Israels schlechte Presse
Ein differenziertes Bild der Situation Israels und deren Spiegelung in den Medien zeichnete der Publizist Hansrudolf Kamer vor der Gesellschaft Schweiz-Israel Bern. Eine Erklärung dafür, «warum der Medienkonsum für Israel-Freunde zur Tortur wird», kündigte Lukas Weber, Präsident der Gesellschaft Schweiz-Israel (GSI) Bern, an, als er den Referenten Hansrudolf Kamer vorstellte. Der frühere Stellvertretende Chefredaktor und Auslandchef der «Neuen Zürcher Zeitung» ist heute Kolumnist bei der «Weltwoche». Im Frühling hatte im gleichen Kreis bereits der Publizist Karl Lüönd die Mechanismen der Medienarbeit dargestellt, und kürzlich diskutierte die GSI Schweiz mit zwei Medienschaffenden (vgl. tachles 46/2011). Hansrudolf Kamer weitete das Thema «Warum hat Israel bei uns eine so schlechte Presse?» auf eine differenzierte Analyse der strategischen Situation Israels aus. Durch die Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien sowie den Untergang der Sowjetunion und des Regimes von Saddam Hussein im Irak habe sich diese verbessert. Sei es 1967 noch ums Überleben gegangen, so stehe heute die Sicherheit des Landes auf dem Spiel. Israel sei weder David noch Goliat; allerdings sei «ein feindlich und unfriedlich gesinntes Umfeld» geblieben, und Israel biete sich immer noch für ein «aussenpolitisches Abenteuer eines starken Mannes» an, der von inneren Problemen ablenken wolle, meinte der Referent mit Blick auf die instabilen arabischen Staaten. In Europa und der Schweiz sei der Blick auf den Nahost-Konflikt aber «verengt auf das Palästinaproblem», hier herrsche «eine Attitüde des Besserwissens» vor. Kamer führte dies auf die «moralische Relativierung» der 68er-Bewegung und die pazifistische Grundhaltung der Bevölkerung zurück. Als Beispiel nannte er den oft geäusserten Vorwurf der Unverhältnismässigkeit israelischer Militäraktionen; dieser Begriff sei «ein theoretisches Hirngespinst». Parallel dazu habe die Entwicklung zur Informationsgesellschaft auch die Medien verändert: Geschwindigkeit komme heute vor Tiefgang. «Die modernen Medien haben den gründlichen Journalismus zu Grabe getragen», befand Hansrudolf Kamer, der einen Widerspruch zwischen der komplexen Realität und deren Vereinfachung durch die Journalisten ausmachte.


