logo

Risiko für eine neue Zukunft

Von George Szpiro, October 9, 2008
Die Altstadt von Jerusalem macht letztens einen sehr verlassenen Eindruck, denn Touristen sind seit Beginn der Intifada vor vier Monaten eher selten zu sehen. Nur ganz allmählich beginnt das Leben in der Heiligen Stadt wieder zu erwachen. Ibrahim Abu-Khalaf ist Stoffhändler in Jerusalem. Trotz dem schlecht gehenden Geschäft lässt er sich keinen Missmut anmerken.
Das beschädigte Stoffgeschäft von Ibrahim Abu-Halaf. - Foto GSZ

Ibrahim Abu-Khalaf lädt Besucher sofort zu Tee und Kaffee ein, für die Kinder gibt es Sahlaf, ein süsses Milchgetränk mit Zimt und Kokusgewürz. Der Laden liegt in der «Christian Quarter Street 98A» in einer der winkligen Gassen unweit der Via Dolorosa. Niemand würde vermuten, dass man unter dem Kitsch, den die meisten Läden hier feilbieten, auch wirklich edle Ware finden könnte. Aber auf dem Mezzanin des winzigen Ladens erwartet den Besucher eine Überraschung. Brokate und Seidenstoffe von auserlesener Schönheit und Qualität stapeln sich in allen Ecken. Jedes Jahr bereisen Ibrahim und sein Bruder Bilal alle Ecken der Welt, um die exquisiten Materialien aus Syrien, Jordanien, Marokko, der Türkei, Indien und China ins Heilige Land zu bringen. Die Preise bewegen sich auf einem entsprechend hohen Niveau. 600 Franken und mehr muss der Käufer für einen Meter der erlesenen Stoffe hinblättern. Nicht nur Touristen kaufen hier ein, auch die lokale Klientel, Araber und Juden, schaffen sich ihre guten Tücher für Hochzeitskleider, Polstermöbel und Vorhänge bei den Brüdern Abu Khalaf an.
Vor einem Jahr wurde es Ibrahim und Bilal zu eng in dem kleinen Verkaufsraum, und sie erwarben ein zweites Ladenlokal in der Aftimos Strasse Number 164, gerade zwischen der Grabeskirche und dem Kreuzfahrerhospital «Muristan». Der Raum war etwas grösser als der erste Laden, vor allem aber hatte er eine hohe Decke. Die Brüder planten den neuen Laden zweistöckig. Doch da etwa zwanzig Zentimeter an Höhe fehlten, beschlossen sie, den Fussboden etwas zu senken. Also fingen sie an zu graben. Ein Traktor fuhr den Bauschutt jeweils durch die engen Gassen zu einer Schutthalde ausserhalb der Altstadt. Eines Tages begegnete der Traktor einem Beamten der staatlichen Altertumsbehörde, der seine periodische Inspektionsrunde durch die Altstadt zog. Der wollte sofort wissen, wo der mit altem Geröll durchzogene Abfall herstammte, und der nichtsahnende Traktorfahrer wies ihn zu dem Lokal in der Aftimos Strasse. Der Beamte zog sofort Archäologen zu,und diese machten einen aufsehenerregenden Fund. Gerade unter dem neuen Laden von Ibrahim Abu Khalaf lagen Überreste von Teilen der Kreuzfahrerkirche Santa Maria Grande aus dem zwölften Jahrhundert. Seit etwa fünfzehn Jahren wussten Altertumsforscher aufgrund alter Karten von ihrer einstigen Existenz, doch der genaue Standort war unbekannt gewesen.
Nach dem ersten Stolz über den unerwarteten Fund - ausgerechnet unter dem neuen Laden - stellte sich bei den Brüdern Abu Khalaf Konsternation ein. Da in Israel alle Antiquitäten restauriert werden müssen, und weitere Bauarbeiten nicht ohne sachkundige Überwachung ausgeführt werden dürfen, erwies sich die Entdeckung als zweischneidiges Schwert. Mit der raschen Renovierung des Ladens war es somit vorbei. Was tun? Nach einigem Hin und Her handelten Ibrahim und Bilal mit der Behörde einen Kompromiss aus. Die Überreste der alten Kirche müssen fachgerecht ausgegraben und mit einem zwei Zentimeter dicken Glas überdacht werden. Dieses wird dann als Fussboden des Stoffladens dienen. Die unterirdischen Gewölbe sollen elektrisch beleuchtet werden, damit Besucher die Ruinen bestaunen... und nebenbei auch etwas Stoff erwerben können. Momentan sind die Überreste der alten Kirche noch notdürftig mit Brettern verdeckt. Die ganze Einrichtung wird die Brüder etwa 5000 Dollars kosten. Dafür gestattet ihnen die Behörde die Anbringung einer Tafel vor dem Geschäft, die auf den archäologischen Fund hinweist. Ausserdem werden die Brüder einen Eintrittspreis von einem Franken pro Person erheben dürfen. Auf Letzteres will Ibrahim allerdings verzichten. Nicht zu Unrecht vermutet er, dass der Touristenstrom, wenn er wieder einsetzt, dem Umsatz seines Ladens nicht zum Nachteil gereichen wird.


» zurück zur Auswahl


Mehr zu diesem Thema...

Ein knappes Ergebnis
September 19, 2008
Zentrales Ereignis der Kadima-Primärwahlen war das Versagen der Hochrechnungen, die unisono auf einen klaren Sieg Tzippi Livnis getippt hatten. Der Vorsprung der Aussenministerin betrug aber nur gerade 431 Stimmen, und sie muss erst noch mit gerichtlichen Schritten des Hauptkonkurrenten Shaul Mofaz rechnen. Ehud Olmert darf sich ins Fäustchen lachen. »Mehr