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Jüdische Gelehrte und die Universität am Rheinknie

von Daniel Zuber, April 22, 2010
Die Universität Basel feiert dieses Jahr ihr 550-jähriges Bestehen. Ein Blick auf einige jüdische Aspekte in der Geschichte der ältesten Universität der Schweiz.
JÜDISCHE STUDENTENVERBINDUNG Die zionistisch ausgerichtete Studentenverbindung Jordania schied 1933 vermutlich aus Angst vor Antisemitismus aus dem Delegiertenkonvent aus.

Am 4. April 1460 wurde die Universität Basel als erste Universität der Schweiz eröffnet. Damals verfügte sie über vier Fakultäten: eine medizinische, eine theologische, eine juristische und jene der Artisten, welche die Studierenden auf das Studium an den drei erstgenannten Fakultäten vorbereiten sollte. Mit 227 Studenten und Dozenten startete die Universität am Rheinknie ihre Erfolgsgeschichte. Heute sind rund 12 000 Studenten an der Universität Basel eingeschrieben.

Juden an Universitäten

Basel war zwar bereits im 16. Jahrhundert ein Vorort des Druckes hebräischer Bücher und des Studiums der hebräischen Sprache und Literatur, die Pforten der Universität blieben den Juden jedoch lange verschlossen. Die Juden in Europa waren lange Zeit so stark an die heilige Lehre gebunden, dass diese ihr Sinnen und Trachten allein ausfüllte. Natürlich waren ihnen auch damals wissenschaftliche Lehre und Forschung nicht fremd: Philosophie, Geschichte, Mathematik, Astronomie und andere, mit der heiligen Lehre zusammenhängende Wissenschaften, wurden fleissig gepflegt. Doch war, mit den Worten von Historiker und Jurist Guido Kisch, «das Ganze Denken, Fühlen und Leben einzig und allein vom Jüdischen Religionsgesetz bestimmt, vom Judesein erfüllt.»

Gleichzeitig lagen im mittelalterlichen Europa die Universitäten und das profane Bildungswesen im Allgemeinen zunächst ganz in den Händen der Kirche. An den Universitäten gab es somit keinen Platz für Juden. Lediglich in der Medizin flossen Kenntnisse und Fähigkeiten jüdischer Gelehrter bereits seit ältesten Zeiten aus dem Kreise der eigenen Glaubensgenossen hinaus. Juden haben vermutlich bereits im neunten Jahrhundert an der ältesten ärztlichen Schule des Abendlandes – der Medizinschule von Salerno – gelernt und gelehrt. Gleiches gilt für die medizinische Hochschule in Montpellier. Im 16. und 17. Jahrhundert pilgerten Juden vor allem nach Italien und Holland, um Medizin zu studieren. Seit Ende des 17. Jahrhunderts wurden sie an einigen deutschen Universitäten als Studenten und seit dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts auch zu Prüfungen zugelassen. Mit den neuzeitlichen Idealen der Freiheit und Duldsamkeit hat sich auch in der Schweiz die Emanzipation der Juden durchgesetzt, und Basel wurde zum Refugium zahlreicher polnischer und russischer Juden, denen die Universitäten in ihrer Heimat noch immer versagt blieben.

Zuwanderer aus Osteuropa

In ihrer Ende Mai erscheinenden Dissertation «Bewegte Zeiten. Zur Geschichte der Juden in Basel, 1930er bis 1950er Jahre» beschreibt Historikerin Noëmi Sibold auch interessante Aspekte der Geschichte der Universität Basel. Nach dem Ersten Weltkrieg warben Schweizer Universitäten um die Gunst auswärtiger Studierender, da man keine «Lokaluniversität» sein wollte. Beliebt waren Personen aus anderen Kantonen und dem benachbarten Ausland. Die Universität zog jedoch auch viele Studierende aus osteuropäischen Ländern – darunter viele Juden – an, was besonders der Fremdenpolizei bald ein Dorn im Auge war. Der sogenannte «Ostjude» wurde zur Metapher des gänzlich «Fremden», und diese Exotisierung wurde während der NS-Zeit auf den ausländischen Juden überhaupt übertragen. Aufenthaltsbewilligungen wurden immer restriktiver erteilt. Dennoch kamen viele jüdische Studierende aus dem Ausland. Wie Sibold feststellt, setzte sich die Universität Basel in den dreissiger Jahren zwar für diese Studierenden ein, sie betrieb jedoch eine klare Interessenpolitik.

So spielten die Religion und die Herkunft der Studierenden für die Professorenschaft scheinbar keine Rolle. Ausländische Studierende wurden gar als Ressource wahrgenommen und die Universität widersetzte sich in vielen Fällen der restriktiven Politik der Fremdenpolizei. Dasselbe galt etwa für junge ausländische Mediziner und Medizinerinnen, die unentgeltlich arbeiteten und den universitären Mittelbau darstellten. An der Spitze der Universität, auf der Ebene der Professoren, waren jedoch jüdische Einwanderer nicht sonderlich beliebt. Der «Schutz des Arbeitsmarktes» hatte hier Priorität, so dass antisemitische Argumente und Überfremdungsängste auch an der Universität Basel zum Zuge kamen.

Erfolgreiche Gelehrte

Dennoch hinterliessen auch in Basel zahlreiche jüdische Gelehrte ihre Spuren. Man könnte eine ganze Reihe einflussreicher jüdischer Persönlichkeiten aufzählen, die mit herausragenden wissenschaftlichen Leistungen von sich reden machten. So etwa den renommierten Staatsrechtslehrer Georg Jellinek, wessen «Allgemeine Staatslehre» als Meilenstein der deutschen Staatslehre gilt. Auch Philosoph Karl Joel oder die renommierten Wirtschaftswissenschaftler Julius Landmann und Edgar Salin waren an der Universität Basel als Professoren tätig. Genauso die international bekannten Dermatologen Bruno Bloch und Felix Lewandowsky. Der herausragende Religionsphilosoph und Naturwissenschaftler Jeshajahu Leibowitz habilitierte 1934 an der Universität Basel.

Nobelpreisträger Tadeus Reichstein übernahm 1938 die Leitung des Pharmazeutischen Instituts der Universität Basel und 1946 zusätzlich den Lehrstuhl für Organische Chemie. Judaist und Historiker Ernst Ludwig Ehrlich promovierte 1950 in Basel, wo er später auch lehrte. Auch der oben zitierte Rechtswissenschaftler Guido Kisch wurde ab 1952 an der Universität Basel tätig. Rabbiner Leo Adler, welcher Grosses für die Israelitische Gemeinde Basel geleistet hat, ist ebenfalls mit der hiesigen Universität verbunden. Genauso Philosophin Jeanne Hersch, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag feiern würde. Ihr wurde 1972 von der Theologischen Fakultät der Universität Basel die Ehrendoktorwürde verliehen. Diese Aufzählung ist natürlich keineswegs abschliessend, sie soll lediglich einen Eindruck der Leistungen jüdischer Gelehrter in Basel vermitteln. Heute gibt es an der Universität Basel das in Institut für Jüdische Studien. Von der Stiftung für Jüdische Studien zusammen mit der Universität Basel gegründet, nahm das Institut 1998 seine Arbeit auf, und seit Mai 2000 wird das Nebenfach Jüdische Studien offiziell von der Universität anerkannt.






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