Unvernünftige Vernunftsehe
Von 1977 an arbeitete ich zwei Jahre lang als Teddy Kolleks Stabschef. Mehr als einmal diskutierten wir die Grenzen seines Einflusses als Bürgermeister: Hätten die Leute auf ihn gehört, wären seiner Meinung nach die nach dem Sechstagekrieg hastig aus dem Boden gestampften neuen Viertel Jerusalems nicht zu abgelegenen Schlafdörfern geworden und hätten auch nicht das Stadtzentrum zu Tode erdrückt. – Viele glaubten, die multikulturelle Toleranz, die Kollek in die Wiege gelegt worden war, hätte ihn zum richtigen Mann für die Führung Jerusalems gemacht. Eine Weile lang war es ihm tatsächlich gelungen, der Besatzung den Charakter eines nie endenden Friedenskarnevals zu verleihen und Berühmtheiten aus aller Welt nach Jerusalem zu locken: Marc Chagall und Frank Sinatra gehörten zu ihnen. Jeder kaufte ihm das Versprechen ab, ein «geeintes Jerusalem» könne Erfolg haben, denn jeder war überzeugt davon, dass Kollek selber daran glaubte. Viele dieser Menschen wurden zu Botschaftern der Besatzung. Wir sprachen viel über die Araber der Stadt. Kollek sah es als seine Pflicht an, Bürgermeister von allen zu sein, obwohl es ihm leid tat, dass diese Bevölkerungsgruppe im Sechstagekrieg nicht geflohen war oder vertrieben wurde, so wie die Araber des Landes im Unabhängigkeitskrieg geflohen waren oder verschleppt worden sind. Es war ihm nicht gelungen, die arabischen Einwohner zum Glauben zu veranlassen, dass ein «vereinigtes Jerusalem» ein Segen für jeden wäre. Das gleicht den erfolglosen Bemühungen der zionistischen Bewegung, die Araber davon zu überzeugen, dass auch sie von der Gründung des Staates Israel profitieren würden. Die Kluft zwischen dem Niveau der Dienstleistungen in den beiden Teilen der Stadt wurde immer tiefer. Das geschah nicht bewusst in der Absicht, die Araber zum Verlassen zu bewegen, sondern eher, weil nicht viele einen Widerspruch sahen zwischen dem Eid, «Jerusalem auf immer vereint» zu belassen und der Diskriminierung der arabischen Einwohner. Kollek hatte zwar mehr Verständnis für die Wünsche der Araber, vernachlässigte aber trotzdem den Ostteil der Stadt. In den frühen Jahren seiner Amtsführung widersprach diese Politik seiner erklärten Absicht, die Araber von den Palästinensern in der Westbank abzuschneiden. Wie die Väter der zionistischen Bewegung glaubte Kollek anfänglich, der wirtschaftliche Fortschritt würde der arabischen Bevölkerung über ihre nationalen Sehnsüchte hinweghelfen. Im Verlaufe der Jahre aber sah er seine Fehler ein, und gegen Ende seines Lebens war auch Teddy Kollek klar, dass die Leitung der Stadt früher oder später wieder geteilt sein würde.


