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Jüdische Weltliteratur aus Zürich

Jüdische Weltliteratur aus Zürich

Von Walter Labhart , August 19, 2011
Nicht nur Amsterdam, Paris, Moskau oder New York, sondern auch Zürich war eine Hochburg der jüdischen Exilliteratur. Das beweist einmal mehr die Ausstellung "Zuflucht und Sehnsucht - fremde Dichter in Zürich", die noch bis zum 3.September im Predigerchor der ZB Zürich zu sehen ist.

Vor lauter Büchern und Briefen, Zeitschriften, Autorenporträts und diversen Fotos, Plakaten, Plänen, historischen Ansichten und anderen Dokumenten kann man leicht den roten Faden verlieren, so reichhaltig und vielschichtig ist die von Raffael Keller kuratierte Ausstellung. Sehr bescheiden plakatiert und schon deswegen eher schlecht besucht, garantiert sie für stille und mitunter höchst spannende Lektüre.



Da die Limmatstadt in beiden Weltkriegen trotz vielerlei Schikanen zahlreichen jüdischen Emigranten Zuflucht bot, ist der Anteil jüdischer Autoren beträchtlich. Unter ihnen verdient Albert Ehrenstein schon durch den Umstand, dass er sich mehrmals in Zürich aufhielt, besondere Beachtung. Der in Wien geborene Expressionist, der 1916 erstmals nach Zürich gekommen war, schloss sich hier den um Ludwig Rubiner versammelten "Moralikern" an, denen auch Leonhard Frank und René Schickele angehörten. Ehrensteins von Gregor Rabinovitch radiertes Porträt (1918) ragt zusammen mit dem von Alexander Soldenhoff gemalten des Verlegers und Lyrikers Salomon David Steinberg aus den vielen kaum bekannten Dichterbildnissen hervor. 

"Die weissen Blätter"

Proben von Ehrensteins bissiger Antikriegslyrik erschienen in Zürich zuerst in der von Schickele bei Rascher am Limmatquai herausgegebenen Monatsschrift "Die weissen Blätter", dann in der darauf basierenden Anthologie "Menschliche Gedichte im Krieg" (1918), schliesslich in der 1919  mit einer Umschlagzeichnung von Rabinovitch veröffentlichten Prosa- und Gedichtsammlung "Den ermordeten Brüdern". Ende 1933 wieder in die Schweiz geflohen, hielt sich der zu den ersten Kafka-Apologeten zählende Dichter diesmal länger in Zürich auf. Nachdem sich Carl Seelig, Hermann Hesse und Thomas Mann erfolglos für eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung des mit Arbeitsverbot belegten Schriftstellers bemüht hatten, reiste Ehrenstein 1941 in die USA aus.  

Mit zahlreichen Erstdrucken von ihm, von Ernst Bloch, Walter Hasenclever, Kurt Hiller, Franz Kafka, Annette Kolb, Else Lasker-Schüler, Mynona, Ludwig Rubiner, Carl Sternheim, Robert Walser, Ernst Weiss und weiteren Autoren trugen die Zürcher Kriegsjahrgänge der "Weissen Blätter" lange vor den Büchern von Klabund, James Joyce, Alfred Polgar oder Elias Canetti zur Weltliteratur bei.

Geburt des Dadaismus

Kulturell noch höheres Ansehen verdankt Zürich jedoch dem 1916 an der Spiegelgasse eröffneten "Cabaret Voltaire". Dort wurde der Dadaismus von lauter Immigranten ins Leben gerufen, von den jüdischen Avantgardisten Marcel Janco und Tristan Tzara (Samuel Rosenstock) aus Rumänien sowie von Hans Arp, Hugo Ball und Emmy Hennings. Auf das sinnlose Morden des Krieges reagierten die meisten von ihnen mit antibürgerlichen Gedichten in oft revolutionärer Typografie. Als Walter Serner (Seligmann) 1919 in einer Dada-Soiree sein Manifest "Letzte Lockerung" las, kam es zu einem von ihm selber beschriebenen Tumult: "Man pfiff, schrie, warf kleine Geldstücke, Orangenschalen und Schimpfworte auf die Bühne und stampfte mit Füssen und Stühlen."

Lebensende in Zürich

Wie die vor Materialfülle überquellende Ausstellung zeigt, liessen sich im 18.Jahrhundert deutsche Dichter wie Goethe und Klopstock vom Zürichsee zu schwärmerischen Verklärungen der Landschaft inspirieren, bevor die Stadt selber zum Zufluchtsort für revolutionäre Geister wie Büchner, Herwegh oder Freiligrath wurde. Im 20.Jahrhundert beendeten mit besonderer Vorliebe, wie es scheint, fremde Dichter von Rang ihr Leben in Zürich. So starben hier nicht nur James Joyce (1941), Felix Salten (1945) und Alfred Polgar (1955), sondern auch Ferdinand Hardekopf (1954), Siegfried Trebitsch (1956), Bruno Schönlank (1965), Hugo Wolfgang Philipp (1969), Ossip Kalenter (1976), Walter Mehring (1981) und Elias Canetti (1994). Was auf dessen Grabstein steht, mag für so viele andere Schicksalsgenossen gelten: "Die Literatur erhält mich, aber ernährt mich nicht. Meine Heimat ist die deutsche Sprache. Zuständig bin ich überall, staatenlos im Nirgendwo."

Wer sich für diese Ausstellung Zeit nimmt, entdeckt biografisch viel Interessantes bei Max Herrmann-Neisse, Alfred Polgar (Widmungen an Carl Seelig) und Josef Roth (Brief an Robert Faesi), Robert Musil (Brief an Seelig), Paul Celan, Elias Canetti, Walter Mehring (Brief an Gotthard Jedlicka, u.a. über die Entdeckung eines nachgelassenen Koffers von Else Lasker-Schüler), Hans Sahl, Franz Wurm (Widmung an Canetti) und vielen weiteren Autoren.

Anstelle eines Ausstellungskatalogs gab Raffael Keller eine auf den Exponaten basierende, von Jan Hofer typografisch originell gestaltete Anthologie von Gedichten über Zürich heraus. Vier Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste steuerten Rauminstallationen bei.



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