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Startschuss mit Störfeuer

Von Peter Abelin, June 8, 2011
Die SIG-Delegierten haben grünes Licht für ein breit angelegtes Zukunftsprojekt gegeben. Ein kurzfristig eingebrachter Zusatzantrag öffnete allerdings alte Wunden zwischen Orthodoxen und Liberalen.
GESCHÄFTSLEITUNG DES SIG Uneins über Position der VSJF-Präsidentin

 

Philippe A. Grumbach aus Genf wetterte in der Debatte über das Projekt «Der SIG – bereit und offen für die nächste Generation», dem Hauptgeschäft der Berner Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG): «Es ist eine Schande, dass die liberalen Juden zurückgewiesen wurden». Damit erinnerte er daran, dass im gleichen Hotel Bellevue-Palace die Aufnahme der liberalen Gemeinden vor acht Jahren am geforderten Zweidrittelsmehr scheiterte. Er ergänzte die sechs Anträge der vorbereitenden Gremien um einen siebten Punkt: Es sei eine Arbeitsgruppe zu schaffen, «um eine bessere politische Vertretung der Schweizer Juden oder jüdischen Gemeinden zu erreichen». Damit brachte er das sorgfältig austarierte Szenario ins Wanken. 

Zu Beginn hatte SIG-Präsident Herbert Winter noch darauf hingewiesen, dass alle Reformprojekte der letzten Jahrzehnte gescheitert seien und man es diesmal mit breiter Abstützung und ohne Statutenänderung versuche (vgl. tachles 19/11). Nosson Zwi Rothschild von der Israelitischen Religionsgesellschaft (IRG) Zürich sagte denn auch «heftige Diskussionen» voraus für den Fall, dass an den Strukturen des Verbands gerüttelt werden sollte. Gegen die Stimmen des Grossteils der orthodoxen Delegierten wurde der Zusatzantrag aus Genf in der Folge mit 43 zu 42, bei einer Enthaltung, angenommen, während die übrigen Anträge nur zwei Gegenstimmen auf sich vereinigten. Spannung herrschte dann vor der Schlussabstimmung, doch fand das Gesamtprojekt schliesslich eine deutliche Zustimmung. 

Denkprozess einleiten

Mit Hanko Bollag (IRG Zürich) liess sich auch ein Vertreter einer orthodoxen Gemeinde in die Arbeitsgruppe wählen, welche nun die Aufgabe hat, bis zur Delegiertenversammlung 2012 «greifbare Ergebnisse» vorzulegen. Nach den Worten von Initiantin Nadja Gut (Israelitische Cultusgemeinde Zürich, ICZ) geht es namentlich darum, «einen Denkprozess zur Zukunft des SIG» einzuleiten und Wege zu finden, um jüngere Menschen zur Mitwirkung in den Gremien des SIG zu motivieren. Auch sollen durch den Einbezug elektronischer Mittel wenig integrierte Jüdinnen und Juden angesprochen und mit den Angeboten der jüdischen Gemeinden vertraut gemacht werden. 

Die neue Arbeitsgruppe, deren erste Sitzung auf Anfang Juli anberaumt wurde, setzt sich aus neun Personen zusammen, welche die Geschäftsleitung (GL), das Centralcomité (CC), die Delegierten und die Jungen vertreten. Der Kommunikationsberater Iwan Rickenbacher, der bereits die Vorbereitungen begleitet hatte, steht ihr weiterhin unterstützend zur Seite. Ihr gehören an: Elio Barzilay (Genf, Junge), Yair Bass (Bern, Delegierte), Hanko Bollag (IRG Zürich, Delegierte), Daniel Frank (Biel, Delegierte), Nadja Gut (ICZ, CC), Brigitte Halpern (Bern, CC), Olivier Josefowitz (Basel, Junge), Daniel A. Rothschild (Basel, GL) und Sabine Simkhovitch-Dreyfus (Genf, GL).

Aussprache über den Wandel

Einen kleinen Vorgeschmack auf die Vielfalt der Zukunftsthematik bot das von gegen 50 Personen besuchte frühmorgendliche «Breakfast Meeting» zum Thema «Schweizer Judentum im Wandel». Wie Edith Bino, Präsidentin der gastgebenden Jüdischen Gemeinde Bern, als Moderatorin berichtete, sind vor allem die Einheitsgemeinden von den gesellschaftlichen Veränderungen betroffen; für die Orthodoxen gebe es keinen Wandel, während der Eintritt zu den Liberalen einem bewussten Entscheid entspringe. Bei den Einheitsgemeinden ständen die jüdischen Angebote dagegen in wachsender Konkurrenz zu anderen Konsummöglichkeiten, namentlich bei der jungen und mittleren Generation (vgl. Zur Lage, S. 12).

Weitere Fotos der Delegiertenversammlung des SIG und des Eröffnungsabends finden sich auf www.tachles.ch/gallery.

 

 





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