100 Jahre Tel Aviv

March 2, 2009
Israels Metropole ist auf Dünensand gebaut. Aber seit ihrer Gründung vor 100 Jahren legt Tel Aviv eine erstaunliche Vitalität an den Tag. Diese rührt nicht aus dem kargen Baugrund, sondern aus den Bewohnern, die seit dem Pessachfest im Jahr 1909 in immer neuen Schüben in die Stadt strömen.

So erinnert sich der 96-jährige Pionier Ephraim Ilin in dieser Ausgabe an das Tel Aviv des Jahres 1924: Die Unterhaltung bestand damals aus Hora-Tanzen und dem Vorlesen aus der «guten russischen Literatur». Als Ilin wenige Jahre später nach einem Auslandsstudium an den Mittelmeerstrand zurückkehrte, erkannte er seine Heimat kaum wieder: «Die Stadt war vollkommen verändert – man hatte angefangen, mit den Grundstücken zu spekulieren …».

Daran hat sich bis heute wenig geändert: Als «Big Orange», das New York Israels, ist Tel Aviv in einer permanenten Metamorphose begriffen. Der anhaltende Immobilienboom gefährdet zwar die rund 2000 Gebäude im Bauhaus-Stil, mit denen deutsch-jüdische Immigranten bis in die 1960er Jahre das Gesicht der Stadt prägten. Aber wenn die «weissen Villen» modernen Hochhäusern Platz machen, spricht daraus letztlich die Sehnsucht von Neubürgern, am «Traum Tel Aviv» teilzuhaben. Dass die Stadt eine Idee ist – ein wildes, pulsierendes Gebräu aus zionistischer Utopie, kollektiven Sehnsüchten und individuellen Begierden –, das machen der Geograf Maoz Azaryahu und einige andere Autoren in der vorliegenden Ausgabe deutlich. Während die Schriftstellerin Sybille Berg den Leser auf eine «Traumreise» in ihr Tel Aviv mitnimmt, formuliert der heute in Zürich lebende Yossi Ziv die Liebeserklärung: «In Tel Aviv kann man so leben, wie man will, sich jeden Lebensstil aussuchen. Tel Aviv ist eine Stadt des Lebens, manchmal hedonistisch, verführerisch und herausfordernd. Kein Wunder ist sie ein Dorn im Auge jener, die dem Tod anhängen oder das Leben auf Anweisung des Allmächtigen ersticken möchten. Tel Aviv ist weit mehr als seine eigene physische Existenz: Die Stadt ist auch ein Symbol. Darum liebe ich sie immer noch.»

Natan Sznaider erinnert dagegen an den zionistischen Pionier Ahad Ha´am, dessen Vision eines jüdischen Staates in Tel Aviv auf diejenige von Theodor Herzl prallt. Im Gegensatz zu Herzl habe Ha´am nicht von der «Vollendung der jüdischen Assimilation im eigenen Land» geträumt, sondern von der Realisierung einer eigenständigen, jüdischen Staatlichkeit. Diese ist als offener Prozess nicht in Jerusalem zu erleben – wo Herzls Grab liegt –, sondern in Tel Aviv, der letzten Ruhestätte Ha´ams. Sznaider spürt der Konsequenz der
unerfüllten Träume Herzls nach: «Das Tel Aviv Herzls blieb Utopie, ein «Nicht-Ort», der mit dem realen Ort, in dem die Menschen hier leben, im ständigen Kampf steht.»
Der Beitrag von Pierre Heumann macht dagegen deutlich, dass die Weltoffenheit und die tolerante Atmosphäre der Stadt einerseits für ihr Gedeihen unverzichtbar, aber auch ganz natürlich aus ihrer Geschichte hervorgegangen sind: Wo eine historisch vorgegebene Ordnung fehlt, ist ein Zusammenleben nur durch gegenseitige Rücksichtnahme möglich. Naomi Bubis zeigt indes, dass die Zukunft von Tel Aviv nicht zuletzt davon abhängt, dass sich die Städter mit der natürlichen Umgebung ins Benehmen setzen, in welcher der «Hügel des Frühlings» seit 100 Jahren blüht.    ●