logo

Privatisierung unaufhaltsam?

July 22, 2010

Die Mehrheit der Kibbuzmitglieder hält den Trend zur Privatisierung für unaufhaltbar und glaubt, dass in 20 Jahren die meisten Kibbuzim als Kommune, aber ohne Ideologie und mit nur wenig Solidarität existieren werden. Ganz sicher gilt dieser Trend bei jungen Familien. Seit 2005 ist die Mitgliederzahl wieder leicht von 115 200 auf 130 000 gestiegen. Vor allem für junge Familien ist der neue Kibbuz in seiner offeneren, liberaleren und zwangloseren Form wieder attraktiv. Denn immer noch bietet er einen einzigartigen Lebensstil. Seine Schulen und Kindergärten geniessen ein hohes Ansehen. Die Kibbuzim hoffen nun besonders auf die Neuankömmlinge. Wenn der Trend weitergeht, wird der Kibbuz überleben, allerdings ohne eine «ideologische Zwangsjacke». Eine kritische Analyse der gegenwärtigen Kibbuz-Situation lässt die Frage offen, ob es in der Kibbuzbewegung Kräfte gibt, vor allem in genossenschaftlichen Kibbuzim, die an einem strategischen Entwurf zum Aufbau von kommunitären, kibbuzförmigen Modellen interessiert wären. Wahrscheinlich muss ein radikal reformiertes und neu formuliertes Konzept zur Gesellschaftstransformation ins Auge gefasst werden, das an vormarxistische kommunitäre Sozialismuskonzepte anknüpft. Ansätze gab es seit den achtziger Jahren bei den so genannten Stadt-Kibbuzim (zum Beispiel Kibbuz Migvan in Sderot). Die Modelle wurden aber von der Kibbuzbewegung nicht genügend weiterentwickelt, so dass sie kaum einen Einfluss auf die Kibbuzbewegung haben. Eine Neuorientierung in Richtung Ökologie und Umweltschutz – der Kibbuz als umweltverträgliche Kommune, die sich zudem auch national für diese Ziele einsetzt – würde vielleicht einen Teil der traditionellen Kibbuzideologie ersetzen und so den Kibbuz wieder als Avantgarde rechtfertigen. [dw]





» zurück zur Auswahl


Mehr zu diesem Thema...

Das Ende einer Utopie?
July 22, 2010
Vor 100 Jahren gründeten zehn junge Menschen in Umm Dschuni südlich des Kinneretsees eine Kommune und nannten sie Degania. Diese Kommune in der unwirtlichen Gegend voller Malaria wurde zum Grundstein einer der wichtigsten ideologischen und politischen Kräfte, die 1948 zur Staatsgründung führten – der Kibbuz-Bewegung. »Mehr