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Religiös, aber nicht gebunden

Von Andreas Schneitter, November 11, 2011
Der Kanton Basel-Stadt legt die neuesten Zahlen zur Religionszugehörigkeit vor. Zwei Prognosen lassen sich daraus herauslesen: Der Religionsfrieden gerät in naher Zukunft kaum in Gefahr. Und die institutionalisierten Religionsgemeinschaften verlieren zunehmend Mitglieder – es sei denn, sie setzen mit professionellem Marketing auf die Jugend.
ERGEBNISSE DIE ENTKRÄFTEN Die Zahlen widerlegen die Sorge vor einer steigenden Islamisierung

Für einmal tickt Basel nicht anders: die westlichen Gesellschaften sind pluralistisch und multireligiös, und die Nordwestschweiz macht da keine Ausnahme. Das Präsidialdepartement Basel-Stadt präsentierte vergangene Woche auf der Basis der aktuellsten statistischen Daten die Tendenzen der Religionszuge-hörigkeit im Stadtkanton. Manche dieser Tendenzen werden seit Jahren fortgeschrieben, zum Beispiel die Austrittsregelmässigkeit aus den grossen Kantonalkirchen: Die römisch-katholischen und die protestantischen Gemeinden verlieren stetig Mitglieder. Ihre gemeinsame Zahl ist – Stand Ende 2010 – in den vergangenen 30 Jahren um rund die Hälfte auf 75 000 Personen gesunken, zugunsten derjenigen, die sich als keiner Konfession und keiner Religionsgemeinschaft zugehörig bekennen. Die sind mittlerweile auf 44 Prozent der Bevölkerung gewachsen. Knapp die Hälfte der Einwohner von Basel-Stadt, könnte man folgern, ist nicht religiös.
Aber damit liegt man falsch, sagt Lilo Roost Vischer, Koordinatorin für Religionsfragen des Departements. «Die Hälfte der Ausgetretenen bezeichnet sich weiterhin als Christen» vermutet sie. Nicht gebunden an eine Institution, nicht erfasst in den Volkszählungen, aber dennoch – Personen mit einer christlichen Identität.



Raus aus den Moscheevereinen

Darin wird das Dilemma der statistischen Angaben zur religiösen Erfassung sichtbar. Wer bei den bekannten religiösen Institutionen nachfragt, bei den Kantonalkirchen, der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), den Ost- und Freikirchen, Moscheevereinen und buddhistischen Gemeinschaften, erhält Mitgliederzahlen. Aber keinen umfassenden Überblick über die Glaubensstärke der Basler Bevölkerung. In noch krasserem Verhältnis gilt das für die muslimische Gemeinschaft: Hier gibt es nur eine Schätzzahl, die Roost Vischer von verschiedener Seite bestätigt wurde: höchstens 15 Prozent der statistisch erfassten Muslime, also nicht einmal 3000 Menschen, gehören tatsächlich einer islamischen Vereinigung an. Und der Rest? Dazu gibt es weder statistisches Material noch Forschungsergebnisse, sagt Roost Vischer, vermutet aber: Der weitaus grösste Teile der Muslime praktiziert den Glauben nur an den grossen islamischen Festtagen.

Fromme Jugend?

Einen «Generalverdacht gegen Muslime» sollen die Ergebnisse entkräften. Auch wenn die blossen Zahlen nichts über den Grad – oder die
Radikalität – der individuellen Religiosität aussagen, lassen sich damit einige vermutete Trends widerlegen. Einer ist die politisch motivierte Warnung einer wachsenden Islamisierung: Die Zahl der Muslime ist im vergangenen Jahr bloss um 302 Personen gestiegen. Eine andere überraschende Zahl stammt aus der Altersstatistik und zeigt den Fakt auf, dass Religion nicht nur eine Sache der Alten ist, sondern gerade in der Altersgruppe der 20- bis 35-Jährigen einen starken quantitativen Ausschlag zeigt. Dazu gibt es Thesen: Roost Vischer meint, dass in einem Alter, in dem man Kinder zeugt und eine Familie gründet, die Zugehörigkeit zu einer institutionalisierten Religionsgemeinschaft an Bedeutung gewinne. Oder es verzeichneten diejenigen Religionsgemeinschaften Wachstumszahlen, die mit professioneller Organisation, gutem Marketing und einem offensiven Zugang die jüngere Generation ansprechen würden: Organisationen wie die charismatische Freikirche International Christian Fellowship, die Muslimische Gemeinde Basel oder der Islamische Zentralrat. Noch sind das kleine, eher randständige Gemeinschaften. Vorübergehende, zeitgebundene Phänomene, oder stabile spürbare Trends? Die Antworten stehen noch aus. «Dazu gibt es zu wenig Daten», sagt Roost Vischer.



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