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Im Süden wenig Gutes

von Jaques Ungar, December 18, 2008
Gleich zweimal zog Israels Süden in diesen Tagen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich: Einerseits durch den schrecklichen Busunfall nördlich von Eilat, andererseits steigt nach dem Ende der halbjährigen Beruhigungsphase auf beiden Seiten der Grenze die Nervosität.
NACH DEM SCHWEREN BUSUNGLÜCK Rettungskräfte bei den Bergungsarbeiten

Rund 190 000 Touristen sind dieses Jahr schon aus Russland nach Israel gekommen. Wegen der kürzlich beschlossenen Aufhebung der Visumspflicht für russische Ferienreisende erwartet die israelische Tourismusbranche ein deutliches Ansteigen der Zahl russischer Gäste, die vor allem das Tote Meer und Eilat besuchen wollen. Die Schätzungen reichen bis zu 300 000 russische Touristen pro Jahr. In Eilat sieht man die Russen gerne, geben sie neben den Kosten für Flug und Hotel doch durchschnittlich 100 bis 300 Dollar pro Person für Extras aus. Zur Vorbereitung des russischen Ansturms besuchten im November 270 Reiseagenten aus Russland auf Einladung des israelischen Tourismusministeriums das Land. Sie sahen sich in Eilat, am Toten Meer, in Jerusalem und Tel Aviv um. Allein im November landeten fast 8200 russische Touristen mit 58 Direktflügen in Eilat, mehr als doppelt so viel wie im November des Vorjahres. Seit Beginn dieses Jahres haben die Flughäfen von Eilat und Uvda rund 91 500 Passagiere auf fast 1500 internationalen Flügen abgefertigt, was einer Zunahme von 25 Prozent gegenüber den ersten elf Monaten 2007 entspricht.
Der bisher schlimm-ste Verkehrsunfall in der Geschichte des Staates Israel könnte den optimistischen Prognosen aber einen Strich durch die Rechnung machen. Am Dienstagnachmittag starben 24 Touristen und Reiseagenten aus St. Petersburg, 31 wurden teils lebensgefährlich verletzt. Ein Autobus durchbrach bei einem unsinnigen Überholmanöver – er wollte auf der als schwierig bekannten Strasse vom Flughafen Uvda nach Eilat in einer scharfen Rechtskurve einen anderen Bus überholen – die Seitenabschrankung und stürzte rund 60 Meter in die Tiefe, wobei er sich mehrere Male überschlug. Der Chauffeur des Unfall-Buses, der die Tragödie verletzt überlebte, behauptete in einem TV-Interview, er sei nicht schneller als 70 Stundenkilometer gefahren. Die Kontrolle über das Fahrzeug habe er verloren, weil ihm während des Überholmanövers «ein Gegenstand» auf den Bus gefallen sei. Dem Mann, der seit 2001 als Buschauffeur arbeitet, ist es in diesen Jahren allerdings gelungen, nicht weniger als 22 Bussenzettel für Verstösse gegen die Strassenverkehrsordnung zu «sammeln», darunter übersetzte Geschwindigkeit, Missachtung von Stoppzeichen – und verbotene Überholmanöver.

Ungünstiger Zeitpunkt

Unfälle wie der vom Dienstag sieben Kilometer nördlich von Eilat sind in jedem Falle bedauerlich. Für die israelische Tourismusindustrie kommt der Zwischenfall zum denkbar ungünstigsten Moment, befindet sich die Branche doch in einer Periode des rasanten Aufschwungs. Die rund 2,8 Millionen Gäste, die im Zeitraum Januar–November 2008 in Israel ankamen, bedeuten einen neuen Rekord: Nicht nur waren es 35 Prozent mehr als in der Vergleichsperiode von 2007, es waren auch zehn Prozent mehr als im bisherigen Spitzenjahr 2000.
Der schwere Unfall im Süden Israels machte am Dienstagabend und am frühen Mittwoch auch über Israels Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen. In Israel selber nahm der politische und militärische Alltag dessen ungeachtet seinen «normalen» Fortgang. Wenige Tage vor dem offiziellen Ende der «Beruhigung» im Gazastreifen heute Freitag fielen alleine am Dienstag wieder zehn vom Gazastreifen aus abgefeuerte Kassemraketen und Granaten auf israelisches Territorium; in der Nacht zum Mittwoch folgten weitere sieben Raketen. Der Islamische Jihad bezeichnete einen Teil der Angriffe vom Dienstag als Rache für den Tod eines seiner Aktivisten, der bei einem Feuerwechsel mit IDF-Truppen bei Jenin in der Westbank ums Leben gekommen war. Ein Sprecher des Jihads rief alle anderen palästinensischen Gruppierungen auf, die Phase der Beruhigung nicht zu verlängern, sondern den Krieg gegen die «Zionisten» mit aller Kraft wieder aufzunehmen. Angesichts der Tatsache, dass alleine im letzten Monat rund 230 Raketen und Granaten auf israelisches Gebiet eingschlagen sind, ist es allerdings realitätsfremd, von einer Wiederaufnahme der Kampftätigkeit zu sprechen. Eher am Platz wäre hier der Begriff «Fortsetzung des Krieges».

Das Leiden geht weiter

Und wie reagiert Israel auf die Anzeichen aus dem Gazastreifen, die auf eine Eskalation der Konfrontation hinweisen? «Wir schrecken vor einer militärischen Operation in Gaza nicht zurück», meinte Verteidigungsminister Ehud Barak, «doch stürzen wir uns auch nicht überhastet in eine solche hinein». Ruhe werde mit Ruhe beantwortet, doch wenn Israel keine Wahl habe, werde man handeln, und zwar «wann und wo es uns angebracht erscheint». In anderen Worten: in Israels Süden nichts Neues. Die Politiker, die mit anderthalb Augen bereits auf die Knessetwahlen vom 10. Februar schielen – Tzippi Livni sucht mit der Forderung nach harten Reaktionen auf die Raketenangriffe Unterstützung rechts von der Mitte, während Ehud Barak mit seiner Schau von Besonnenheit um Stimmen links von der Mitte wirbt –, beschränken sich auf vage, nichtssagende Worte, und die Bevölkerung in den grenznahen Orten leidet weiter. Mindestens ebenso sehr leidet allerdings die palästinensische Zivilbevölkerung unter der israelischen Wirtschaftsblockade, die in Brüssel, London und Berlin auch unter Freunden des jüdischen Staates immer mehr Kritiker auf den Plan ruft.
Laut militärischen Kreisen besitzt die Hamas heute dreimal so viele Raketen als zu Beginn der «Beruhigung» vor einem halben Jahr. Vor allem die Organisationen, die noch extremer sind als die Hamas, warten mit Ungeduld auf grünes Licht von der Regierung Haniyeh, diese Geschosse massiv gegen Israel einzusetzen. Als demokratischer Staat kann man im Gegensatz zu den Terroristen allerdings nicht einfach auf die Gebiete schiessen, aus denen Raketen abgefeuert werden, denn oft handelt es sich dabei um dicht besiedelte Gegenden. So empfiehlt Ahaz Benari, der Rechtsberater des Verteidigungsministeriums, Ehud Barak dringend, vom Einsatz der Artillerie gegen Raketen-Abschussstellen der Palästinenser abzusehen, wenn sich diese in bevölkerten Gebieten befinden. «Artilleriefeuer», schreibt er in seinem Gutachten, «ist nur in relativ offenem Gelände zulässig. In städtischen Regionen dagegen ist es problematisch, wenn davon ausgegangen werden muss, dass die Chancen relativ gering sind, dass man die Raketenschützen trifft, während das Risiko substanziell hoch ist, dass viele Zivilisten getroffen werden». – Die Zukunft für die Menschen auf beiden Seiten des Grenzzauns am Gazastreifen ist ungewiss; besonders rosig aber ist sie kaum.





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