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Sex will gelernt sein

Von Rachel Manetsch, September 22, 2010
Im Gespräch mit tachles erzählt die Zürcher Sexualtherapeutin und Psychologin Dania Schiftan aus ihrem nicht alltäglichen Beruf, spricht über das Verhältnis von Sexualität und Religion und gibt preis, was sie von Ruth Westheimer hält.
PSYCHOLPOGIN DANIA SCHIFTAN Eine gestörte Sexualität kann unbehandelt zu Depressionen führen

Der Therapieraum von Dania Schiftan ist hell und freundlich, durch das offene Fenster dringt Vogelgezwitscher. Ein kleines Sofa, zwei Stühle und ein Beistelltisch sowie farbige Bilder versprühen Vertrauen und Wohlfühlatmosphäre. Vergeblich sucht man etwas Schmuddeliges, geschweige denn Pornografisches. Dania Schiftan ist Sexualtherapeutin. In ihrer Praxis empfängt sie Menschen, die Probleme mit ihrem Sexualleben haben. Das Alter der Patientinnen und Patienten reicht von 17 bis 75 Jahre, alle Berufe und soziale Schichten sind vertreten. Bereits während des Psychologiestudiums entdeckte Dania Schiftan ihr Interesse an der Sexualität als Beruf. «Doch das Lehrveranstaltungsangebot auf dem Gebiet war dürftig», erinnert sie sich. Die Studentin liess das Thema nicht locker, und so fragte sie ihren Professor, ob sie ihre Lizentiatsarbeit zum Thema Sex schreiben könne. Dieser willigte letztendlich ein und liess sich sogar auf eine Wette ein: Wenn Schiftan 500 Probanden für ihre Studienumfrage fände, würde er sie mit einer Flasche Champagner belohnen. Es waren schlussendlich 15 000.



Der absolute Traumberuf

Überhaupt löste ihre Abschlussarbeit zum «Sexualverhalten in der deutschsprachigen Schweiz» eine regelrechte Medienlawine aus. Sogar das Schweizer Fernsehen widmete der Studie einen Dokumentarfilm. Was die frisch gebackene Psychologin jedoch viel mehr beschäftigte, war die Tatsache, dass etwa zwei Drittel der Befragten angaben, sexuelle Probleme zu haben oder gehabt zu haben, sich davon aber lediglich zwei Prozent in Behandlung befanden. «Diesen Menschen wollte ich Hilfe anbieten», erinnert sie sich rückblickend. Ihr Wunsch, Sexualtherapeutin zu werden, wurde in ihrem Umfeld mit viel Wohlwollen aufgenommen. Zum Glück sei dies so gewesen. Sogar ihr Grossvater hätte ihre Arbeit Korrektur gelesen. Heute arbeitet Dania Schiftan im Zentrum für interdisziplinäre Sexologie und Medizin in Zürich.
Weder anrüchig noch zweideutig geht eine Therapiestunde vor sich, niemand zieht sich aus und auch sonst geschehen keine Dinge, die das gängige Verhältnis zwischen Therapeut und Patient aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Zudem komme, dass die meisten sexuellen Probleme oder Störungen nicht abnorm seien. «Es sind Verhaltensmuster, Fähigkeiten und Grenzen, die sich der Patient im Lauf der Jahre angewöhnt hat», erklärt die Sexualtherapeutin. Die Rituale der Menschen würden sich nicht nur auf Tagesabläufe, Kochen, Essen oder Freizeitaktivitäten beschränken, auch die persönliche Sexualität sei einem gewissen Muster unterworfen. In einer Therapie geht es darum, die Gewohnheiten des Patienten zu verstehen, sie schliesslich zu verändern und zu erweitern. Dies wird etwa anhand von Übungen gemacht, welche in der Therapie besprochen und zu Hause umgesetzt werden. «Entgegen der weitläufigen Meinung sind es die Männer, die schneller Beratung suchen», klärt Schiftan auf, «bei Frauen dauert es oft länger, bis sie sich Hilfe holen.»

Übung macht den Meister

Wer darauf vertraut, dass «Sex» einfach klappt, könne keine sexuellen Höhenflüge erwarten, so Dania Schiftan. Und sie vergleicht: «Das ist, als spielte man stets die gleiche Melodie auf einem Instrument. Ein Hochgenuss? Befriedigend? Wohl kaum.» Daran sei weder der Partner oder die Partnerin schuld, noch das steigende Alter. Das Problem liege beim Lernstopp, wie die Psychologin sagt. Was Sex mit Lernen zu tun hat? «So ziemlich alles», lautet die Antwort der Fachfrau. «Die Rede ist nicht von Körperverrenkungen à la Kamasutra, sondern von einfachen Berührungen und Bewegungen. Bis diese richtig gespürt und sexuell erregend erlebt werden, braucht es viel Übung.» Das gelte auch für den Sex zu zweit. «Für ein wohlklingendes Duett reicht es nicht, dass man sein Instrument allein beherrscht; jeder Tango will zu zweit geübt werden», resümiert die Expertin.
Die Motive, um eine Therapie bei Schiftan in Angriff zu nehmen, sind so vielfältig wie die Farben des Regenbogens. Es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die aus vermeintlich religiösen Gründen Mühe oder Vorbehalte hat, ihre Sexualität auszuleben und aus diesem inneren Konflikt heraus an Schiftans Tür klopfen. «Viele von ihnen plagt ein schlechtes Gewissen», erklärt sie. In der Therapie lernen diese Menschen ihre Schuldgefühle und Wünsche in Einklang zu bringen, denn «Religion und Sexualität sind durchaus vereinbar». Das Judentum, so Schiftan, habe für eine Religion einen aufgeschlossenen Zugang zur Sexualität. So sei etwa die Lust der Frau wichtig und ein Mann müsse auch darauf – und nicht nur auf seine eigene Befriedigung – Rücksicht nehmen (Talmud, Ketubot 61b). In der Praxis sieht das Ganze wohl etwas anders aus. «Viele Frauen und Männer
kennen ihren Körper kaum und kommen ohne jegliche Ahnung in die Ehe», weiss Schiftan. Sie seien dann plötzliche Ehepartner, die völlig überfordert und bestimmten Verpflichtungen ausgesetzt seien. Hier möchte Schiftan Abhilfe schaffen und eine Anlaufstelle sein: Damit sich Paare informieren und auf das Bevorstehende vorbereiten oder zumindest erahnen können, was auf sie zukommt. «Ich werte nicht und bringe niemandem Sexualpraktiken näher», beruhigt Dania Schiftan, «es geht lediglich darum, Wissen zu vermitteln und Ängste zu überwinden.»

In «Dr. Ruths» Fussstapfen

Die «schönste Nebensache der Welt», wie die Sexualität im Volksmund gerne genannt wird, ist für Dania Schiftan überhaupt keine Nebensache. «Probleme in der eigenen Sexualität können existentiell sein, sprich einen Rattenschwanz von Problemen nach sich ziehen. Zur Sexualität gehört das Selbstwertgefühl, die Kenntnis und Wertschätzung des eigenen Körpers, die Beziehung zu anderen Menschen», erklärt die Therapeutin. Ein gestörtes Verhältnis könne unbehandelt zu Kinderlosigkeit, Familienproblemen oder Depressionen führen.
Eine Person, die mit Sexualtherapie in einem Atemzug genannt werden muss, ist Ruth Westheimer, von Tausenden Hilferundenden und Sympathisanten liebevoll auch «Dr. Ruth» genannt. Sie ist die absolute Instanz auf dem Gebiet. Nicht nur in den USA versorgt sie seit Jahrzehnten Radiohörer und TV-Zuschauer mit unbefangenen Ratschlägen in Sachen Sex. Auch in Europa erfreut sich «Dr. Ruth» grosser Beliebtheit. Bücher wie «Doctor Ruth’s Guide to Good Sex» oder «Doctor Ruth’s Guide for Married Lovers» wagten nicht nur den Blick hinter Schlafzimmertüren. Dank dem Prädikat des «Doktors» holte die gebürtige Deutsche die Thematik der sexuellen Probleme aus der Schmuddelecke und machte sie salonfähig.
Mit Bewunderung verfolgt Dania Schiftan die Taten der grauen Eminenz der Sextherapie. «Es wäre schön, so viel bewegen zu können wie Dr. Ruth», schmunzelt Schiftan, «aber im Ernst: Ruth Westheimer hat das Thema Sexualität revolutioniert und viele Tabus gebrochen.» Ähnlich ihrem Vorbild betreute Schiftan im «Blick» eine Kolumne, heute ist sie bei «Radio 1» einmal pro Woche als Sexualratgeberin zu hören. «Es ist wichtig die Leute mit brauchbaren, realistischen Tipps zu versorgen und das Thema mit dem nötigen Fingerspitzengefühl zu behandeln, damit man drüber spricht und weiss, wo und wie man Hilfe bekommen kann.»  



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