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Innovation durch Partnerschaft

Von Andreas Mink, November 15, 2010
Im Gespräch mit dem Historiker Peter Ascoli über die philantropische Tradition seines Grossvaters Julius Rosenwald.

Als Unternehmer und Philantrop war Julius Rosenwald (1862-1932) auf Ergebnisse bedacht, nicht aber auf persönlichen Ruhm. So fehlte sein Name im Logo des Konzerns Sears, Roebuck and Company, den er als Mitgründer und langjähriger Präsident zum weltgrössten Versandhaus aufgebaut hat. Wie sein Enkel und Biograph Peter Ascoli im Gespräch erklärt, hat es Rosenwald zudem abgelehnt, seinen Namen etwa auf dem monumentalen Museum of Science and Industry in seiner Heimatstadt Chicago zu verewigen, dessen Bau er mit einer für damalige Verhältnisse enormen Spende von fünf Millionen Dollar ermöglicht hat. Diese Zurückhaltung dürfte einer Mischung aus Bescheidenheit und Klugheit entsprungen sein, die sich als ausserordentlich produktiv erwiesen hat. Als Sohn deutschjüdischer Immigranten ohne höheren Schulabschluss, hat Rosenwald sein Leben lang Respekt für Akademiker und Bildung bewiesen und wie kein anderer Philantrop seiner Generation etwa für die Erziehung der Schwarzen im amerikanischen Süden gewirkt. Stets der Tatsache bewusst, dass Andere über mehr Wissen oder Erfahrung verfügen konnten, blieb er auch als Multimillionär offen für Anregungen. Seine erstaunliche Erfolgsbilanz im Geschäftsleben und der Philantropie spricht indes dafür, dass Rosenwald seinen Mangel an Ausbildung durch Urteilsvermögen und Entscheidungskraft mehr als wettmachen konnte.



Wie Ascoli erklärt, war Rosenwald im Gegensatz zu Andrew Carnegie und anderen «Räuberbaronen» seiner Epoche kein Mann der einsamen Entscheidungen, sondern auf partnerschaftliches Vorgehen bedacht. So pflegte Rosenwald nicht nur einen kollegialen Umgang mit führenden Mitarbeitern wie dem Organisationsfachmann Otto Doering, der die damals einzigartig effektive Abwicklung von Bestellungen bei Sears gestaltet hat. Als Philantrop entwickelte Rosenwald fruchtbare Partnerschaften etwa mit dem schwarzen Erzieher Booker T. Washington. Der Gründungsdirektor des «Tuskegee Institutes» in Alabama konnte Rosenwald 1912 dazu gewinnen, in den Vorstand der afroamerikanischen Bildungsanstalt einzutreten. Obwohl er Ascoli zufolge ursprünglich nicht von den Vorurteilen seiner Zeit gegen Schwarze frei war, entdeckte er in Washington eine Mann, der ihm – von der Hautfarbe abgesehen – in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich war: «Beide waren `selfmade men´, die Aufstiegschancen erkannten und wahrnahmen. Diese Erkenntnis hat die Einstellung Rosenwalds Schwarzen gegenüber fundamental verändert. Das war damals schon sehr aussergewöhnlich.»

Gleichzeitig war der Unternehmer wie Washington Realist genug, Vorurteile der Weissen nicht frontal anzugehen. Er setzte sich daher in der Hoffnung auf eine allmähliche Rassenintegration in Chicago und anderen nördlichen Industriezentren für die Gründung von YMCAs (Wohnheimen und Clubs) allein für Afroamerikaner ein. Auch die schliesslich 5328 Schulen im ländlichen Süden, die Rosenwald auf Washingtons Anregung hin mitfinanzierte, waren allein Schwarzen vorbehalten. Gleichzeitig hat Rosenwalds Unterstützung für die afroamerikanische Bürgerrechtsorganisation NAACP den Grundstein für die Abschaffung der Rassentrennung in Amerikas Schulen durch das Verfassungsgericht 1954 gelegt. In der Vorgeschichte der historischen Entscheidung spielt auch Ascolis Mutter Marion Rosenwald eine Rolle: Sie hat in Harlem das «Northside Development Center» des afroamerikanische Psychologenpaares Kenneth und Mamie Clark unterstützt, das die schädlichen Auswirkungen der Rassendiskriminierung auf schwarze Kinder nachweisen konnte. Das Verfassungsgericht hat die Arbeit der Clarks in seiner Urteilsfindung aufgenommen. 

Ascoli macht klar, dass Booket T. Washington als Spendensammler sehr effektiv war und Rosenwald nicht nur nach Alabama einlud, sondern ihm auch regelmässig Fotos und Berichte über den Fortgang ihrer Projekte nach Chicago sandte. Als Unternehmer wie Philantrop auf den Bau leistungsfähiger Institutionen ausgerichtet, empfand Rosenwald offensichtlich grosse persönliche Genugtuung über den Erfolg des revolutionären Schulprojektes. Sein partnerschaftlicher Zugang machte vor seiner eigenen Firma nicht halt. Ascoli zitiert eine Anektode, wonach Rosenwald einmal erklärt hat, die Tausenden von Sears-Angestellten würden nicht für, sondern mit ihm arbeiten. Von patriarchalischen Zügen nicht frei, besass Rosenwald dennoch ein für seine Zeit und seine Klasse ungewöhnliches soziales Gewissen, das ihn zu einem der ersten Unternehmer werden liess, der Gewinnbeteiligungen an Angestellte ausschüttete.

Als Philantrop konnte Rosenwald Partnerschaften durch innovative Ideen wie «challenge grants» herstellen. Dabei versprach er beträchtliche Summen für Projekte, sofern sich andere Sponsoren fanden. Revolutionär war Rosenwalds Entscheidung, seine Stiftung zeitlich zu begrenzen und deren Leitung dadurch zur planmässigen Ausschüttung der Mittel zu zwingen. Dadurch wollte er verhindern, dass sich die Fortführung der Stiftung zu einem bürokratischen Selbstzweck entwickelt. Überdies verstand er die Limitierung laut Ascoli als Aufforderung an nachfolgende Generationen, ihrerseits Zwecke zu fördern, die ihnen am Herzen liegen.

Obwohl er seinen Grossvater als Pragmatiker bezeichnet, hebt Ascoli die zentrale Bedeutung des Judentums für Rosenwald hervor: «Er sass jeden Sonntag zu Füssen des Reformrabbiners Emil Hirsch, der grossen Einfluss auf ihn hatte. Hirsch war zutiefst davon überzeugt, dass wohlhabende Gemeindemitglieder ihren Reichtum zum Nutzen der Allgemeinheit einzusetzen hatten.» Obwohl Rosenwald nie über philosophische oder spirituelle Grundlagen seiner Philantropie gesprochen hat, betrachtet Ascoli die Schaffung besserer Voraussetzungen für die Eigeninitiative benachteiligter Mitbürger als das wesentliche Ziel seines Grossvaters: Rosenwald habe Anderen die Chance geben wollen, so erfolgreich zu werden wie er selbst.

Bei seinem eigenen Aufstieg kam dem Unternehmer eine glückliche Hand bei der Wahl seines Standorts entgegen. Wie Ascoli erklärt, wurde Chicago im Jahr 1871 durch einen verheerenden Brand verwüstet. Aber die junge, erst 1833 gegründete Stadt am Westufer des Lake Michigan wurde dadurch nur kurzfristig in ihrer Entwicklung zur Drehscheibe zwischen den Agrar- und Industriegebieten des Mittleren Westens und der Ostküste zurückgeworfen. Als Rosenwald 1885 von New York nach Chicago übersiedelte, stand die «Stadt der breiten Schultern» mitten in einem Boom, der jungen und ehrgeizigen Neuankömmlingen jüdischer Herkunft optimale Entfaltungsmöglichkeiten bot. Im Gegensatz zu den Metropolen der Ostküste wurde die Gesellschaft Chicagos nicht von alten, angelsächsischen Familien dominiert. Als Geschäftsmann und Philantrop entwickelte Rosenwald dann rasch Freundschaften zu führenden Unternehmerfamilien wie den Swifts, die ein Imperium in der Fleischverarbeitung aufgebaut hatten.

Als sich Rosenwald 1929 bei Sears zurückzog, gehörte seine Familie längst zum Establishment von Chicago. Sein soziales Gewissen und seine philantropische Philosophie hat sich jedoch in seiner Familie über Generationen in eindrucksvoller Weise erhalten. Rosenwalds ältester Sohn Lessing (1891-1979) war bis 1939 bei Sears tätig, zuletzt als Präsident, ehe er sich ganz auf das Sammeln von Kunst und seltener Bücher verlegte. Diese vermachte er der Library of Congress und der National Gallery of Art in Washington. Daneben hat der begeisterte Schachspieler Turniere für das «Spiel der Könige» gestiftet. Die politischen Interessen Lessing Rosenwalds sorgten indes für einen langjährigen Konflikt mit seinem Bruder William (1903-1996), so Ascoli. Lessing war ein glühender Gegner des Zionismus und war von 1943 bis 1955 Präsident des antizionistischen «American Council for Judaism». William war derweil als Gründer des «National Refugee Service» nicht nur um die Rettung von Juden aus dem von den Nazis kontrollierten Europa bemüht, sondern ein führender Unterstützer des jüdischen Staatsprojektes in Palästina.

Zunächst ebenfalls Direktor bei Sears, dann ein höchst erfolgreicher Wall Street-Finanzier, war William Rosenwald zudem der Motor hinter der Fusionierung jüdischer Wohlfahrtsverbände unter dem Dach des United Jewish Appeal, dem er selbst jahrelang vorstand. Damit setzte er die Tradition seines Vater fort, der in Chicago für die Bündelung der Kräfte jüdischer Verbände gewirkt hatte. Und wie Julius Rosenwald engagierte sich William im Tuskegee-Institute, aber auch im Vorstand der New Yorker Philharmoniker. Seine Tochter Alice Rosenwald führt gemeinsam mit ihren Schwestern Nina und Elizabeth nicht nur Williams´ Investmenthaus mit grossem Erfolg fort, sondern auch eine breite Palette philantropischer Aktivitäten. Dabei stehen jüdische Zwecke, Erziehung und Kultur weiterhin im Zentrum. Inzwischen sind die dritte und vierte Generation von Rosenwalds als Stifter und Mäzene tätig, so Ascoli.

Nicht alle Rosenwalds verfügten über die Mittel Williams und seiner Töchter. Aber Ascolis Tante Edith Rosenwald Stern (1895-1980) machte sich als Gattin des erfolgreichen Geschäftsmannes Edgar Stern in New Orleans bei der Förderung von Bildungsanstalten für Afroamerikaner verdient. Auch bei der Unterstützung jüdischer Zwecke in den USA und Israel setzte Edith Stern die Familientradition fort. Ihr an einem Krebsleiden verstorbener Sohn Philip Stern hat die Arbeit an der Julius Rosenwald-Biographie begonnen, die Peter Ascoli dann nach dreizehnjähriger Arbeit beendet hat. Der Historikers war zuvor selbst über Jahrzehnte für akademische und kulturelle Institutionen in Chicago wie das «Steppenwolf Theatre» als Fundraiser tätig. Seine Mutter Marion hat neben den bereits erwähnten Bildungsinstitutionen auch die Aktivitäten ihres Mannes Max Ascoli unterstützt. Der italienisch-jüdische Jurist (1898-1978) kam als Widerständler gegen das faschistische Mussolini-Regime in Haft und konnte danach 1931 nach in die USA einreisen. Im Exil gehörte er 1939 mit dem Dirigenten Alberto Toscanini und anderen italienischen Künstlern und Denkern zu den Gründern der einflussreichen, antifaschistischen «Mazzini Society». Von Marion Rosenwald diskret unterstützt, gab Max Ascoli ab 1949 das liberale Politmagazin «The Reporter» heraus. Peter Ascoli erinnert sich an Washington-Besuche mit seinem Vater, der im Speisesaal des Senats von führenden Politikern freundschaftlich begrüsst worden sei. Die strikt anti-totalitäre Haltung Max Ascolis liess ihn jedoch zu einem der wenigen, liberalen Befürworter des Vietnamkrieges werden. Dies sorgte nicht nur für tiefe Konflikte zwischen Peter Ascoli und seinem Vater, sondern 1968 zur Schliessung des «Reporter», da die Leserschaft den Kurs des Blattes nicht mehr mittragen wollte.

Der vorliegende Text kann die Verdienste der Rosenwalds nur skizzieren. Doch das Wirken dieser vor 160 Jahren aus dem Westfälischen immigrierten Familie wirft ein Schlaglicht auf die so nur in Amerika anzutreffende Verquickung von unternehmerischer und philantropischer Leistung. Diese ist grundlegend für die Errungenschaften der Nation und gleichzeitig undenkbar ohne jüdische Beiträge.


 



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