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Pioniere für den Dialog

Von William Stern, October 12, 2011
40 Jahre Judaistik, 30 Jahre Institut für Jüdisch-Christliche Forschung – die Universität Luzern feiert diesen Herbst gleich zwei Jubiläen. Mit einem Symposium wird dieser Anlass Ende Oktober gebührend begangen. Ein Augenschein am Institut im Vorfeld der Feierlichkeiten.
LERNEN MIT PERSPEKTIVE Die Bibliothek der neuen Universität Luzern

Wenig deutet darauf hin, dass in diesem Gebäude Judaistik unterrichtet wird. Bei einem Lehrgang, der seit mehr als zwei Jahrhunderten fester Bestandteil des Hochschulkanons ist, würde man ein altehrwürdiges Bauwerk erwarten, einen neugotisch angehauchten Torbogen, einen klassizistischen Prachtbau, wenigstens etwas Historismus. Stattdessen dies: ein riesiger Neubau, an zentraler Lage, keine fünf Minuten vom Bahnhof Luzern entfernt.
Zur Vorgeschichte: Die Universität Luzern hat vor einigen Jahren beschlossen, die föderalistische Struktur ihrer Fakultäten aufzugeben und in einem Hauptgebäude alle Lehrgänge unter einem Dach zu vereinen. 2006 stimmte die Luzerner Stimmbevölkerung dem geplanten Baukredit zu, Anfang September 2011 waren die Umbauarbeiten am alten Postgebäude abgeschlossen und die Universität konnte gemeinsam mit der Pädagogischen Hochschule in den renovierten Bau einziehen. Dies erklärt auch, weshalb Simon Erlanger, Lehr- und Forschungsbeauftragter am Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF), und dessen Leiterin Verena Lenzen mitunter einige Orientierungsschwierigkeiten haben. Keine drei Tage seit dem Umzug sind bei unserem Besuch verstrichen, die Wände frisch gestrichen, Beschilderungen neu angebracht, Studierende laufen gleichermassen verloren durch das Gebäude wie Professoren oder Reinigungspersonal.



Hohes Ansehen

Es brauche Eingewöhnungszeit, das sei klar, so Verena Lenzen. Das IJCF ist eingebettet in die theologische Fakultät, wie ja auch alle anderen Seminare und Institute ursprünglich aus dem theologischen Bereich hervorgegangen waren. IDie Universität wurde erst im 16. Jahrhundert als höhere Lehranstalt in konfessionellen Belangen gegründet und konnte ihren Studierenden im Gegensatz zu den Universitäten Basel, Bern und Zürich, die einen ähnlichen historischen Hintergrund besitzen, erst im 20. Jahrhundert akademische Gradrechte verleihen. Das Universitätsrecht wurde Luzern sogar erst im Jahre 2000 zugesprochen, was sie zur jüngsten Universität der Schweiz macht. Beide, Simon Erlanger wie auch Verena Lenzen, bemühen sich aber zu betonen, dass das Alter der Universität in keinem Verhältnis zum Ansehen stehe, dass das IJCF im internationalen Hochschulbereich geniesse. Dieser Eindruck wird bestätigt. Nicht nur, dass in der Schweiz keine Einrichtung von ähnlicher Grösse und Geltung existiert (vgl. Kasten), auch ein Blick auf den Flyer zum bevorstehenden Symposium offenbart: Hier machen Professoren und Wissenschaftler mit beeindruckendem Reputation und umfassendem Forschungscurriculum die Aufwartung.

Dialog und Streitkultur

Das Institut hat allen Grund zu feiern: Es wird 30 Jahre alt, der Studiengang Judaistik blickt auf 40 Jahre Bestehen zurück. Der jüdisch-christliche Dialog, ein Herzstück des Studiengangs der Judaistik, ist ein besonderes Anliegen. Eigentlich nicht weiter erstaunlich, an einer Universität mit theologischen Unterbau, denn es muss, wenn man die Judaistik nicht nur als Grundlage für christliche Forschungen, sondern als eigenständige und lebendige Disziplin wahrnimmt, ein reger Austausch zwischen den beiden Religionen gepflegt werden. Verena Lenzen gibt aber zu bedenken, dass der Dialog nicht harmoniedurchtränkt sein sollte.
Die Jahre unmittelbar nach der Schoah waren zwar beseelt vom Gedanken, Differenzen zu überwinden,, aber mittlerweile sei es kein Tabubruch mehr, in der Forschung auch die Unterschiede zwischen den Religionen aktiv zu thematisieren. Nicht nur das, es sei sogar notwendig, in einen argumentativen Diskurs zu treten, und entstehende Dissonanzen mitunter auch mal stehen zu lassen. Streitkultur ist ein Begriff, der oft verwendet wird. Was erhofft man sich konkret vom Symposium? «Im Mittelpunkt steht die Begegnung zwischen dem Judentum und dem Christentum, aber auch die Wissenschaft darf dabei nicht zu kurz kommen», so Lenzen. Ohne Wissen kein Dialog: «Ich hoffe hier auf eine offene und kritische Debatte». Verkörpert wird diese Debatte am Symposium in den Personen von Kardinal Kurt Koch einerseits und von Rabbiner David Rosen anderseits.

Tradition und Innovation

Es wird deutlich, wie sehr sich Verena Lenzen und Simon Erlanger ihrem Fach verschrieben haben. Neben dem jüdisch-christlichen Dialog sind es jüdische Geschichte, Ethik, jüdische Philosophie der Moderne und deutsch-jüdische Literatur, welche die Schwerpunkte des Studiengangs bilden. Klassische Gebiete. Uns interessiert, wie man das Studium der Judaistik in einen modernen Kontext setzt, welche Lehransätze als Tribut an die Gegenwart zu verstehen sind? Simon Erlanger erwähnt die Israel-Reise, die er zusammen mit Simone Rosenkranz alljährlich veranstaltet. Die optimale Umgebung, die optimale Gelegenheit, «um in einem Seminar Gelerntem an der Basis zu begegnen». Einige weitere Akzente, die das IJCF in letzter Zeit verstärkt setzt, sind kulturwissenschaftliche Themen, das Studium der modernen hebräischen Sprache und die jährliche Präsentation der israelischen Neuerscheinungen durch die Übersetzerin Anne Birkenhauer.
Betont wird immer wieder der Dualismus, sei es grundlegend im Zusammenhang von Judentum und Christentum, sei es in der Feststellung, dass Religion und Kultur untrennbar miteinander verwoben sind, sei es im Zusammenspiel zwischen Tradition und Innovation, auf das speziell im IJCF grossen Wert gelegt wird. Auf die Frage nach der Handhabung des Dialogs zwischen den drei grossen monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam wird denn auch ausweichend geantwortet: «Wir behandeln das Thema Islam im Rahmen der jüdischen Geschichte und in anderer Form, man muss sich aber bewusst sein, dass dieser Dialog ein völlig anderes Profil hat als der jüdisch-christliche Dialog, der sowohl religiös als auch geschichtlich einzigartig ist», so Verena Lenzen.

Positive Ausblicke

Ein Rundgang durch das Institut und die Besichtigung der Bibliothek sind beeindruckend: Die Flure der Universität sind grosszügig gestaltet, dank der hellen Wandbeschichtung entsteht eine warme, lichtdurchflutete Atmosphäre. Die Vorlesungsräume im zweiten Stock, wo das IJCF beherbergt ist, sind eher klein, bieten aber eine majestätische Aussicht: durch die breiten Fenster geht der Blick mitten auf den Hafen, eben legt eines der Linienschiffe an, links davon erhebt sich das Kultur- und Kongresszentrum, im Hintergrund ist die Stadtfront sichtbar, durchzogen mit seinen pompösen Hotelanlagen, die Luzern bereits im 19. Jahrhundert den Ruf einer Weltstadt im Kleinen eingebracht haben, und schliesslich am rechten äusseren Rand, die Berge, über dem Vierwaldstättersee thronend. Eine Kulisse, bei der man unwillkürlich den Fotoapparat ziehen möchte, um die Szenerie festzuhalten.
Die Bibliothek des IJCF ist eingebettet in die Hauptbibliothek, Universitätsangestellte sind gerade daran, die Bestände weiter aufzufüllen, der Umzug ist noch nicht in allen Bereichen endgültig vonstatten gegangen. Hunderte von Werken einflussreicher jüdischer Wissenschaftler stehen in Reih und Glied, als Laie fühlt man sich instinktiv von den bekannten Autoren angezogen: Gershom Scholem, Martin Buber, Walter Benjamin. Neben diesen Koryphäen der jüdischen Philosophie und Mystik finden sich unzählige weitere Abhandlungen, Festschriften, und Sammelbänder die sich allesamt mit der Thematik der Judaistik befassen. Ein reicher Fundus.
Die Szenerie verlagert sich in die Cafeteria, gleich neben dem Eingangsbereich. Man kommt auf den Umzug zu sprechen. Von Wehmut oder Nostalgie ist nicht viel zu spüren, einige Anekdoten werden zum Besten gegeben. Man realisiert: Dieses Institut, dieser Forschungs- und Lehrzweig blickt – trotz seines grundsätzlichen Vergangenheitsbezugs – zuversichtlich und erwartungsvoll in die Zukunft.    


Verena Lenzen und Simon Erlanger vom Institut für Christlich-Jüdische Forschung der Universität Luzern gehen im Gespräch mit radio tachles auf die Errungenschaften und Veränderungen des Instituts ein und erörtern die Bedeutung christlich-jüdischer Forschung. Das Gespräch ist online auf www.tachles.ch/radio und als Podcast über www.tachles.ch/podcast zugänglich.



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