240-jähriges Tabu durchbrochen

von Richard Allen Greene, October 9, 2008
Erstmals in seiner 240-jährigen Geschichte hat der Board of Deputies, die Dachorganisation der britischen Judenheit, eine Frau zur Vorsitzenden gewählt. Jo Wagerman, eine bisherige Vizepräsidentin, wurde einstimmig und ohne Gegenkandidat für den wichtigen Posten bestimmt.
Neue Päsidentin Jo Wagerman. - Foto JTA

Jo Wagerman, die am Sonntag für drei Jahre zur ersten weiblichen Vorsitzenden des die Mehrheit der britischen Juden repräsentierenden Board of Deputies gewählt worden ist, will in erster Linie die jungen, nicht affilliierten Juden erreichen und integrieren. Nicht nur die jüdische Gemeinschaft, so Wagerman, bekunde Mühe, junge Leute heranzuziehen. Sowohl unter Moslems, Christen, Sikhs als auch unter den Juden würden Jugendliche «entweder ihre Kultur verlassen oder sich zu Fundamentalisten wandeln», meinte Jo Wagerman nach ihrer Wahl.
Dass kein anderer Kandidat gegen sie ins Rennen gegangen war, betrachtet die neue Präsidentin als ein «grosses Kompliment». Mit ihrer Wahl endet ihrer Meinung nach eine lange Periode, in welcher jüdische Frauen in Grossbritannien «vor allem Tee machen konnten». Sie sei keine ausgesprochene Frauenrechtlerin, doch der Trend bewege sich nun einmal in diese Richtung. - Rund 55% der 283 000 britischen Juden sind weiblichen Geschlechts.
Dem Board of Deputies gehören weder die ultra-orthodoxen Gemeinden Grossbritanniens an noch die Juden, die in keiner Synagoge Mitglieder sind. Nach gewissen Schätzungen machen diese beiden Gruppen fast 40% der britischen Judenheit aus. Unlängst forderte eine Studie des «Institute for Jewish Policy Research» die Schaffung einer repräsentativeren, umfassenderen Struktur der britischen Judenheit. Viele Beobachter sehen im Schlussbericht der Studie («A Community of Communities») eine indirekte Kritik an der Arbeit des Boards. Jo Wagerman ist da anderer Meinung. «Wir sind die repräsentativste Form, die es geben kann», sagt sie zur Verteidigung des Boards. «Die einzigen nicht vertretenen Gruppen sind jene, die entweder nicht vertreten sein wollen, oder die eher oligarchisch als demokratisch organisiert sind.» Wagerman bekräftigte ihre Absicht, einer Organisation vorzustehen, die imstande sei, Rivalitäten und Differenzen zu überwinden. Der Board sei nicht homogen, und es werde immer Unterschiede geben. «Das sollte uns aber nicht davon abhalten, zusammenzuarbeiten.» In der Vergangenheit sei es vorgekommen, dass jene, die am lautesten nach Toleranz gerufen hätten, sich nur zögernd selber entsprechend benommen hätten. Das sei natürlich keine Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit. «Die einzelnen Organisationen dürfen nicht länger in Begriffen der territorialen Abgrenzung denken, sondern müssen kooperativ zusammenarbeiten», sagt die neue Board-Präsidentin. Andernfalls, so warnte sie, würden die Juden Grossbritanniens als Gemeinde nicht überleben, sondern sterben.

JTA