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Jüdisches Engagement fürs Gemeinwohl

Klaus Weber, November 12, 2009
Ein Londoner Forschungsprojekt am Beispiel der Familie Rothschild.
Evelina Childrens’ Hospital in London 1869 von Ferdinand de Rothschild als überkonfessionelles Spital gegründet


Philanthrop», «Mildtätigkeit», «Wohltäter» – für die Generationen, die unter den Bedingungen des immer weiter ausgebauten modernen Wohlfahrtsstaates aufgewachsen sind, klingen Worte aus dem Gebiet der freiwilligen Wohlfahrtspflege meist etwas angestaubt, und sie klingen vielleicht auch nach Paternalismus und ex-tremen sozialen Gegensätzen. Das gilt für Länder wie Deutschland, Österreich oder Frankreich wohl noch mehr als für die Schweiz oder Grossbritannien, wo traditionell stärker auf Eigeninitiative gesetzt wird. Besonders im angelsächsischen Raum ist karitatives Engagement für sehr viele Begüterte eine Selbstverständlichkeit.

Freiwillige Wohlfahrtspflege

Dass staatliche Mittel und gesetzlich geregelte Vorsorgeleistungen aller Bürger zum Fundament sozialer Absicherung werden würden, war allerdings im 19. Jahrhundert noch keine ausgemachte Sache. Die Industrialisierung und das Wachstum der Städte hatten Probleme geschaffen, wie wir sie heute aus Schwellenländern wie Indien oder China kennen, und wo der Staat bislang kaum Abhilfe schafft oder regulierend eingreift. Für die Vertreter des damals rapide wachsenden Grossbürgertums war weithin sichtbares gemeinnütziges Engagement selbstverständlich – etwa für die Errichtung eines Krankenhauses oder Altersheimes, die Gründung einer Schule, einer Universität oder eines Museums. Damit kopierten sie das Verhalten des Adels und der gekrönten Häupter, die traditionell als Wohltäter aufgetreten waren. Nur wer grosszügig von seinem Reichtum gab, durfte auf eine Anerkennung sowohl von Seiten der etablierten Elite als auch der ärmeren Schichten hoffen. In gewisser Weise «adelte» die freiwillige Wohltätigkeit den neureichen Bürger. Sie hatte daneben zweifellos auch politische Funktionen: Besonders an der Wende zum 20. Jahrhundert, als der Staat und die grossen Kommunen immer mehr soziale Aufgaben übernahmen und deshalb auch die Besteuerung von hohen Einkommen und Unternehmensgewinnen erstmals rapide anstieg, suchten die reicheren Bürger zu beweisen, dass eine liberale Wirtschafts- und Sozialordnung die akuten Probleme besser lösen könne als eine staatliche Verteilungsmaschinerie. Zugleich wollte man mit dem gemeinnützigen Engagement dem wachsenden Einfluss des Sozialismus entgegentreten.

Die Juden als herausragende Stifter

Innerhalb dieser bürgerlichen Oberschicht tat sich eine Gruppe besonders hervor: die jüdischen Unternehmer, und unter ihnen vor allem die erfolgreichen Finanziers. Es ist oft behauptet worden, dass der Grund für diese überproportionale Präsenz von Juden im Stiftungswesen in den Werten und Geboten ihrer Religion zu finden sei. Das jüdische Gebot der «Zedaka» ist in der Tat noch fordernder als die christlichen Gebote der Nächstenliebe und Mildtätigkeit. Der nicht einfach zu übersetzende hebräische Begriff bedeutet nicht nur Mildtätigkeit, sondern auch soziale Gerechtigkeit. Vor diesem Hintergrund ist es nicht ganz überraschend, dass in der Bankenmetropole Frankfurt bis 1914 etwa zwei Drittel aller gemeinnützigen Stiftungen auf jüdische Bürger zurückgingen – obwohl deren Anteil an der Stadtbevölkerung nie über acht Prozent lag. Es gibt allerdings noch weitere Erklärungen für dieses überproportionale Engagement: Einerseits waren kirchliche und bis zur Emanzipation auch viele kommunale Einrichtungen den Juden versperrt. Deshalb verfügten sogar die kleinsten jüdischen Gemeinden über eigene, oft sehr effiziente Institutionen, wie zum Beispiel Krankenhäuser oder Hospize. Andererseits waren die Juden im Europa des 19. Jahrhunderts besonders erfolgreich. In den grossen mittel- und westeuropäischen Ländern erlangten sie ja gerade erst die lange ersehnte rechtliche Gleichstellung. Der freie Zugang zu Schulen und Universitäten sowie die Befreiung von beruflichen Einschränkungen ermöglichten ihnen einen beispiellosen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg. Wenn es stimmt, dass besonders die Aufsteiger sich durch Wohltätigkeit ein Eintrittsbillet zu den besseren Kreisen verschaffen wollten, dann waren Juden schon allein deshalb besonders freigiebig, weil sie in dieser Gruppe stark überrepräsentiert waren. So konnte die bislang stark ausgegrenzte Minderheit auch ihre nationale Loyalität und die Solidarität mit der Gesamtgesellschaft sichtbar demonstrieren. Hinzu kam vielfach die Hoffnung, damit antisemitische Tendenzen zu dämpfen. Die Einrichtungen vieler jüdischer Stifter richteten sich deshalb explizit nicht nur an eine jüdische Klientel, sondern an alle Bedürftigen, ohne Ansehen von Religion oder Weltanschauung. Zugleich erweiterte und modernisierte man die älteren Einrichtungen für die Mitglieder der eigenen Glaubensgemeinschaft, nicht zuletzt, um deren Zusammenhalt zu stärken.

Die Ursachen für das auffällige jüdische Engagement sind also in einem komplexen Gemenge aus religiösen Gründen und der besonderen sozialen und politischen Situation der Juden zu finden. Die individuelle Motivation einzelner Stifter ist ohnehin kaum zu entschlüsseln – häufig nicht einmal für den Handelnden selbst.

Die Rothschilds

Die Rothschild-Familie, die ursprünglich aus Frankfurt stammte, sich aber in den ersten Dekaden des 19. Jahrhunderts auch in London, Paris, Wien und Neapel etablierte, bietet ein besonders gutes Beispiel, jüdische Philanthropie vergleichend zu untersuchen. Dass eine Bankiersfamilie in verschiedenen Ländern aktiv wurde, war damals kein Einzelfall, aber keine andere Familie war an so vielen Plätzen präsent, und keiner anderen Familie gelang es, über mehr als zwei Jahrhunderte so erfolgreich zu bleiben.

Wie ihre christlichen und jüdischen Standesgenossen steigerten auch die Rothschilds im Verlauf des Jahrhunderts sowohl ihre finanziellen Aufwendungen für die Wohlfahrtspflege als auch das persönliche Engagement. Sie taten das als ehrenamtliche Vorsitzende oder Beiräte von Einrichtungen, oder auch durch die Arbeit in den Häusern selbst – wie etwa Henri de Rothschild (1872–1947) im von ihm gegründeten Armenhospital oder seine Grosstanten Louise und Charlotte als Lehrerinnen in der Londoner Jews’ Free School. In den Städten, in denen sie Banken etabliert hatten, schufen sie auch Krankenhäuser und Ambulanzen, Schulen und Stipendienstiftungen für Arbeiterkinder, Bibliotheken, Altersheime, Waisenhäuser, Gesellschaften für sozialen Wohnungsbau, medizinische und naturwissenschaftliche Forschungsinstitute, Ferienheime und Lungensanatorien, um nur die wichtigsten Kategorien zu nennen. Damit die zum Teil sehr spektakulären Investitionen auch wirklich an Brennpunkten getätigt und nach modernsten Standards umgesetzt werden konnten, liessen sie sich von ausgesuchten Experten beraten. Allein in Frankfurt gab es bis 1914 über dreissig Rothschild’sche Institutionen. Neben diesen eigenen Gründungen unterstützten sie auch viele bestehende Einrichtungen, in manchen Fällen in sehr substanzieller Weise. Als Beispiele sollen hier die grösseren Krankenhäuser und Sozialbauprojekte vorgestellt werden, von denen die meisten noch heute existieren.
Gesetzliche Krankenversicherungen und staatliche Wohnungsbauprogramme gab es damals noch nicht. Manche Projekte wurden deshalb sogar zu Vorbildern späterer kommunaler und staatlicher Initiativen.

Krankenhäuser und Sozialwohnungen

Schon in den 1820er Jahren unterstützten die fünf Rothschild-Brüder die Errichtung des neuen Hospitals der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. In Paris eröffneten der jüngste Bruder James de Rothschild (1792–1868) und seine Frau Betty 1852 dann das erste in eigener Regie geschaffene Krankenhaus: die Fondation de Rothschild (Hôpital-Hospice-Orphelinat), die ihre Türen bald auch nicht jüdischen Patienten öffnete. 1869 folgte in London Ferdinand de Rothschilds überkonfessionelles Evelina Childrens’ Hospital und 1875 in Frankfurt das von Louise von Rothschild (1820–1894) geschaffene, ebenfalls überkonfessionelle Clementine-Mädchenhospital. Währendessen gründeten ihr Schwager Wilhelm Carl und dessen Frau Hannah Mathilde von Rothschild dort ein nach streng jüdisch-orthodoxen Regeln geführtes Krankenhaus, und in Wien spendete Ferdinands Vater Anselm 1869 runde 400 000 Gulden für den Neubau des Hospitals der Israelitischen Kultusgemeinde, das fortan den Namen Rothschild-Spital tragen sollte. Anselms Schwager Adolphe Carl de Rothschild (1823–1900) liess 1874 in Genf eine Augenklinik errichten und hinterliess knapp zehn Millionen Francs zum Bau und für den Unterhalt einer noch grösseren Augenklinik in Paris. Seine energische Witwe Caroline Julie – eine Schwester Ferdinands – setzte diese Pläne um, so dass das Haus schon 1905 den Betrieb aufnehmen konnte. Eine ausgezeichnete medizinische Forschung gehörte dazu. So wurde zum Beispiel die heute routinemässige Laserbehandlung von Netzhautablösungen vor über 30 Jahren dort zur Anwendungsreife gebracht.

Die meisten Rothschild-Hospitäler wurden nicht nur aus eigenen Mitteln errichtet und ausgerüstet, sondern auch mit einem so grosszügig bemessenen Stiftungskapital ausgestattet, dass die laufenden Kosten aus der Kapitalrendite gedeckt werden konnten. So flossen zum Beispiel im Fall der Pariser Augenklinik acht der insgesamt zehn Millionen Francs in diesen Kapitalstock. Für weitere Sicherheit und für familiäre Kontinuität des Engagements sorgte eine Klausel, die Caroline Julies Erben dazu verpflichtete, im Bedarfsfalle die finanzielle Basis der Klinik zu sichern.

Erfolgreiches Wohnmodell

Besonders in den Metropolen London und Paris tat die Familie sich auch im Sozialwohnungsbau hervor: mit der Four Per Cent Industrial Dwellings Company, die Lord Nathaniel Rothschild 1885 gemeinsam mit 20 weiteren Investoren ins Leben rief, und mit der Fondation Rothschild, 1900 von den Brüdern Alphonse, Gustave und Edmond de Rothschild mit einem Kapital von zehn Millionen Francs gegründet. Nathaniel (1840–1915) leitete damals mit seinen beiden Brüdern die Londoner Bank, die drei Cousins in Paris das Haus de Rothschild frères. Der erste Wohnblock im armen Londoner East End wurde 1887 mit 228 Wohnungen fertiggestellt. Bis 1905 boten acht Blöcke in verschiedenen östlichen Stadtteilen insgesamt 1600 Wohnungen. Die grösste Wohnanlage mit 320 Einheiten für über 1200 Bewohner wurde 1936 fertig- gestellt. In London hatte es schon grössere Vorläufer gegeben, wie etwa der Peabody Trust. In Frankreich aber war die Fondation Rothschild die erste grosse Gesellschaft, die sich überhaupt auf diesem Gebiet betätigte. Bis 1919 errichtete sie fünf Wohnblöcke mit 1125 Einheiten. Dabei vereinte sie den gesamten Prozess in einer Hand: vom Architektenwettbewerb und der Planung über die Finanzierung und Bauaufsicht bis zur Auswahl der Mieter und dem Betrieb der Wohnblöcke. Das Modell erwies sich als so effizient, dass es nicht nur von anderen Stiftern, sondern auch von der Stadt Paris kopiert wurde und somit den konzeptionellen Grundstein für Frankreichs öffentlichen Wohnungsbau legte.

Die NS-Herrschaft und der Krieg waren auch für das jüdische Stiftungswesen eine Katastrophe. In Frankfurt und in Wien fielen alle jüdischen Einrichtungen der «Arisierung» zum Opfer, das Rothschild’sche Hospice-Orphelinat in Paris wurde von den deutschen Besatzern als Durchgangslager für die Verschleppung missbraucht. Viele jüdische Stiftungen wurden nach dem Krieg zwar restituiert. Bei den Hospitälern führten aber rapide steigende Unterhaltskosten dazu, dass die Trägerschaft bald in öffentliche Hände überging. Das Krankenhaus der Fondation de Rothschild ging an die Stadt Paris. Das Clementine-Krankenhaus wurde schon seit 1928 von einem Verein des Roten Kreuzes getragen und hat jüngst mit der Dr. Christ’schen Stiftung und dem Bürgerhospital Frankfurt am Main den Verein Frankfurter Stiftungskrankenhäuser gegründet. Das Londoner Evelina Hospital wurde 1948 vom National Health Service übernommen. Es wurde aber weiterhin von den Rothschilds und anderen grösseren und kleineren Förderern unterstützt. Ein neues, erst 2005 bezogenes Gebäude machte es zum wohl modernsten Kinderkrankenhaus Europas.

Da der Betrieb von Sozialwohnungen keine vergleichbare Kostenexplosion erlebte, befinden diese Gesellschaften sich weiterhin in freier Trägerschaft. Das bürgerliche Zeitalter ist zwar Vergangenheit geworden, aber Mitglieder der Familie sind bis heute in ihren Vorständen aktiv, so zum Beispiel Sir Evelyn de Rothschild als Präsident der heute unter dem Namen Industrial Dwellings Society firmierenden Gesellschaft und seine französischen Verwandten in der Fondation Rothschild. Deren Gebäude sind bis heute ein Bestandteil des Paris de Belle Epoque.






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