Worte des Preisträgers Dick Marty
Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden, um mich bei Ihnen für die Ehre zu bedanken, die Sie mir mit der Überreichung des Fischhof-Preises zuteil werden lassen. Eine Ehre, welche dadurch noch grösser wird, dass ich sie zusammen mit Frau Claudia Kaufmann erhalte, Frau Kaufmann, die ich immer für ihren konsequenten und kompromisslosen Einsatz für Gerechtigkeit und friedliche Konfliktlösungen bewundert habe.
Bei solchen Gelegenheiten fragt man sich immer: «Was habe ich nur gemacht, um eine solche Ehre zu verdienen?». Und das ist auch die Frage, welche ich mir gestellt habe, als ich mit grosser Überraschung erfahren habe, dass ich diesen angesehenen Preis erhalten würde. Ich denke, dass ich eingestehen kann, in der Tat lediglich meine Pflicht erfüllt zu haben. Es stimmt, ich habe mich in besonderen Situationen befunden und habe versucht, mich ihnen in völliger Unabhängigkeit, ohne Druck und gemäss den Prinzipien der Wahrheit und Gerechtigkeit zu stellen. Nichts Aussergewöhnliches also.
Am heutigen Abend möchte ich daher versuchen, der Sprecher und die Stimme all jener Personen zu sein, jener Opfer, jener Familien von Opfern und jener Menschenrechtsverteidiger, die ich an verschiedenen Orten getroffen habe, wo Gewalt, Abwesenheit von Gerechtigkeit und Verachtung der Menschenwürde regieren. Ja, ich möchte, dass wir heute Abend vor allem an diese Personen denken. Ich habe in Inguschetien, in Tschetschenien, in Dagestan, auf dem Balkan, in Sri Lanka und in der Region der Grossen Seen im Kongo Personen getroffen, die gefoltert wurden, vergewaltigte Frauen und Kinder, Väter und Mütter auf der verzweifelten Suche nach ihren entführten und verschwundenen Kindern. Diese Begegnungen kann man nicht vergessen, diese Gesichter sehe ich immer wieder vor mir, Gesichter, gezeichnet vom Schmerz, aber trotzdem auch voller Würde. Blicke, die mich verfolgen, weil sie eine solch grosse Anerkennung ausdrückten, für jemanden, der von so weit her kommt und sich Zeit nimmt, ihnen zuzuhören. Es sind aber auch Blicke, die Hoffnung ausdrückten, die Hoffnung, dass ich ihre Probleme lösen und ihnen ihre Kinder, ihre Würde und Gerechtigkeit zurückbringen würde. So kam für mich zusätzlich zu den Emotionen, welche der Anblick dieser Dramen auslöste, auch noch die unerträgliche Frustration über meine eigene Machtlosigkeit hinzu.
In all diesen Regionen habe ich auch bewundernswerte Personen getroffen, gut ausgebildete junge Frauen und Männer, die, anstatt sich für eine Karriere zu entscheiden, die ihnen Sicherheit und zahlreiche materielle Vorteile gebracht hätte, sich für die Verteidigung der Rechte ihrer Mitbürger einsetzen, indem sie Machtmissbräuche öffentlich anprangern und die Behörden zu mehr Gerechtigkeit drängen. Wenn das so oft missbrauchte Wort «Held» wirklich einen Sinn hat, dann sind es diese Menschenrechtsverteidiger, die damit gemeint sind. Sie riskieren täglich ihr Leben, und einige von ihnen, die ich gekannt habe und mit denen ich in Verbindung stand, wurden ermordet.
All dies geschieht gar nicht weit weg von uns. Der Balkan und der Kaukasus befinden sich in Europa, zwei, drei Flugstunden entfernt. Der Kongo ist weiter weg, das stimmt, aber er ist bei uns allgegenwärtig, sogar in unseren Taschen. In unseren Natels und in unseren Computern hat es Koltan, ein Mineral von strategischer Bedeutung, das im Kongo von grossen internationalen Gesellschaften abgebaut wird. Ein riesiger Reichtum, von welchem die Bewohner der Region aber überhaupt nicht profitieren. Während die Minen gut geschützt werden, leben die Bewohner in einer Situation, die geprägt ist vom Elend und vom Terror eines endlosen und grausamen Krieges, ein Krieg, in dem Vergewaltigungen als Waffe eingesetzt werden und der daher vor allem die Frauen betrifft. Diese Frauen sind doppelte Opfer, einmal weil sie systematisch vergewaltigt werden, und ein zweites Mal, weil sie wegen der Vergewaltigung von ihrer Umgebung verstossen werden. Eine unermessliche Tragödie, für die sich bei uns niemand mehr zu interessieren scheint. Ja, so lange unsere Natels funktionieren…
Die Gleichgültigkeit hat mich während meiner Aktivität sicherlich am meisten geschockt. Wir haben erfahren, dass wir im Namen des «Krieges gegen den Terrorismus» unsere schönen Prinzipien – wie die Rechtsstaatlichkeit, den Respekt der Menschenwürde und das absolute Folterverbot – aufgegeben haben. Die Vereinigten Staaten, die wir für ihren Einsatz zugunsten der Bürgerrechte immer bewundert haben, haben die Meinung vertreten, dass weder die Justiz noch die Genfer Konventionen adäquate Instrumente sind, um dem Terrorismus entgegenzutreten. So hat man stattdessen auf Verschleppungen, auf das rechtlose System von Guantanamo und geheime Gefängnisse zurückgegriffen. Man hat das Waterboarding, eine Simulation des Ertrinkens, in einem Praxishandbuch der US-Administration institutionalisiert. Ausserdem hat man, ganz im Trend unserer globalisierten Gesellschaft, das Prinzip der Delokalisierung – des Ousourcing – der Folter erfunden: Verdächtige Personen wurden entführt und zur Strafverfolgung in andere Länder überführt; dies waren die berühmten extraordinary renditions. So hat man mit Ländern wie Ägypten, Syrien, dem Jemen und Libyen zusammengearbeitet, welche doch zur «Achse des Bösen» gehörten und wo die Folter geläufig ist. Dies alles geschah unter gütigem Stillschweigen oder gar in aktiver Mittäterschaft der europäischen Regierungen. Die meisten Guantanamo-Häftlinge wurden nach Jahren freigelassen, nichts konnte gegen sie bewiesen werden, ohne ein Wort der Entschuldigung, ohne einen Dollar der Entschädigung, ohne die Möglichkeit, wegen angeblicher Interessen von Staatsgeheimnissen, sich an die Gerichte zu wenden.
Die Politik , die Parlamente und die öffentliche Meinung haben ziemlich träge auf diese Geschehnisse reagiert. Opfer dieser Missbräuche und dieser kriminellen Handlungen waren und sind schliesslich nur Ausländer, Moslems. Wieso haben wir all dies akzeptiert, wieso haben wir uns gegen diese Ausartungen nicht aufgelehnt? Warum wird gleichgültig hingenommen, wenn der Präsident der grössten Weltmacht nach der Ermordung eines gesuchten Terroristen sagt «Justice has been done», obwohl es durchaus möglich gewesen wäre, ihn festzunehmen und vor ein Gericht zu bringen?
Diese Gleichgültigkeit und Passivität rufen zwangsläufig die Dreissigerjahre in Erinnerung. Die Massnahmen, die schrittweise gegen die Juden, die Kommunisten und die Zigeuner ergriffen wurden, haben auch keine besonderen Reaktionen ausgelöst. Sogar die Beflissenheit, mit der zahlreiche angesehene Schweizer Exportindustrien den deutschen Behörden die arische Reinheit ihrer Führungskräfte versichert haben, lösten keinen Skandal aus. Es handelt sich um eine äusserst hartnäckige Gleichgültigkeit, wenn man bedenkt, dass nicht einmal der Bergier-Bericht Gegenstand einer politischen Debatte war.
Die nach Frankreich geflüchtete Hannah Arendt fand sehr harte Worte, um die Gleichgültigkeit zu verurteilen, welche die Tragödie der in den Tod geschickten Juden umgab. In einem Artikel vom 8. Mai 1942 mit dem Titel «Die Eloquenz des Teufels» prangert sie einmal mehr die Verschwörung des Schweigens an, welche das Schicksal der Juden umgibt.
Ich bin mir völlig bewusst, dass historische Vergleiche nicht nur heikel sind, sondern auch selten zutreffend. Was ich sagen will, ist, dass man sich sowohl heute als damals nicht über die Ungerechtigkeiten entrüstet, so als ob uns das alles gar nichts angehen würde. Wir fühlen uns nicht betroffen, weil es den anderen geschieht, einer Gruppe, die nicht die unsere ist. Wie kann man da nicht an das Gedicht des Pfarrers Martin Niemöller denken, das er in Dachau geschrieben hat:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich nicht protestiert; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.”
Die Opfer der Zwillingstürme verdienen unseren Respekt und unser Mitgefühl. Aber wir tun ihrem Andenken keinen Gefallen und helfen ihren Familien nicht damit, dass wir den Terrorismus mit illegalen Mitteln bekämpfen. Im Gegenteil: Folter, Verschleppungen in geheime Gefangenenlager ohne Prozess, und ganze Kriege, die man mit verlogenen Motivationen begründet hat, all dies hat Kriminellen eine Ausrede, eine vorgebliche Legitimität dafür gegeben, einen Staat, ein System zu bekämpfen, das Methoden benutzt, die ihm seine eigene Rechtsordnung verbietet. Terroristische Akte blindwütiger Gewalt müssen intelligent bekämpft werden, in internationaler Zusammenarbeit der Justizbehörden. So hat es Spanien mit Erfolg getan nach den schrecklichen Attentaten des 11. März 2004 in Madrid. Wir dürfen auch nicht die Prävention vergessen: Die Ungerechtigkeit ist die Hauptverbündete des Terrorismus. Wie kann man verkennen, dass es immer wieder Gewaltausbrüche geben wird, solange das Palästinenserproblem nicht gelöst ist, solange zehntausende Menschen seit 1948 ohne Nationalität, ohne echtes Statut, ohne Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Lagern hausen müssen? Wieso kann die internationale Gemeinschaft die Männer und Frauen nicht besser unterstützen, welche sowohl in Israel als auch in Palästina nichts mehr verlangen, als in Frieden und im Respekt des anderen zu leben?
Am Horn von Afrika leben Millionen von Menschen, die meisten von Ihnen Frauen und Kinder, in einer extremen Notsituation. Die Todesopfer gehen in die Hunderte – täglich! Nicht nur wegen der Trockenheit, aber auch und vor allem als Konsequenz lang andauernder Konflikte. Was haben wir getan, um den üblen Waffenschmuggel zu bekämpfen, der diese Konflikte kontinuierlich anheizt, ein sehr profitabler Schmuggel, gar nicht so weit entfernt von Interessen und Netzwerken in unseren Ländern? Hat man ausserordentliche Massnahmen getroffen, um diese enorme humanitäre Katastrophe zu bekämpfen? Natürlich nicht. Ist ein Menschenleben in New York mehr wert als eines in Dahaab, dem grössten Flüchtlingslager der Welt?
Schmuggel von Menschen, von Waffen, von Drogen und auch von menschlichen Organen sind zusammen mit der Korruption und der Finanzspekulation die gefährlichsten Bedrohungen für unsere demokratischen Gesellschaften. Der Kampf gegen diese Übel gehört aber offenbar nicht zu den politischen Prioritäten oder denen der öffentlichen Meinung. Liegt das vielleicht an den enormen finanziellen Interessen, die hier im Spiel sind? Einmal mehr eine störende Frage, aber eine solche, die gestellt werden muss.
Die schönen Texte zu den Rechten und der Würde des Menschen haben in uns die Hoffnung geweckt, dass wir uns auf eine bessere Welt zu bewegen, auf einen wahren Frieden, auf den Respekt des menschlichen Wesens. Einige Fortschritte hat es gegeben. Aber man bekommt immer mehr den Eindruck, man müsse befürchten, dass die Dämonen der Vergangenheit nicht aufhören, auf uns zu lauern. Müssen wir die ewige Wiederkehr im Sinne von Nietzsche befürchten?
Der Rassismus stellt eine heimtückische und gefährliche, oft unterschätzte Bedrohung dar und erinnert uns einmal mehr an die Dreissigerjahre. Es ist ein Symptom einer schwachen Gesellschaft. Ich bedanke mich von Herzen für die Ehre, die Sie mir zuteil werden lassen, und ich glaube, dass ich für alle sprechen kann, wenn ich meine Anerkennung ausdrücke für die bemerkenswerte Arbeit und das aussergewöhnliche Engagement Ihrer beiden Organisationen gegen Rassismus und Antisemitismus und zugunsten von Minderheiten.
Zum Schluss möchte ich betonen, dass die Politik und die Politiker nicht das Recht haben, sich das Thema der Menschenrechte zu Propagandazwecken anzueignen oder damit schöne Reden zu schmücken. Die Menschenrechte verlangen ein Engagement, sie beinhalten das Risiko zu missfallen, denjenigen auf die Nerven zu gehen, die Macht in den Händen halten
Dieser Preis ist doppelt für mich. Er gibt mir einerseits die Gelegenheit, gegenüber einer Bevölkerung eine Geste* zu machen, die wegen zwei verheerenden Kriegen und wegen religiösem Extremismus seit sehr langer Zeit leidet; diese Bevölkerung Afghanistans, die man allzu oft vergisst. Zweitens kann ich nicht verbergen, dass mich die Laudatio von Professor Thürer zutiefst bewegt hat. Dies ist ein aussergewöhnliches Geschenk, denn er war und ist für mich ein Lehrer und ein Vorbild im Bereich des internationalen Rechts, des humanitären Völkerrechts und der Gerechtigkeit.
Herzlichen Dank, lieber Herr Professor Thürer, herzlichen Dank Ihnen allen, meine Damen und Herren.
*Dick Marty spendet seine Preissumme einem Schweizer Projekt zur Ausbildung von Lehrkräften in Afghanistan.


