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Exterritoriale Israeli, die nach Syrien wollen

Jacques Ungar, June 25, 2009
Am Eingang des Dorfes Ghajar an der libanesischen Grenze weht zwar die Flagge Israels, doch der israelische Normalbürger darf das Dorf nicht betreten. Das ist nicht die einzige Absurdität in Ghajar, dessen Einwohner im Rahmen eines Gesamtfriedensabkommens wieder zu Syrien gehören wollen wie vor 1967.
GETEILTE STADT Die Bewohner von Ghajar leben in absurden Verhältnissen

Die 2300 Einwohner des Dorfes Ghajar direkt an der israelisch-libanesischen Grenze sind nicht zu beneiden. Spätestens seit 1981, als die Knesset die israelische Rechtsprechung auf die 1967 eroberten Golanhöhen ausdehnte – auch das ehemals syrische Ghajar gehörte dazu –, sind alle Bewohner des Dorfes israelischer Bürger. Die in Sichtweite von Ghajar liegenden, durch das Tauziehen zwischen der in Süd-libanon aktiven Hiz­bollah-Miliz und der israelischen Armee bekannt gewordenen Sheba-Farmen erinnern die Einwohner des Grenzortes daran, dass sie zum Golan gehören und im Rahmen einer Gesamtlösung zwischen Israel und Syrien wieder zum Mutterland zurückkehren dürften. Das unterstreicht auch Najib Hatib, der Sprecher von Ghajar, gegenüber tachles unmissverständlich.

Der Schein trügt nicht

Dass das Gespräch mit Hatib einige Meter vor der eisernen, von IDF-Soldaten bewachten  Barriere stattfand, die den Zugang nach Ghajar blockiert, deutet an, dass hier etwas nicht ganz «koscher» ist. Für einmal trügt der Schein nicht, leben die Leute von Ghajar doch in einer geradezu kafakaesken Situation: Einerseits sind sie im Besitze israelischer Pässe, andererseits darf niemand, der ausserhalb des Dorfes lebt, dieses Dorf betreten. Zudem stammen Baubewilligungen, Geburtsurkunden und andere offizielle Papiere noch aus der Zeit, als Ghajar in Syrien lag. Das Absurde an der heutigen Situation ist die von der Uno geschaffene virtuelle Grenze, die Ghajar in einen nördlichen und einen südlichen Teil trennt. Virtuell deshalb, weil es keine Grenzzäune oder Schlagbäume gibt. Der südliche Teil untersteht weiter der IDF, während der Norden seit Jahren von Libanon beeinflusst wird, im Klartext von Kräften, die der Hizbollah-Miliz nahestehen. Aus diesem Grund mehrten sich in den letzten Monaten die Anzeichen, dass Jerusalem Nordghajar offiziell an Libanon abtreten will, vor allem, um damit der Hiz­bollah den Wind aus den Segeln zu nehmen; denn diese behauptet, Israel halte weiter «libanesisches Gebiet» besetzt. Tatsächlich patrouillieren auch im nördlichen Teil des Dorfes israelische Soldaten. Zumindest lassen sie den Gegner klar wissen, dass er besser gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen soll.

Die Uno stützte sich bei ihrem auf den ersten Blick unverständlichen Entscheid auf das sogenannte Sykes-Picot-Abkommen zwischen England und Frankreich von 1923. Damals war noch alles viel einfacher: Israel, Libanon und Syrien existierten als unabhängige Staaten noch gar nicht, und der konkrete Grenzverlauf war oft abhängig von der Dicke des Farbstifts, mit dem die am Kaffeetisch sitzenden Offiziere, die Zigarre in der anderen Hand, irgendwelche Landkarten bemalten. Sich heute auf derartige Abmachungen zu berufen, mutet angesichts der komplexen Lage im libanesisch-israelisch-syrischen Länderdreieck mehr als skurril an. Wie wir wissen, ist dies aber längst nicht die einzige skurrile Situation, welche die Vereinten Nationen im Nahen Osten geschaffen haben.

Wenigstens klappt die Wasser- und Stromzufuhr

Der Fall Ghajar dürfte aber alle anderen an Originalität übertreffen. So mussten einige Bewohner ihren Kühlschrank 150 Meter südwärts schleppen, als ein elektrischer Anschluss im Norden des Dorfes defekt war – der israelische Elektriker durfte nicht im Norden arbeiten. Wenigstens klappt es mit der Zufuhr von Wasser und Strom aus Israel für das ganze Dorf; auch die schulpflichtigen Kinder von Ghajar verfolgen alle den Unterricht in Israel. Ein ganz anderes, trauriges Lied können hingegen jene Bewohner des Dorfes singen, deren Felder oder Häuser während des zweiten Libanon-Kriegs in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Ihre Gesuche um Schadensersatz konnten oder wollten die zuständigen israelischen Stellen nicht behandeln. Erstens, so hiess es in den Antworten, könne man ja keinen Schadensexperten nach Ghajar schicken, und zweitens lägen die betroffenen Parzellen gar nicht in Israel. Drittens möchte man hinzufügen: Diesen Amtsschimmel müsste man lieber heute als morgen mit einem kräftigem Tritt in den Hintern in die Wüste befördern, oder den Golan hinauf nach Syrien.





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