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Ist ShidduchVision die Lösung?

von Ben Harris, July 16, 2009
Mit Hilfe des im amerikanischen Baltimore entstandenen Dienst ShidduchVision sollen die Probleme gelindert werden, mit denen jüdisch-orthodoxer Singles, die nach geeigneten Partnern suchen, offenbar zu kämpfen haben.
ORTHODOXE HEIRAT Die Suche nach dem richtigen Partner scheint immer schwerer zu werden

Der neue Dienst wird orthodoxen Alleinstehenden gestatten, zuerst «Treffen» via Videokonferenz abzuhalten, bevor der oft lange und umständliche Weg zu einem potenziellen Partner beschritten wird. Ein lokaler Repräsentant des Dienstes wird die Singles beherbergen, die über eine sichere Verbindung bis zu drei «Treffen» abhalten können, bevor sie sich entscheiden, ob es sich lohnt, die Beziehung durch ein persönliches Treffen zu vertiefen. Mit 18 Dollar pro Teilnehmer und Sitzung – die Kosten werden in der Regel vom männlichen Teilnehmer getragen – will der Dienst nicht nur die Ausgaben für Reisen senken, sondern auch vermeiden, dass ein Kandidat oder eine Kandidatin lange Strecken auf sich nimmt, nur um festzustellen, dass es sich um eine Fehlinvestition gehandelt hat. «Auf diese Weise lassen sich viel mehr Optionen überprüfen», sagte Jeff Cohn, ein Geschäftsmann aus Baltimore, der die Stiftung Make A Shidduch gegründet und ShidduchVision ins Leben gerufen hat. «Das gilt speziell für die Menschen, die ausserhalb der grossen Bevölkerungszentren wohnen.»

Wählerische Singles

Die neue Dienstleistung, die in ein paar Wochen angeboten werden dürfte, widerspiegelt (vor allem für die USA) die ausserordentlichen Anstrengungen, die Mitglieder der orthodoxen Gemeinden unternehmen, um die sogenannte Schidduch-Krise zu meistern. Dieser seit Jahren herumgeisternde Begriff bezieht sich auf die grosse Anzahl unverheirateter Erwachsener – in der überwiegenden Mehrheit Frauen. Die Existenz dieses Problem ist zwar weitum anerkannt, doch bezüglich ihrer Ursachen gehen die Meinungen auseinander. Einige halten die Praxis der Orthodoxen mit ihrer fast hermetischen Trennung zwischen den Geschlechtern für falsch. Manche wiederum meinen, die Singles seien zu wählerisch geworden. Vor allem männliche Kandidaten würden sich zu Treffen mit eigentlichen «Einkaufslisten» einfinden, auf denen sie ihre Forderungen sauber aufführen. Zudem würden bis ins kleinste Detail gehende Erkundungen eingeholt, um herauszufinden, ob der Partner oder die Partnerin die geforderten Kriterien auch wirklich erfüllt. Andere sind dagegen der Ansicht, dass orthodoxe Eltern ihre Kinder zu sehr verhätscheln, was die normale soziale Entwicklung verhindert, die nötig sei, um eine aktive, reife Beziehung einzugehen.

Mehr Frauen im «dating pool»

«Die Krise rührt daher», sagte Michael Salomon, ein orthodoxer Therapeut aus Long Island, «dass es für junge, religiöse Leute keine wirklich geeigneten Orte gibt, an denen sie sich treffen und lernen können, miteinander gesellschaftlich umzugehen.» Salomon ist auch der Verfasser des Buches «The Shidduch Crisis». Rabbiner Moshe Pogrow aus Queens ist Gründer der nordamerikanischen Shidduch-Initiative, die Paaren, bei denen beide entweder gleichaltrig sind oder bei denen die Frau älter ist, finanzielle Anreize für den Fall offeriert, dass sie heiraten. In einem vor einigen Monaten erschienenen Artikel nannte Pogrow als einzigen plausiblen Grund für die Krise die Tatsache, dass es zu jeder Zeit mehr Mädchen als Jungen im «dating pool» gibt. «Die Lösung liegt auf der Hand, und sie ist die einzige Lösung», schrieb Pogrow. «Wir – Eltern junger Männer und Frauen, Freunde, Ehevermittler, Mentoren, Rabbiner – müssen die Initiative ergreifen, um den Altersgraben zwischen den Jungen und Mädchen zu schliessen. Entweder müssen die Jungs früher oder die Mädchen später heiraten, oder man einigt sich auf eine Kombination beider Lösungen.»

Zahlreiche Projekte

Im Gegensatz zu Pogrows Organisation benutzen die meisten Initiativen gegen die Krise eine ähnliche Strategie wie ShidduchVision: Mehr Singles sollen einander treffen können. Und diese Programme greifen immer mehr um sich. Die ultraorthodoxe Dachorganisation Agudath Israel etwa hat die Initiative Invei Hagefen gestartet, die sich auf Singles im Alter von über 25 Jahren konzentriert und auch Begleitbetreuung während des ganzen Dating-Prozesses offeriert. In Baltimore existieren viele Projekte wie etwa das Baltimore-Shidduch-Network, das seit 20 Jahren beim Informationsaustausch über potenzielle Singles hilft. Ein ähnlicher Dienst ist 1-800-Shadchan. Betrieben wird er von Cohns Stiftung, die auch «The Shadchan» publiziert, ein Magazin mit den Profilen von Singles. Letztes Jahr stellte die Gemeinde einen Vollzeit-Schadchen (Heiratsvermittler) ein, der helfen soll, die Singles zu verheiraten. Der Schadchen konnte bereits neun Ehen stiften. Star-K, eine Kaschrut-Überwachungsagentur, offeriert Bar-Anreize für jede Person, die eine Heirat für eine religiöse Frau von Baltimore im Alter von mindestens 22 Jahren arrangiert. «Ich  kann nicht sagen, dass das Bild sich gesamthaft verbessert hat», meinte Fruma Schiffenbauer, Leiterin von Invei Hagefen. «Ich weiss aber, dass die Situation in Baltimore ohne uns massiv schlechter wäre.»

Korruption jüdischer Werte?

Es gibt aber auch Singles, welche die Ansicht vertreten, die gut gemeinten Reaktionen auf die Krise würden nicht nur nicht helfen, sondern das Problem noch akzentuieren. Chananya Weissman etwa, der vor fünf Jahren www.endthemadness.org gegründet hat, sieht in dem Problem eine «Korruption jüdischer Werte». Die meisten Ehevermittlungen würden sich seiner Meinung nach auf die Symptome und nicht auf die Ursachen konzentrieren. Die Website enthält eine Rubrik «Madness Watch», in der Besucher Geschichten über orthodoxe «Dummheiten» austauschen. Unter anderem macht sich Weissman, der 30 Jahre alt und unverheiratet ist, gegen die von den Orthodoxen praktizierte strikte Trennung der Geschlechter stark. Er glaubt auch nicht, dass mehr Frauen als Männer nach einem Partner suchen.
Pogrows Idee finanzieller Anreize für geschlossene Ehen findet er «schrecklich». Vermittler würden so «bestochen» werden, Paare eher aufgrund des Alters als aufgrund gegenseitiger Eignung zusammenzuführen. Hinter vorgehaltener Hand geben viele mit der Sache befasste Personen zu, dass die Dinge ausser Kontrolle geraten seien. Sie hüten sich aber vor einer öffentlichen Stellungnahme, da dies als Attacke auf die orthodoxen Gepflogenheiten interpretiert werden könnte. Stattdessen suchen die Initianten der verschiedenen Programme bewusst den Segen der Rabbiner. Cohn etwa machte mit seiner ShidduchVision erst voran, nachdem er sich die Zustimmung respektierter Rabbiner gesichert hatte. In ihrem Informationsmaterial verspricht die Dienstleistung denn auch, dass alles unternommen werde, um die «keduscha» (Heiligkeit) und die «zniut» (den moralischen Rahmen) des ganzen Prozesses zu schützen. «Wir haben alles unternommen», meinte Cohn, «um die Sicherheit der Studios, in denen wir arbeiten, zu gewährleisten und den Zugang zum World Wide Web auszuschliessen. Ohne die ausdrückliche Genehmigung der Rabbonim aber würden viele Leute unseren Dienst nicht benutzen.»    





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