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Pluralistisch gelebtes Judentum

June 4, 2009
Rabbinerin Elisa Klapheck über die Juden in der Stadt und den Fremdenhass gegenüber Muslimen.
ELISA KLAPHECK Argumente statt Polemik

aufbau: Die jüdische Gemeinde Amsterdam wirkt im europäischen Überblick als eine, die punkto Pluralismus und Moderne herausragt. Weshalb?
Elisa Klapheck: Dies stimmt insofern, als Amsterdam eine gewachsene Gemeinde mit gewachsenen Judentum ist. In den Niederlanden  gibt es mit den gebrochenen Biografien, die eben durch Assimilierung, Entfremdung, Mischehen etc. dazugehören, durchgängige Linien des Judentums, das seine Spuren in der Geschichte des  Landes kennt. 



Hat in Ihren Augen jenes pluralistische Moment mit der Geschichte zu tun, weil Wanderbewegungen nach Holland stattgefunden haben?
Ja, auch. Kurz nach den portugiesischen kamen die aschkenasischen Juden aus
Polen und Deutschland, später kamen die liberalen deutschen Juden hinzu. In all diesen Traditionen gibt hier unterdessen Grosseltern, Eltern und Kinder, sprich Generationenketten, trotz des Bruchs der Schoah.

Aber es gibt weitere Gründe?
Dazu kommt auch bei den Juden die charakteristisch weltoffene und tolerante Haltung der Niederländer.

Was sind die wesentlichen Eckpunkte, an denen sich dies messen lässt?
Wir haben beispielsweise lebendige, thematische Gottesdienste mit sich laufend ändernden Schwerpunkten. Wir haben einen neuen Sidur mit vielen Kommentaren herausgegeben, die von philosophisch bis mystisch reichen und so unterschiedlichen Zugang gewähren. Wir heissen nicht jüdische Partner nicht nur willkommen, sondern überlegen uns, wie wir sie aktiv integrieren können. Und in den Niederlanden gibt es auch gleichgeschlechtliche Ehen unter Juden.

Wie ist das Verhältnis zu den anderen Amsterdamer Gemeinden?
Unproblematisch und ohne Konflikte.

Stösst die niederländische Offenheit und Toleranz auch an Grenzen?
Ja, das Land durchlebt eine Identitätskrise, aus der auch die neue Rechte entstanden ist. Es gibt Fremdenfeindlichkeit und eine unglaubliche antiislamische Stimmung. Das Land selbst ist im Moment recht stark auf sich selbst fokussiert, und dies gilt auch für sein Judentum.

Wie entwickelt sich das jüdische Amsterdam demografisch? Bleiben die jungen Juden dort, oder wandern sie ab?
Es gibt zwar eine sinkende Geburtenrate, durch die die Kopfzahl abnimmt, aber generell fühlen sich auch die jungen Juden hier zuhause. Es gibt eine starke Identifikation der Juden mit Israel, aber keine Abwanderung dorthin im grossen Stil. Das ist hier kein Thema. Im Gegenteil: Es kommen viele Israeli nach Amsterdam, denn die Niederlande sind für sie immer noch ein bevorzugtes Auswanderungsland. Man ist stolz in Amsterdam, dass man gerade für Juden ein so gutes Einwanderungsziel ist.

Jüdische Einrichtungen wie das Anne-Frank-Museum und die portugiesische Synagoge sind Touristenattraktionen. Wie nehmen Amsterdamer dies wahr?
Sowohl jüdische wie nicht jüdische Amsterdamer sind stolz auf die jüdische Geschichte der Stadt, und derzeit regiert der meines Wissens fünfte jüdische Bürgermeister in Folge. Der Fussballverein Ajax Amsterdam gilt wegen seiner vielen jüdischen Mäzene als jüdisch, und es gibt auch sonst viele nicht religiöse Elemente, die eindeutig eine jüdische Handschrift tragen. Andererseits weckt das Anne-Frank-Museum mit seinen Rekordbesucherzahlen auch ambivalente Gefühle, denn Anne Frank wurde ja von Niederländern verraten. Dies wie auch das Kapitel der vielen niederländischen Kollaborateure und SS-Freiwilligen harrt noch der Aufarbeitung.

Gerade in Amsterdam, wo der Pluralismus gut fühlbar ist und schon fast Modellcharakter hätte, hat sich die Atmosphäre gegen Muslime ziemlich aufgeheizt. Können Sie sich das erklären?
Die antiislamische Stimmung ist ungleich stärker als in Deutschland, und das Problem liegt in der Identitätskrise des Landes. Man braucht den Islam, um ihn negativ abzugrenzen und dabei herauszufinden, wer man denn als Niederländer selber noch ist. Ich bin wohlgemerkt nicht gegen eine kritische Auseinandersetzung mit dem Islam, aber es gibt eine falsche Islamkritik, die nur verdeckt, dass man seine eigene Identität nicht definieren kann. 

Ist die rege antiislamische Diskussion auch unter Juden in den Niederlanden eine politische Debatte unter ideologischen Ansätzen, oder geht sie tiefer?
Diese spezielle Art von primitivem niederländischen Antiislamismus, wie sie etwa von der neuen Partei Geert Wilders repräsentiert wird, geht nicht tief geht und ist etwas Oberflächliches. Sie beschränkt sich meist auf dumme Sprüche und hat keine wirklichen Argumente. Unter Juden gibt es von solchen, die mitmachen, bis zu jenen, die dies hart kritisieren, alles. Die Probleme mit dem radikalen Islam sind unbestritten, aber es gibt sie in allen westlichen Ländern.

Und wie soll es weitergehen?
Ich glaube nicht, dass es so schlimm ist, wie es wirkt. Im Moment wird alles sehr polemisch und zugespitzt ausgetragen, aber es könnte auch sein, dass dies ein Zeichen dafür ist, dass hier enorme Entwicklungen stattgefunden haben, die andernorts noch anstehen.

Die jüdische Minderheit hat sich gut integriert und pflegt trotzdem ihre eigene Identität sehr stark. Würden Sie erwarten, dass dies auch für Muslime funktioniert?
Während hier noch eine Scheindebatte darüber geführt wird, dass die Marokkaner alle hinterwäldlerisch seien und sich nicht integrieren, gibt es schon längst in allen Parteien etablierte Politiker aus diesen Ländern, die sich bestens integriert haben und einen modernen, progressiven, demokratischen Islam entwickeln. In den Niederlanden heisst das Konsens-Modell «Polder-Modell», und in Amsterdam gibt es eine Polder-Moschee. Dort gehen alle demokratischen, aufgeklärten Muslime hin. Es gibt hochinteressante Vorlesungen, und sie laden auch Juden ein, Vorträge zu halten. Der Islam, auf den wir alle warten, wird dort entwickelt und ist zum Teil schon vorhanden.

Könnte in 20, 30 Jahren in Amsterdam die demografische Mehrheit muslimisch sein, es sich dabei aber um ganz «normale» Amsterdamer handeln?
Vielleicht, ich weiss es nicht. Ich frage mich, ob diese scharfe momentane Debatte entstanden ist, weil ein wichtiger Teil der Muslime nicht mehr erkennbar muslimisch ist. Genau wie damals die Juden: Menschen, die sich assimilieren, aber ihre kulturelle Identität nicht verleugnen und einen niederländischen liberalen Islam entwickeln. Vor der Frage im Rahmen der erwähnten Identitätskrise, wer man denn als Niederländer eigentlich ist, erobern die Muslime mehr und mehr das Establishment.

Also ein funktionierendes Integrationsmodell, vielleicht die umgesetzte Utopie vieler. Wird es in Zukunft funktionieren?
Das weiss ich genauso wenig wie andere. Ich beobachte einfach zwei Trends, nämlich einerseits den radikalen Islam und anderseits den aufgeklärten, modernen europäischen Islam, der sich herausbildet.

Steckt hinter der dezidierten Argumentation eines Leon de Winter reine Polemik oder muss man sie ernst nehmen?
Letzteres trifft sicher zu. Man muss die Entwicklung unter den Muslimen Europas genau betrachten; die Parallelgesellschaft gibt es, und de Winter redet von einer substanziellen Minderheit. Aber er rechnet sie so aufs Ganze hoch, dass er dem Ganzen keine Chance gibt. Das kann  nicht der richtige Weg sein. Ängste muss man ernst nehmen, und ich betrachte seine Argumente nicht nur als Polemik.    

● Interview Yves Kugelmann



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