auf dem Hügel Bnei Zfat («die Söhne von Zfat») mit ruhiger Eleganz ihre Runden, um Elektrizität zu produzieren. Stolze 500 000 Kilowattstunden kommen auf diese Weise in einem Jahr zusammen, genug, um den Strombedarf von rund 100 Haushalten zu decken.
Der Name des Hügels, Bnei Zfat, darf nicht täuschen. Die 27 Tonnen schwere Windturbine steht nämlich auf den Golanhöhen, in Sichtweite des Kibbuz Alonei Habashan, der am weitesten östlich, unmittelbar an der Waffenstillstandslinie mit Syrien gelegenen israelischen Ortschaft. Im Dunst gerade noch erkennbar sind elf weitere Windturbinen. Den Zusammenhang mit der Stadt Zfat erklärt uns Avi Zeira, Gründer und Chef der Firma Golan Windenergy, wie folgt: «Vor rund 120 Jahren liessen sich Juden aus Zfat hier nieder und gründeten eine landwirtschaftliche Siedlung. Das Unternehmen misslang aber ebenso wie ein gleiches Projekt ein paar Jahre später. Bis zur Rückkehr Israels auf den Golan 1967 blieb die Gegend unbewohnt.» Simcha Zeira heisst die Turbine, weil Avi auf diese Weise das Andenken seines im Jom-Kippur-Krieg von 1973 gefallenen Bruders ehren wollte.

Globaler Auftrieb

Schon lange spricht die ganze Welt von alternativen, sauberen Energiequellen, doch geschehen ist in Israel bisher recht wenig. Die Nuklearkatastrophe von Fukushima hat den Alternativprojekten aber global Auftrieb verliehen. In Israel produziert in der Arava im Süden des Landes eine Solarenergieanlage bereits Elektrizität auf kommerzieller Basis, und im Norden will Avi Zeira dem Projekt, von dem er seit Langem träumt, nun im wahrsten Sinne des Wortes Wind und Auftrieb verleihen.
Die Zahlen, die Zeira präsentiert, nehmen sich tatsächlich beeindruckend, um nicht zu sagen gigantisch aus. Zusätzlich zu den bisher bereits existierenden Windturbinen will Golan Windernergy total 200 bis 300 weitere Exemplare auf dem Golan errichten. Geht man von Herstellungs- und Baukosten von vier bis fünf Millionen Dollar pro Turbine aus, dann sieht man rasch, dass es sich hier um ein Projekt im Umfang von einer bis eineinhalb Milliarden Dollar handelt. Und nehmen wir ferner an, dass jede der neuen Turbinen rund zwei Megawatt Strom produzieren wird, kommen wir auf eine Gesamtmenge von bis zu 600 Megawatt, was etwa sechs bis zehn Prozent des gesamten israelischen Strombedarfs entsprechen würde. Um die Proportionen nicht zu verlieren, sei erwähnt, dass weltweit heute rund 200 000 Megawatt Strom durch Windturbinen gewonnen werden, was fast 20-mal mehr ist als der israelische Jahreskonsum an Elektrizität. Preislich liegt die Windenergie mit ihren Kosten von 5 US-Cent pro Kilowattstunde etwa in der Mitte zwischen der in Kohlenkraftwerken gewonnenen Elek-trizität (3 Cent) und teureren Varianten wie etwa der Solarenergie.

Eine Milliardeninvestition

Abgesehen von politischen Aspekten von Milliardeninvestitionen auf dem völkerrechtlich umstrittenen Golan liegt das Hauptproblem bei der Notwendigkeit der Errichtung eines Verteilernetzes für den Transport des Stroms vom Norden Israels in die Bevölkerungszentren des Landes. In Bezug auf die Kosten dieser Investition sieht Zeira noch nicht ganz klar. Seine Schätzung von «mehreren Dutzend Millionen» dürfte letzten Endes noch zu bescheiden sein. «An sich wäre die Israel Electric Corporation der ideale Partner für das Projekt», meint Zeira, «doch die engagieren sich nur, wenn sich die Rendite von vornherein kristallklar berechnen lässt.»
So wünschenswert in einer Periode des Suchens nach sauberen Alternativ¬energien Visionäre wie Zeira sind, ist gerade bei so grossen Projekten der Sinn für Realitäten unabdingbar. Denn sonst könnte es leicht geschehen, dass die Träume der Golan Windenergy im wahrsten Sinne des Wortes vom Winde verweht werden.