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Mit einem Fuss in Deutschland

Von Wilfred C. Hulse, December 8, 2008
Am 12. Januar 1945 erinnert sich der Militärarzt Wilfred C. Hulse im aufbau an seine erste Wiederbegegnung mit Deutschland.
D-DAY IN DER NORMANDIE Erste Begegnungen mit dem besetzten Europa

Wer von uns, die Nazi-Deutschland verlassen haben, hat nicht schon einmal davon geträumt, wie es sein würde, wenn er einmal zurückkommen würde? Voll Bitterkeit und Rache waren solche Gedanken; ausserdem hatte man sich in das neue Leben so völlig eingeordnet, dass für Sentiments kaum Raum blieb. Deutschland war ein fremdes Land geworden, und die Nachrichten über Lublin und andere «Todesfabriken» rissen einen Abgrund auf, den die Wasser des Atlantischen Ozeans nicht ausfüllen konnten.
Als wir vor einem Jahr nach Europa kamen, lag Nazi-Deutschland wieder dicht vor uns. Da waren die Flugzeuge, die fliegenden Bomben, die Radiopropaganda – es war ein böses Erwachen. Und seit Juni 1944 leben auch Nazis mit uns zusammen: als Gefangene, die als Gruppe ihren typischen Zug nicht verloren haben, das Hackenzusammenschlagen, das Strammstehen, den verlogenen Gehorsam – eine Einstellung, die dem amerikanischen Soldaten so ganz fremd ist.
«Captain», fragte mich ein wenig zögernd die junge Krankenpflegerin mit Leutnantsrang, «würden Sie uns morgen Abend zu einem Tanzvergnügen auf das nächste Flugfeld begleiten?» – «Natürlich, ich freue mich, wenn Ihr mal Abwechslung habt.» Die Tagesroutine und die langen Arbeitsstunden eines Hospitals an der Front sind schwer für diese jungen Mädchen. Mit zwei jungen Fliegern klettere ich in den Wagen. «Das Flugfeld liegt nämlich jenseits der deutschen Grenze!» Der Tag war da.
Es ist gar nichts Pathetisches in dieser Rückkehr nach Deutschland. Die Landschaft sieht nicht anders aus als in Belgien, und es sind nicht viele Zivilisten übrig geblieben. Wenn nicht der schwere Kachelofen da wäre, so würde sich dieser Offiziersklub von anderen in nichts unterscheiden. Was hätte ich wohl gedacht, wenn mir im Sommer 1933 im Zug Berlin–Paris jemand zugeflüstert hätte, dass ich an eben dieser Stelle über zehn Jahre später wieder nach Deutschland kommen würde, mit einer Gruppe junger Mädchen vom Mississippi und aus Atlanta und mit jungen Fliegern und Artilleristen aus Boston und New York um mich.
Ein paar Stunden lang vergassen wir den Krieg; tanzten, neckten einander, und unsere Alliierten versorgten uns mit ihrem Besten: die Engländer mit Old Scotch, die Franzosen mit ein paar Flaschen Mumm Sec, gerade aus Reims hereingebracht, und die Belgier mit ihrem Bier; wir machen einen starken Kaffee, wie ihn Europa seit Jahren nicht mehr gekostet hat. Ein paar Stunden guten sauberen Spasses auf deutschem Boden, dann gehen die Kampfpiloten zurück zu ihren Flugzeugen, die Artilleristen zu ihren Kanonen, und die Pflegerinnen und ich zu den Verwundeten und Verstümmelten, jeder an seinen Platz, um den Krieg gegen die Nazis zu gewinnen.
All dies hat mir aber niemand im Express Berlin–Paris 1933 ins Ohr geflüstert. Das Leben ist seltsam.

Wilfred C. Hulse nahm am Zweiten Weltkrieg als Militärarzt im Rang eines Hauptmanns teil. Kurz nach dem D-Day landete er mit den amerikanischen Truppen in Frankreich und machte den Einmarsch durch Belgien nach Deutschland mit. Sein Bericht an den aufbau schildert die ersten Augenblicke seiner Wiederbegegnung mit Deutschland unter unerwarteten Umständen. Hulse war 1900 in Narnslau, Schlesien, geboren worden, studierte in Würzburg und Breslau Medizin, liess sich 1924 in Berlin nieder, ging 1933 nach Tunis und kam 1934 nach New York. Noch im gleichen Jahr trat er dem Germany Jewish Club bei und kümmerte sich in erster Linie um den aufbau. Er war Autor der viel gelesenen Kolumne «An den Rand geschrieben». Im Frühjahr 1943 – kurz vor seinem Heeresdienst – wurde er Präsident des New World Club. Nach dem Krieg nahm er seine Tätigkeit als Psychiater wieder auf (er war darauf spezialisiert, aus Zeichnungen die Probleme emotional belasteter Menschen zu erkennen). Bis zu seinem Tod 1961 war er Präsident der Organisation Blue Card. Ein Teil seiner privaten Bildersammlung, die von Rembrandt bis zur zeitgenössischen Kunst reichte, gehört heute zum Bestand des Israel-Museums in Jerusalem.  





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