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Fast so schön wie in Paris

Von Nicole Dreyfus, December 6, 2010
Durch das Warenhaus kam in den europäischen Grossstädten im vorletzten Jahrhundert eine neue Art des Einkaufens auf. Auch in der Schweiz schossen damals viele grössere und kleinere Einkaufstempel aus dem Boden – viele von ihnen als Firmengründung jüdischer Kaufleute.
BEKANNTESTE WARENHAUSKETTE DER SCHWEIZ Manor-Filiale an der Zürcher Bahnhofsstrasse

Au Louvre, Au petit Bénéfice und Bazar hiessen sie, aber auch Julius Brann, Karfiol oder Loeb – einige der ersten Warenhäuser in der Schweiz. Viele wurden im 19. Jahrhundert eröffnet und orientierten sich mit ihrem Sortiment an Kleidern, Woll- und Weisswaren und weiteren Konsumgütern an der grossen Welt. In Paris, New York, London und ein wenig später auch in den deutschen Städten wurden architektonische Meisterwerke gebaut, um das Detailhandelsgeschäft mit umfassendem Angebot standesgemäss in den Mittelpunkt des städtischen Geschehens zu rücken. Das erste Warenhaus der Schweiz hiess Jelmoli, damals noch kein «House of Brands», sondern vielmehr ein Modegeschäft, das 1833 vom gebürtigen Italiener Peter Jelmoli-Ciolina in Zürich gegründet wurde. Mit dem damals noch neuen Konzept der fixen Preise, bei denen nicht mehr gefeilscht wurde, läutete Jelmoli-Ciolina eine neue Ära ein.
In der Schweiz gibt es eine Tradition von jüdischen Warenhäusern. Der Begriff «Warenhaus» ist laut Karin Huser, die sich in ihrem Buch «Vieh- und Textilhändler an der Aare» mit der Schweizer Warenhausgeschichte auseinandergesetzt hat, nicht unproblematisch. Denn die Zuordnung einzelner Detailhandelshäuser unter den Sammelbegriff sei nicht immer eindeutig. «Gerade der Übergang von einem traditionellen Kleider- oder Textilwarengeschäft zu einem grösseren Warenhaus war oft fliessend», schreibt Huser. Häufig wurde für etwas umfangreichere Gemischtwarenläden auch die Bezeichnung Bazar oder Magazin verwendet. Erwin Denneberg legte in seiner Dissertation zu den privatrechtlichen Verhältnissen der schweizerischen Warenhäuser bereits in den dreissiger Jahren fest, wie ein Warenhaus definiert sein soll: «Ein Warenhaus ist ein Einzelhandelsbetrieb, der verschiedene, weitgehend spezialisierte Warengruppen, die nicht in einem innerlichen Zusammenhang zueinander stehen, führt, und diese gegen Barbezahlung zu individuell festgelegten Preisen, die aufgrund des Produktionspreises errechnet werden, verkauft.»



Viele Gemischtwarenhändler aus Deutschland

Der Begriff «Warenhaus» kam allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts auf und hat seinen Ursprung in Deutschland. Leonhard und sein Bruder Hermann Tietz riefen dort zwei grosse Warenhausketten ins Leben. Ausser Rudolph Karstadt waren praktisch alle Waren­hausgründer in Deutschland jüdisch, so auch die Gebrüder Loeb, Julius Brann und die Geschwister Knopf, die ebenfalls für die Entwicklung der Warenhäuser in der Schweiz von grosser Bedeutung waren. Wie anderswo entstanden auch in der Schweiz die neuen, etwas grösser angelegten Vertriebshäuser in der Regel aus bereits bestehenden Kleinbetrieben. So hatte beispielsweise ein Angehöriger der Familie Loeb in Freiburg i. Br. mit einem kleinen Gemischtwarenladen angefangen, in dem er Wolle, Herrenartikel, Bijouterie oder Kurzwaren anbot. Als seine vier Söhne erwachsen waren, schickte Loeb sie im In- und Ausland auf die Messen, um die Waren aus seinem Geschäft zu vertreiben. Dadurch gewann er in der Schweiz an verschiedenen Orten einen Stammkundenkreis, der es ihm später ermöglichte, in Zürich (1874), Basel (1876) und Bern (1881) je ein Ladengeschäft mit Textilien zu eröffnen, die alle ab 1899 fortlaufend zu eigentlichen Warenhäusern ausgebaut wurden. Wie die Loebs stammten auch die Geschwister Max und Johanna Knopf aus dem süddeutschen Baden, allerdings aus einer Viehhändlerfamilie. Sie fingen 1885 mit einem Woll-, Weiss- und Kurzwarengeschäft in Karlsruhe an und bauten es in Kürze zu einem Warenhaus aus. Von Karlsruhe aus erfolgten weitere Geschäftsgründungen in Deutschland und schliesslich auch in Schweizer Städten. Zwei dieser Filialgründungen fanden in Grenchen und in Olten unter dem Namen M. Meyer’s Söhne statt. Nathan Moses Meyer war höchstwahrscheinlich ein Schwager von Sally Knopf, der in Basel, Bern, Luzern, Freiburg, Biel und Interlaken bereits kleinere und grössere Warenhäuser eröffnet hatte.

Im Kontext von Urbanisierung

Die Warenhauslandschaft der Schweiz kann nach Einschätzung des Historikers Jacques Picard nicht als spezifisch jüdisch bezeichnet werden. «Es ist jedoch auffällig, dass der Anteil proportional sehr hoch war, wohl etwa bei 50 Prozent», sagt Picard und verweist auf die weiter oben erwähnte Dissertation von Denneberg, der diese Zahl schon in der Zwischenkriegszeit beobachtet hat. «Handel war im 19. Jahrhundert ein Beruf, der von vielen Juden ausgeübt wurde. Der Beitrag von Juden in diesem Bereich war in der Tat hoch. Es ist somit erklärbar, weshalb das Warenhaus im Kontext von Urbanisierung und Verkehrsumwälzungen, sprich einer gewissen Globalisierung und Migrationsvorgängen entstanden ist», wie Picard sagt. Die meisten Warenhausgründer in der Schweiz kamen entweder aus dem süddeutschen Raum oder aus dem Elsass, so zum Beispiel die Familie Knopf oder Maus. Ein Mitglied der Familie Knopf hatte 1894 in Zürich eine Niederlassung gegründet. Als Geschäftsführer wirkte der noch nicht einmal 20-jährige Berliner Julius Brann. Er erkannte, dass die bevölkerungsstärkste Schweizer Stadt das Potenzial für ein Warenhaus grösseren Stils hatte. Er verliess das Kurz- und Wollwarengeschäft seines Patrons Knopf und eröffnete 1896 am Talacker in Zürich ein modernes Warenhaus nach deutschem Vorbild mit 60 Angestellten. Während Albert Knopf 1903 in Konkurs ging, war der Erfolg des Warenhauses Julius Brann beinahe grenzenlos. Eine Geschäftseröffnung folgte der anderen: 1897 in Basel, 1899 in St. Gallen, 1901 in Solothurn, 1902 in Biel, 1903 in Rorschach und so weiter. Es kamen ein Neubau in Basel und weitere Geschäftseröffnungen in der französischsprachigen Schweiz hinzu, bis 1918 aus der Kommanditgesellschaft eine Aktiengesellschaft mit weit über 2000 Angestellten entstand und damit eines der bedeutendsten Einzelhandelsunternehmen der Schweiz ins Leben gerufen wurde. Längst war das Gründungsgeschäft in Zürich zu klein geworden und durch einen modernen Neubau, der typisch war für die damalige Warenhausarchitektur, an der neu angelegten Bahnhofstrasse ersetzt worden. Heute beherbergt dieses Gebäude das Warenhaus Manor, wobei zwischenzeitlich noch Oskar Weber sein gleichnamiges Warenhaus darin führte.

Familienbetrieb bis heute

Die bekannteste Warenhauskette der Schweiz ist bis heute unter der Bezeichnung Manor bekannt. Die Gründung des Warenhauses ist zwei jüdischen Familien zu verdanken, deren Geschlecht bis heute im Namen des Unternehmens verewigt sind: Maus und Nordmann. Um 1890 eröffnete
Léon Nordmann in Biel unter der Firmenbezeichnung Au petit Bénéfice einen Laden. Zwei Jahre später folgten die Brüder Henri und Ernest Maus, die ebenfalls in Biel ein Engros-Geschäft für Mercerie, Bonneterie, Herrenhemden und Krawatten eröffnet hatten. Die Familien Nordmann und Maus waren eng befreundet und nahmen sich gegenseitig Waren ab. Während die Familie Maus ihre Geschäftstätigkeiten in der Folge auf die Romandie konzentrierte, richtete sich die Familie Nordmann auf die Deutschschweiz aus. Dennoch beschlossen die Familien im Jahr 1902, gemeinsam in Luzern ein Warenhaus zu eröffnen, das unter dem Namen Léon Nordmann geführt wurde. Dem Warenhaus in Luzern war grosser Erfolg beschert, was besonders auf einer intensiven Werbetätigkeit basierte. Bald folgten weitere Warenhäuser der Gruppe in der Innerschweiz. Als ein Sohn der ersten Nordmann-Generation die Tochter von Ernest Maus ehelichte, waren die beiden Familien nicht nur freundschaftlich, sondern auch verwandtschaftlich verbunden, und die Warenhausdynastie Nordmann und Maus endgültig begründet. Es folgten weitere Gründungen und Aufkäufe: In Basel die Rheinbrücke, in der Romandie Placette und im Tessin Innovazione. Letztere wurde unter eigenem Namen geführt. Erst im Jahr 2000 erhielten
alle Warenhäuser der Maus-Nordmann-Dynastie den Namen Manor.
Ein weiterer Familienbetrieb, der bis heute besteht, ist das Kaufhaus Bon Génie. Adolf Brunschwig gründete es 1891 in Genf unter diesem Namen. Es war damals noch kein auf Luxus ausgerichtetes Modegeschäft, sondern ein Laden für Einrichtungsgegenstände sowie Wäsche und Bekleidung für Angestellte. 1906 öffnete Brunschwig in Lausanne mit A la Ménagère ein neues Geschäft, das bis 1965 Aux Nouveautés hiess und dann seinen heutigen Namen erhielt. Ende der fünfziger Jahre kam die dritte Generation der Familie Brunschwig mit neuen Ideen aus den USA zurück und gestaltete die Bon-Génie-Geschäfte nach dem Vorbild der grossen Luxuskaufhäuser in New York um. Ziel dabei war die Verbindung von Konfektion und Zeitvertreib mit integriertem Restaurant. 1972 erfolgte mit der Akquisition des Unternehmens Grieder die Erschliessung des Marktes in der Deutschschweiz.

Zielscheibe antisemitischer Äusserungen

Der Erfolg vieler Warenhäuser darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass mancher Direktor mit Problemen zu kämpfen hatte, die ihm den Alltag erschwerten. Eine Welle von Judenfeindlichkeit machte sich beispielsweise in Basel breit, als mittels Flugschriften der Verdacht propagiert wurde, die einheitliche Preispolitik der Warenhäuser würde den mittelständischen Einzelhandel zugrunderichten. In Deutschland waren es die Nationalsozialisten, die das Warenhaus verboten, bevor sie den Grossteil im Zuge der «Arisierung» enteigneten. «Auch in der Schweiz gab es Tendenzen, die es den jüdischen Kaufleuten schwer machten, ihr Tagesgeschäft zu erwirtschaften», sagt Historiker Uri R. Kaufmann.
Hierzulande wurden ebenfalls Gesetze festgelegt, die sich an den deutschen Kampagnen orientierten, um zu zeigen, dass es «unstattlich war, bei jüdischen Händlern einzukaufen». Kaufmann erwähnt dabei, dass dafür eigens feuerpolizeiliche Massnahmen ergründet worden seien, die es den Betriebsinhabern nicht erlaubt hätten, gewisse Bauvorhaben umzusetzen. «Duttweilers Erfindung des Migros-Wagens ist eine Folge dieser Gesetze, weil Duttweiler somit baulich das Gesetz umgehen konnte», erklärt Kaufmann. Die Gesetze seien daher oft nur ein Vorwand gewesen, um gewisse Tendenzen zu kaschieren. Nicht zuletzt, so könnte man vermuten, hatten viele Warenhäuser auch französische oder sonst wohlklingende Namen, wie Au Louvre – der jüdische Namen dahinter sollte nicht immer auffallen. Schliesslich war der Name aber auch charakteristisch für das, was das Warenhaus darstellte: Einen Ort der schönen Gegenstände, wo der Kunde König sein darf oder, um es mit Charles Lewinskys Worten aus «Melnitz» zu sagen: «Das ist es. Das schönste Warenhaus.»    ●


Nicole Dreyfus ist Journalistin und lebt in Zürich.



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