100 Jahre alt – und das Leben vor sich

von Olivier Kahn, November 12, 2010
Lausanne begeht in diesen Tagen das 100. Jubiläum seiner Synagoge. Mit dem offiziellen Festakt vermittelt die drittgrösste Schweizer jüdische Gemeinde Einblicke in eine vitale Gemeinschaft.
100--JAHR-JUBILÄUM Zentrum der drittgrössten jüdischen Gemeinde in der Schweiz

Mit der Ausstellung «Eine Synagoge in der Stadt», liturgischen Konzerten und klassisch-jüdischen Musikanlässen, Führungen durch die Synagoge, offenen Gottesdiensten und Vorträgen etwa von Jacques Ehrenfreund oder Oberrabbiner Marc-Raphaël Guedj hat das Lausanner Jubiläum bislang eine breite Palette geboten. Eröffnet wurde der Reigen mit einem offiziellen Abend am 4. November, der diese Breite bereits spüren liess. In der Synagoge drängten sich Vertreter der religiösen, diplomatischen und politischen Welt aus Lausanne und dem Waadtland in einer Dichte, von der die Organisatoren wohl nicht zu träumen gewagt hatten. Aber auch zahlreiche interessierte Besucher waren gekommen, um Nachbarn oder Freunde aus der Lausanner Gemeinde zu treffen. Ferner gaben sich die Botschafter Israels in Bern und bei der Uno in Genf, der französische Oberrabbiner Gilles Bernheim, die früheren Lausanner Rabbiner Saadia Morali und Alain Naccache sowie der liberale Rabbiner François Garaï und Oberrabbiner Itzhak Dayan aus Genf die Ehre. Anzutreffen waren überdies die frühere SP-Nationalrätin Yvette Jaggi, Chefredaktor Thierry Meier von der Regionalzeitung «24 heures», etwelche Persönlichkeiten des kulturellen und wirtschaftlichen Parketts wie auch Alain-Bruno Lévy und Johanne Gurfinkiel, Präsident und
Generalsekretär von CICAD.

Die Toleranz erhalten

Die Begriffe Synagoge, Jahrhundert, Tradition, Besonderheit, Eigenart, Offenheit und Respekt dürften die in den Reden meistverwendeten gewesen sein. Aber auch die Erinnerung wurde immer wieder angerufen, so etwa durch Elie Elkaim, Sohn des Lausanner «schamesch» und Präsident des Organisationskomitees, in dem etliche Mitglieder einen potenziellen künftigen Präsidenten der Gemeinde sehen. In seiner Ansprache begrüsste er nicht nur die Anwesenden, sondern erinnerte auch an jene, die jetzt und künftig fehlen, allen voran die am 31. Oktober verstorbene Genfer Auschwitz-Überlebende Ruth Fayon. Auffällig war, dass aus der deutschen Schweiz Agudas Achim mit Präsident Eli Rosengarten, Or Chadasch mit Präsident Alex Dreifuss und Rabbiner Reuven Bar-Ephraïm, die Jüdische Gemeinde Bern mit Präsidentin Edith Bino vertreten waren, die grossen Einheitsgemeinden Israelitische Gemeinde Basel und die Israelitische Cultusgemeinde Zürich keine Vertreter sandten. Hingegen war der Schweizerische Israelitische
Gemeindebund mit Präsident Herbert Winter und vier Mitliedern der Geschäftsleitung vertreten.
Gemeindepräsident Antoine David, den etliche gerne für eine zweite Amtszeit antreten sähen, betonte, dass die Worte «Mein Haus wird ein Bethaus allen Völkern sein» nicht zufällig über dem Eingang der Synagoge eingraviert sind. In unserer jüdischen Perspektive sei, wie er erklärte, das Wort «Jahrhundert» mit dem Wort «Tradition» im Respekt vor den anderen und ihrer Unterschiedlichkeit verknüpft. Mit seinem Gruss an die anwesenden Vertreter anderer Religionen verband er den Aufruf, aufmerksam darüber zu wachen, dass die Toleranz erhalten bleibe, welche ein Zusammenleben erlaube. Dieses Thema nahm auch Stadtpräsident Daniel Brelaz auf, der die gegenseitige Loyalität ansprach, welche durch die jüdische Präsenz in Lausanne symbolisiert werde, einer Stadt im Übrigen, die quasi rund um die Synagoge gewachsen sei und der diese viel gebracht habe.

Geist der Erneuerung

Claudine Wyssa, die Waadtländer «First Lady», fand – unter anderem mit einem Zitat aus Charles Lewinskys Roman «Melnitz» – bewegende Worte für die ihr persönlich wichtige Botschaft, welche im Vorhandensein jüdischen Lebens in einer nicht jüdischen Umgebung liege. Sie erinnerte daran, dass der Kanton Waadt in den Jahren der Schoah nie den Erlass von Sondergesetzen in Betracht gezogen habe. Unter Bezugnahme auf die unter Respektierung der demokratischen Tradition jüngst erfolgte Anerkennung der Communauté Israëlite de Lausanne et du canton de Vaud (CILV) als rechtlich-öffentliche Institution äusserte sie den Wunsch, dass Gemeinde und Kanton sich noch lange gegenseitig bereichern mögen und der konfessionelle Friede ein Grundpfeiler des Waadtlands bleiben werde.
Nachdem Chasan Alain Blum (von dem ebenfalls etliche Gläubige hoffen, dass er seinen interimistischen Einsatz in Lausanne verlängert) das Schofar geblasen hatte, ergriff Frankreichs Oberrabbiner das Wort. Er hiess den neuen Lausanner Rabbiner Lionel Elkaim herzlich willkommen und erklärte, dass er glücklich sei, «den Geist der Erneuerung in dieser schönen Gemeinde» zu sehen, mit der er persönlich verbunden sei. In seiner bekannten Offenheit nannte er die Synagoge einen Ort, an dem sich ein jeder, Jude oder Nichtjude, «wohl fühlen» und mit dem jeweils anderen der Tradition folgend Gedanken austauschen solle, die beide bereichern. Dies um so mehr, wenn beide unterschiedliche religiöse Horizonte hätten, denn jeder wachse daran und lerne seine eigenen Traditionen auf diese Weise besser kennen als im behaglichen Schlummern innerhalb der eigenen Gemeinde.

Die Zahl 100

Rabbiner Elkaim seinerseits kam auf die Synagoge als Zentrum des Gemeindelebens nach der Zerstörung des Tempels, auf ihre inneren und äusseren Aspekte und das himmlische Jerusalem in der Höhe und das irdische in unseren Gefilden zu sprechen. Seine Rede beschloss er – ganz irdisch bezogen – mit einem Exkurs auf die Symbolik der Zahl 100 und dem Hinweis auf die weitere Prosperität der Gemeinde: «Es ist gleichzeitig wenig und viel, aber es ist auch das Alter, in welchem Awraham noch die nötige Energie hatte, um zu zeugen.» Die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Synagoge in Lausanne werden diesen Samstag mit einer Gala im Hotel Beau Rivage abgeschlossen.