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Tabu-Thema Nahostkonflikt?

von Peter Abelin, December 16, 2009
Wer sich öffentlich zu einer kritischen Haltung gegenüber der israelischen Politik im Umgang mit den Palästinensern bekennt, riskiert, innerhalb der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz ausgegrenzt zu werden. Kann über den Nahostkonflikt nicht offen debattiert werden?
EIN UMSTRITTENER APPELL Zahlreiche Schweizer Jüdinnen und Juden, die unterschrieben haben, bleiben nach aussen hin lieber anonym

Auf die Frage, weshalb nur knapp ein Drittel der rund 300 Schweizer Jüdinnen und Juden, welche seit vergangenem März den von ihm initiierten «Appell an die israelische Regierung» im Internet unterschrieben hatten, auch bereit waren, mit ihrem Namen das Inserat zu unterzeichnen, das am 4. Dezember in tachles erschien, antwortet Jochi Weil-Goldstein: «Anerkennungs- und Liebesverlust sind schmerzlich.» Jeder Achte hatte schon im Internet von der Möglichkeit der gegen aussen hin anonymen Unterschrift Gebrauch gemacht. In dem Appell wird «die Beendigung der israelischen Besatzung, Besiedlung und Blockade palästinensischer Gebiete» gefordert, verbunden mit «würdigen Lebensbedingungen» sowie «Sicherheit für alle Menschen in Israel und Palästina» (vgl. Kasten). Jochi Weil-Goldstein, aktives Mitglied der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), engagiert sich seit 30 Jahren für die Verständigung zwischen Juden und Palästinensern – so auch mit einer sogenannten medizinischen Brücke vor Ort. Er nennt dies «Nanomillimeterarbeit» angesichts einer Entwicklung, die ihm «hoffnungslos» erscheint. Innerhalb der ICZ seien kritische und selbstkritische Auseinandersetzungen mit dem Thema jedoch ein Tabu: «Das wird von den führenden Leuten verdrängt.» Wichtig ist dem regelmässigen Synagogengänger, dass sich der Appell auf den «Geist jüdischer Tradition» beruft. Doch gerade beim Gebet fühle er sich «zunehmend ausgegrenzt und verletzt», erhalte er doch von Rabbiner Marcel Ebel kaum noch eine Ehrenaufgabe im Rahmen des Gottesdienstes. Dem widerspricht Rabbiner Ebel allerdings: «Die Aufrufe werden durch den Schammes zusammen mit der Synagogenkommission gemäss dem Synagogenreglement verteilt», betont er gegenüber tachles.

Stört sich Jochi Weil-Goldstein am grossen Schweigen, so führt auch eine Diskussion nicht weiter. 252 Beiträge auf der Internetplattform www.hagalil.com drehten sich ebenso im Kreis wie Korrespondenzen mit Kritikern des Appells. Zu diesen gehört etwa Lilli Rubenov, die gleich nach der Lancierung die Initianten kontaktiert hatte. Sie habe sich weniger über den Inhalt der Forderungen geärgert («Auch mir gefällt vieles in Israel nicht»), erklärt die Vizepräsidentin der Jüdischen Gemeinde Bern auf Anfrage von tachles, als vielmehr über den Appell als solchen: «Ich finde es völlig daneben, wenn man der israelischen Regierung von der sicheren Schweiz aus sagt, was sie zu tun und zu lassen habe.» Dazu komme, dass gegen aussen der Eindruck entstehe, hinter der Aktion ständen «die Schweizer Juden», obschon es nur eine kleine Gruppe sei.

«Ausdruck von Ängsten»

Die Psychologin und Psychoanalytikerin Madeleine Dreyfus bestätigt: «Es ist tatsächlich sehr schwierig, eine differenzierte Diskussion zu führen», welche sich auch publizistisch mit Fragen der jüdischen Identität in der Schweiz befasse. Sie begründet dies mit der Emotionalität des Themas «Israel», die ein Ausdruck von Ängsten angesichts der fortwährenden Bedrohungslage sei. In der kleinen jüdischen Gemeinschaft glaube man stärker zu sein, wenn man in der Öffentlichkeit einig auftrete. Diese Haltung sei allerdings einem lebendigen Meinungsaustausch nicht förderlich, findet Dreyfus. Vor allem sollte man sich gegenseitig das Motiv der Liebe zu Israel nicht absprechen. «Da haben wir ein Problem – ganz klar», sagt auch Roman Rosenstein, auf das Stichwort der jüdischen Diskussionskultur angesprochen. Der Unternehmensberater, ehemaliger Präsident der Jüdischen Kommunikationsschule Schweiz und der Anti-Defamation-Kommission der Zürcher Augustin-Keller-Loge, sieht die Ursache in der nachlassenden Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität. Die daraus entstehende Unsicherheit führe zu einer Kommunikationskultur, «die von vielen Vorurteilen und angezogener Handbremse gekennzeichnet ist».

Schwieriger innereligiöser Dialog

Michel Bollag, Co-Leiter des Zürcher Lehrhauses, bringt einen weiteren Aspekt in die Diskussion: «Der Hauptkonflikt liegt heute nicht zwischen den Religionen, sondern zwischen verschiedenen Sichtweisen innerhalb der einzelnen Religionen». Auf der einen Seite führe die Angst vor Werteverlust zu konservativen bis fundamentalistischen Positionen, auf der anderen Seite versuche eine dynamische Interpretation der eigenen Tradition, diese an die Moderne anzupassen. Juden, Christen und Muslime stellten übereinstimmend fest, dass der interreligiöse Dialog einfacher sei als derjenige innerhalb der eigenen Gemeinschaft, sagt Bollag, der zu den Erstunterzeichnern des Appells an die israelische Regierung gehört. Auf die Frage, ob er auch in seiner früheren Funktion als Rabbinatsassistent und Rektor der Religionsschule der ICZ unterzeichnet hätte, antwortet Bollag spontan: «Ganz sicher nicht mit Namen, sondern anonym.» Niemand, der in einem offiziellen Amt arbeite, könne es sich leisten, öffentlich eine kritische Position zu Israel einzunehmen. Sonst werde er «sehr schnell als Verräter dargestellt», der die Delegitimierung des Staates Israel in der Öffentlichkeit fördere und damit dem Antisemitismus Vorschub leiste. Persönlich werde er in seinem modern-orthodoxen Umfeld des Minjan Wollishofen zwar mit Argwohn beobachtet, «aber ausgegrenzt fühle ich mich nicht».

Eine Gewissensberuhigung

Die Kontroverse um den Appell erinnere ihn an die offenen Briefe, die der 2004 verstorbene ICZ-Ehrenpräsident Sigi Feigel an israelische Politiker geschickt habe, sagt Rolf Bloch, ehemaliger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds. Er selbst halte nicht viel von solchen Aktionen: «Ich muss annehmen, dass sie von den Adressaten nicht gelesen, nicht beantwortet und nicht berücksichtigt werden und mehr der eigenen Gewissensberuhigung dienen.» Er zieht ein anderes Vorgehen vor: «Ich teile meine Bedenken lieber Schimon Peres persönlich mit – und das habe ich auch getan.»         


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