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«Jeder hat das Recht, für sich auszuwählen»

Interview Yves Kugelmann, June 1, 2011
Nächste Woche beginnt unter der Leitung der Schweizer Direktorin Bice Curgier die 54. Biennale von Venedig. Aus diesem Anlass sprach tachles mit dem Schweizer Konsul, Vizepräsidenten der jüdischen Gemeinde Venedigs, Wissenschaftler und Autoren Riccardo Calimani über die Zukunft der jüdischen Gemeinde Venedigs und ganz Italiens, die Unruhen im arabischen Raum und über die Verbindung zwischen der Schweiz und Italien.
RICCARDO CALIMANI Der Wissenschaftler in seinem Arbeitszimmer im Palazzo am Canale Grande

tachles: Ihr Buch über das jüdische Venedig beginnt mit dem Monolog von Shylock aus William Shakespeares «Der Kaufmann von Venedig». Ist dieser, wie man immer wieder hört, antisemitisch beziehungsweise antijüdisch, oder steht er eher für die Emanzipation der Juden in der Figur des Kaufmanns?
Riccardo Calimani: Antisemitisch ist er ganz klar nicht, schon wegen seines Entstehungsdatums. Der Begriff Semit entstand in den 1700er-Jahren mit einer linguistischen Konnotation, während Begriff Antisemit aus dem 19. Jahrhundert stammt und eine rassistische Konnotation hat.



Was ist also die Botschaft dieses Monologs?
Er kann verschieden ausgelegt werden. Man muss ihn aber in die richtigen Zusammenhänge stellen, um ihn besser zu verstehen, denn nach dem Nazismus und den Traumata des 20. Jahrhunderts haben wir heute eine ganz andere Empfindlichkeit. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es einen «Shylock Nachem» der Juden gibt, und vielleicht hat auch Shakespeare ganz einfach die Frage nicht wirklich verstanden. Er hat die Charaktere mit starken Persönlichkeiten ausgestattet, und natürlich kann man nicht alle Qualitäten oder Mängel aller Juden dieser Welt auf einer Person vereinigen. Was er gemacht hat, ist Dramaturgie. Und Shakespeares Dramaturgie basiert auf der menschlichen Problematik – nicht auf der Lösung, sondern auf der Erklärung der Probleme.

Einst war die jüdische Gemeinde Venedigs, auf der Grenze zwischen Orient und Okzident gelegen, eine der wichtigsten weltweit und Schnittstelle zwischen den Kulturen.
Sie war die Synthese des Judentums. In ihr waren drei Nationalitäten vertreten: erstens die italienischen Aschkenasim; zweitens die Juden iberischen Ursprungs, Levantiner genannt, die nach Saloniki ausgewandert und dann nach Venedig gegangen sind; und drittens die Ponentiner, in Frankreich und Spanien zum Christentum konvertierte Juden, die nach ihrer Ankunft in Venedig wieder zum Judaismus heimkehrten. Sie hatten sehr unterschiedliche Mentalitäten, und diese Mischung war sehr belebend und kulturell fortgeschritten. Beispielsweise gab es in Venedig ein oft unbeachtetes Phänomen, nämlich die Druckindustrie. Durch sie wurden die Texte – ob nun jene der Thora, des Talmuds oder aller anderen Wissensgebiete – ohne Abweichungen vereinheitlicht und auf möglichst breite Art bekannt gemacht.

Aber die venezianischen Druckereien waren ja nicht in jüdischen, sondern explizit in christlichen Händen.
Richtig, aber die Korrektoren waren jüdisch. Die Verleger waren adlige Venezianer.

Dann gab es in Venedig damals also das Ghetto, aber auch ein Gegenstück dazu?
Es gab vor allem eine kulturelle Osmose. Die Kontakte zwischen den Menschen, den Austausch von Ideen kann man nicht verhindern. Der Geist der Stadt war stärker als die Mauer des Ghettos.

Was können wir heute im Hinblick auf die Konfrontation zwischen Orient und Okzident daraus lernen?
Heute gibt es eine neue Variable, deren Wichtigkeit wir noch nicht beurteilen können. Ich meine das Internet mit seinen sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter oder der E-Mail als Kommunikationskanal. Diese Technologie scheint heute für die Protestbewegung in den arabischen Ländern von massgeblicher Wichtigkeit zu sein, weil diese Kommunikationsmittel der Zensur ausweichen können.

Macht Ihnen das Hoffnung?
Ich bin nicht optimistisch, weil es ja auch die Repressionsmöglichkeiten der Regimes und eine totalitäre Militärkaste gibt, die nicht auf ihre Privilegien verzichten will. Aber ich kann natürlich auch nicht vorhersagen, was am Schluss herauskommen wird.

Das Problem liegt also nicht in der Religion oder Kultur, sondern bei den Regimes?
Ja, das denke ich. Es gibt natürlich auch alte Ursprünge, aber es weht eine Brise der Neuerung. Ob diese Brise zu einem starken Wind wird, weiss ich allerdings nicht.

Als Philosoph und Professor kennen Sie die Geschichte des Orients gut, aber Sie sagen, dass Sie pessimistisch sind.
Nein, pessimistisch bin ich nicht. Aber ich kann nicht über eine Milliarde Menschen urteilen. Es wird positive und negative Entwicklungen geben, bessere und schlechtere Situationen. Wir haben absolut unerforschtes Terrain vor uns.

Heute ist das Ghetto in Venedig eine Touristenattraktion, für die es eine Kommission gibt.
Ja, ich war früher deren Präsident. Das Ghetto ist wichtig, weil es ein Symbol ist. Gleichzeitig nimmt die Anzahl Juden in Venedig laufend ab.
Nicht nur in Venedig, sondern in ganz Italien. Es gibt lediglich 25 000 von uns in diesem Land. Aber die Qualität einer Gemeinde beruht nicht notwendigerweise auf ihrer Grösse, wenn natürlich auch die Zahl Köpfe für die Hoffnung auf eine Zukunft wichtig sein kann.

Glauben Sie, dass die Juden in Italien eine Zukunft haben?
Man muss daran glauben, auch wenn unsere Lage derzeit schwierig ist. Aber die Realität lässt einen auch daran denken, dass es viele Schwierigkeiten geben wird – man muss die Situation eben akzeptieren. Es gibt eine aussergewöhnliche Vergangenheit, und es gibt eine unsichere Zukunft. Aber die Zukunft ist ja stets unsicher.

In Venedig gibt es nicht nur alte Synagogen im Ghetto, sondern auch Chabad. Ist die Organisation eine Konkurrenz oder ein Problem für die Gemeinde?
Beides – Chabad ist eine Bewegung polnischen Ursprungs, und in Polen trugen sie den Schtreimel, weil es dort sehr kalt sein kann. Aber heute tragen sie in Jerusalem den gleichen Schtreimel, auch wenn die Temperaturen unterschiedlicher nicht sein könnten.

Stören Sie sich als italienischer Jude daran?
Als italienischer Jude denke ich, dass jeder seine Rolle spielen kann. Aber man kann nicht sagen: Ich bin der einzig wahre Interpret der Tradition. Im Judentum kennen wir das Prinzip einer zentralen Autorität nicht, und man kann nicht sagen: Ich bin der Orthodoxe und du der Assimilierte. Man muss auch sehen, dass die Polen ihre wundertätigen Rabbiner hatten, die Vermittler zwischen Gott und Mensch waren. Das ist aber eine sehr katholische Idee, welche die Chassidim übernommen haben. Ebenfalls übernommen haben sie das Erscheinungsbild des Rabbiners in schwarzer Kleidung; es ist gleich nochmals der katholische Priester, der normalerweise schwarz gekleidet ist und nicht der jüdische Rabbiner, der keine spezielle Kleidung kennt. Ferner haben sie einen sehr starken Bekehrungseifer an den Tag gelegt, den Juden normalerweise nicht an sich haben. Für mich haben demnach die orthodoxen Chassidim Charakteristika übernommen, die eher christlich als jüdisch sind. Ich respektiere das, aber ich glaube, dass die Orthodoxie nicht für sich beanspruchen kann, dass sie besser sei als die anderen. Als assimilierter italienischer Jude sage ich demgegenüber, dass jeder das Recht hat, für sich auszuwählen.

Sie halten sich für einen assimilierten italienischen Juden?
Mit assimiliert meine ich, dass ich keinen Bart trage und nicht sagen kann, dass ich ein Bilderbuchjude bin. Aber ich kann sagen, dass jeder das Recht hat, sich seinem eigenen Gewissen ohne den Gedanken zu stellen, er sei besser als der andere. Ich wurde in eine bestimmte Familie hineingeboren, ich habe eine bestimmte Erziehung genossen und bestimmte kulturelle Erfahrungen gemacht – das gehört mir, indem ich gleichzeitig die kulturellen Erfahrungen respektiere, die andere gemacht haben. Und ich will, dass meine Erfahrungen auch respektiert werden. Die Chabad-Mitglieder aber denken, dass sie die Besten seien, und sie sagen es auch laut.

Sie haben viel über die Geschichte des europäischen Judentums geschrieben. Gibt es besondere Eigenheiten der venezianischen jüdischen Mentalität?
Ja! Denn jede jüdische Gemeinde hat ihre Eigenheiten, ihr Schicksal und ihre Geschichte. Sogar innerhalb Italiens gibt es zwischen Venedig, Livorno oder Rom Unterschiede in den Ursprüngen, der Wirtschaft und der Geschichte. Die Geschichte der Juden ist nur deshalb so reich, weil es überall Eigenheiten gibt. Und jedes Mal, wenn die Juden versucht haben, so wie die anderen zu sein, sind sie gleicher als die anderen geworden. Als sie ihren Ländern im Ersten Weltkrieg gedient haben, haben sie dafür praktisch nichts erhalten, aber sie haben sich in einen übertriebenen Patriotismus hineingesteigert. Das ist es, was die Eigenart der Juden ausmacht!

Was können Sie uns diesbezüglich über Venedig sagen?
Venedig ist eine offene Stadt, eine internationale Stadt – Venedig ist einfach Venedig und ist so geblieben, wie es immer war, mit all seinen Eigenheiten.

Sie sind Honorarkonsul der Schweiz in Venedig. Nun ist die Zürcherin Bice Curiger die Kuratorin der Biennale 2011. Was versprechen Sie sich davon?
Die Schweiz ist ein sehr wichtiges Land, ihr kulturelles und soziales Modell ist wesentlich. Es ist die Gelegenheit, sie kennenzulernen, und ich hoffe, dass es dazu führen wird, dass die Kontakte zwischen Schweizern und Italienern künftig noch intensiver werden, als sie es in der Vergangenheit waren. 



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Kosmopolit
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