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Zwei Brüder – zwei Schicksale

Von Gisela Blau, June 8, 2011
Eine neue historische Studie beleuchtet umfassend das Schicksal einer jüdischen Familie aus Deutschland, vor allem des älteren Sohnes, der in der Schweiz daran zerbrach.
EIN GLÜCKSFALL Robert Wieler, Unternehmer und Präsident der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen, wirkte als Vormund für Rolf Merzbacher


 

Im September 1935, kurz vor Erlass der Rassengesetze, werden jüdische Schüler von deutschen Schulen weggewiesen. Der elfjährige Rolf Merzbacher muss in Öhringen in Baden-Württemberg das Progymnasium verlassen. Er wird von den Eltern, die eine Auswanderung der Familie in die USA planen, zu den mütterlichen Grosseltern nach Konstanz gebracht. Er erhält, wie andere jüdische Schüler aus Konstanz auch, von den sonst so fremden- und judenfeindlichen Behörden des Kantons Thurgau die Genehmigung, im benachbarten Kreuzlingen zur Schule zu gehen. Er kann bei seinem Primarlehrer wohnen. In dessen Familie fühlt er sich aufgehoben. 1937 wird der früher so beliebte Arzt Julius Merzbacher in seiner Heimatstadt Öhringen vor Gericht gezerrt, weil er sich gegen eine antisemitische Pöbelei gewehrt hat. Im November muss er für zwei Monate ins Gefängnis. Anschliessend verkauft er sein Haus unter dem Wert, löst die Praxis auf und zieht mit dem zehnjährigen Sohn Werner und seiner Frau Hilde zu deren Familie nach Konstanz. Werner kann 1939 mit einem Kindertransport in die Schweiz einreisen. Er wird nach Zürich gebracht und fühlt sich in seiner Pflegefamilie sehr wohl. Er darf dank eines Stipendiums sogar das Gymnasium besuchen.
Das ersehnte Affidavit aus den USA kommt Ende Oktober 1940 einige Tage zu spät. Da befinden sich die Eltern Merzbacher und die Grossmutter mit 6500 anderen deportierten Juden aus Baden bereits auf dem Weg ins französische Pyrenäenlager Gurs. Aus dieser Vorhölle schreiben sie zwischen Dezember 1940 und Anfang September 1942 den Buben 21 Briefe und Postkarten. Meist gehen sie an den Älteren, der als erster die Last des Schicksals der Eltern tragen muss. 1942 werden diese nach Majdanek deportiert und 1943 ermordet.

Ein umfangreicher Fall

1940 schliesst Rolf die Sekundarschule mit einem glänzenden Zeugnis ab. Nun beginnt seine Leidenszeit. Die Behörden wollen nur landwirtschaftliche Lehrstellen bewilligen. Rolf wäre gerne Arzt geworden wie der Vater, doch ein Studium kommt nicht in Frage. Auch eine Lehrstelle als Laborant findet er nicht. So muss er seine Pflegefamilie verlassen und soll die Gartenarbeit erlernen, die ihm nicht liegt. Zwischendurch wird er ins Arbeitslager Davesco im Tessin eingezogen, wo er mit 17 Jahren der Jüngste ist. Später gibt es dort ein Jugendlager, was die Situation erleichtert, aber da ist in Rolf bereits etwas zerbrochen. Die Ungewissheit über das Schicksal der Eltern und seine berufliche Misere lösen bei ihm geistige Störungen aus, die seine Psychiater im Spital Münsterlingen nicht mit der Verfolgung durch die Nazis und dem Schicksal der Eltern in Verbindung bringen können oder wollen. Als er 20 Jahre alt ist, tritt er freiwillig in die psychiatrische Klinik ein.

Gregor Spuhler untersuchte Ende der siebziger Jahre als Mitarbeiter der Bergier-Kommission das Verhalten der Kantone und stiess auf den Fall von Rolf Merzbacher, der ungewöhnlich gut dokumentiert war, obwohl der Kanton Thurgau alle Flüchtlingsakten vernichten liess. Saul Friedländer, als Kommissionsmitglied auch zuständig für die Studie über die Flüchtlingspolitik, entschied, dass der Fall so umfangreich war, dass er nur kurz Einlass finden konnte, und er brachte Spuhler auf die Idee, ein eigenes Buch darüber zu recherchieren und zu schreiben. Zu Spuhlers grösster Überraschung erklärte sich der Kanton Thurgau, der wissen konnte, dass die Rolle der damaligen Behörden nicht gut wegkommen würde, bereit, die Arbeit durch einen namhaften Betrag aus dem Lotteriefonds zu finanzieren. Der Historiker durfte sogar die Krankenakten auswerten.

Vor der Ausweisung bewahrt

Minutiös zeichnet Spuhler anhand aller Archive und einiger Zeitzeugen-Gespräche die Geschichte Rolf Merzbachers und die historischen Hintergründe. Er kann auch aus den Briefen und Karten zitieren, die der Kranke von den Eltern erhalten hatte. Werner Merzbacher fand sie im Nachlass seines Bruders, der 1983 starb. Der jüngere Bruder hatte mit 20 Jahren in die USA auswandern müssen. Erst 1964 kam er als gemachter Mann mit seiner Familie zurück in die Schweiz. Er ist bekannt für die wunderbare Kunstsammlung, die er mit seiner Frau Gaby aufgebaut hat. Besonders schmerzt Werner Merzbacher noch heute die letzte Karte, welche die Eltern vor ihrer Deportation nach Majdanek an ihren Sohn Rolf schrieben. An der Buchvernissage wird er sie vorlesen, sagt er. «Ich habe meinen Bruder durch das Buch besser kennen gelernt. Mir ging es als Jugendlicher in der Schweiz gut. Ich konnte unser schlimmes Schicksal, die Vertreibung und die Trennung von den Eltern und ihren Tod verarbeiten, aber Rolf ist daran zerbrochen.» 

1951 wollte der Thurgauer Polizeidirektor den ihm lästigen Merzbacher in eine deutsche Klinik ausweisen. Doch er hatte die Rechnung ohne Robert Wieler gemacht, Textilunternehmer und Präsident der Jüdischen Gemeinde Kreuzlingen. Wieler hatte sich schon früh um Merzbacher gekümmert, wie um so viele andere Flüchtlinge, denen er und seine Familie, wie auch alle anderen Kreuzlinger Juden, tatkräftig halfen. Er wehrte sich mit allen Mitteln gegen die Ausweisung des Kranken und fand für ihn einen Klinikplatz in der Nähe von Chur, samt der nötigen Finanzierung. Es ist unglaublich, welchen administrativen Aufwand der Unternehmer und Familienvater leistete. Dass Robert Wieler zum Vormund bestellt wurde, sei ein Glücksfall für Merzbacher gewesen, schreibt Gregor Spuhler. Wieler erstritt nach seinen Kämpfen gegen die thurgauischen Behörden über drei Jahrzehnte hinweg bei den deutschen Wiedergutmachungsstellen die Restitution des relativ bescheidenen Familienvermögens, und er erreichte sogar, dass schliesslich die Nazizeit als Ursache der Geisteskrankheit anerkannt wurde. 

Ein riesige Belastung

«Das Einstehen für Rolf Merzbacher war für mich lebenswichtig», sagt der weit über 90-jährige Robert Wieler, der seit 1977 in Jerusalem lebt, zu tachles. «Es hat glücklicherweise Wirkung gezeigt, aber es war eine riesige Belastung, emotional und auch zeitlich. Mein Familienleben hat darunter gelitten.» Werner Merzbacher sei immer hoch anständig gewesen: «Sobald er in Amerika etwas Geld verdiente, unterstützte er seinen Bruder nach Kräften.» Die Ankündigung, dass der Justizdirektor des Kantons Thurgau an der Buchvernissage sprechen werde, kommentiert Wieler mit einem trockenen: «Der Kanton hat auch allen Grund zur Wiedergutmachung!»

Gregor Spuhler: Gerettet – zerbrochen. Das Leben des jüdischen Flüchtlings Rolf Merzbacher zwischen Verfolgung, Psychiatrie und Wiedergutmachung. Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte der ETH Zürich, Band 7. Chronos Verlag, Zürich 2011. 

 





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