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Elmar Ledergerber fordert Israel-Boykott

Von Gisela Blau, May 27, 2010
Einen Boykott von israelischen Waren und Produkten fordete Elmar Ledergerber (64), früher SP-Politiker und Stadtpräsident von Zürich, in einer Radiokolumne.
ELMAR LEDERGEBER Gegen die Aufnahme Israels in die OECD

Nicht einmal in der Petition, mit der 330 Unterzeichnende den Bundesrat aufriefen, sich der Aufnahme Israels in die europäische Wirtschaftsoganisation OECD zu widersetzen, wurde ein Boykott israelischer Waren oder Produkte gefordert (tachles berichtete). Nun hat aber ein bekannter früherer SP-Politiker die radikale Forderung nach einem Boykott israelischer Waren und Produkte erhoben: Elmar Ledergerber zog am welschen Radio gegen Israel vom Leder.

Altbekannte Vorwürfe

Zehn Tage vor der formellen Aufnahme Israels in die OECD wiederholte der ehemalige Stadtpräsident von Zürich altbekannte politische Vorwürfe gegen Israel (siehe Kasten). Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Plattform der liberalen Juden der Schweiz schrieben diese Woche Ledergerber deswegen einen Brief. Und in Genf reklamierte die Organisation CICAD, die in der Romandie gegen Antisemitismus kämpft, bei der Sendeleitung des Radio-Morgenjournals aus Lausanne.

Elmar Ledergerber ist seit dem 1. Mai 2009 Präsident von Zürich Tourismus, einer beliebten Destination israelischer Touristen, und er vertritt die Stadt noch immer im Verwaltungsrat des Zürcher Flughafens mit zahlreichen Flugbewegungen von und nach Israel. Am 18. November 2008 freute sich Zürich Tourismus über die Wahl Ledergerbers «als Integrationsfigur mit Ecken und Kanten». Und Vizepräsident Guglielmo L. Brentel meinte damals, er sei «für Zürich Tourismus ein Glücksfall».

Tourismus anstatt Boykott

Heute sagt Guglielmo Brentel, Präsident des Schweizer Hotelierverbands Hotelleriesuisse und Vizepräsident von Zürich Tourismus, nachdem er das Transkript der Radiokolumne gelesen hatte, er nehme nicht an, «dass Herr Ledergerber diese Aussagen in seiner Funktion als Präsident von Zürich Tourismus, wo er ein Pensum von 20 Prozent erfüllt, gemacht hat. Ich werde sie nicht kommentieren; sie liegen in seiner Verantwortung. Aber wenn Sie mich fragen, ob wir israelische Waren und Güter boykottieren oder keine israelischen Touristen empfangen sollen, so sage ich ganz sicher nein. Wir sind eine offene Volkswirtschaft, und als Hoteliers sind wir Gastgeber und fragen nicht, welche politische Ansicht ein Gast oder das Land, aus dem er kommt, vertritt. Wir sind gross geworden, weil wir immer tolerant und gastfreundlich waren. Es gab kürzlich den Vorschlag eines Boykotts für libysche Touristen, und auch da waren wir strikt dagegen, trotz aller Probleme. Das hat nicht einmal nur etwas mit Neutralität zu tun, sondern mit unserer Aufgabe als Gastgeber.»

Parteikollegen distanzieren sich

Hartmuth Attenhofer, Präsident der Zürcher Sektion der Gesellschaft Schweiz-Israel, Parteikollege von Elmar Ledergerber, ist «sehr verwundert. Offenbar hat er das Gefühl, seit er nicht mehr Stadtpräsident ist, könne er sagen, was er will. Ich finde es auch erstaunlich und bedauerlich, dass er sich beim Thema OECD ins gleiche Boot mit gewissen Politikern setzt.»

Daniel Jositsch, Zürcher Strafrechtsprofessor und SP-Nationalrat, findet klare Worte: «In dieser Position einen solchen Unsinn zu erzählen, ist sehr fragwürdig. Die Kolumne ist undifferenziert in der Analyse, schadet dem Tourismus von Zürich und ist dazu eindeutig und unausgewogen.» Der Zürcher Nationalrat Mario Fehr, aussenpolitischer Sprecher der SP Schweiz, betont: «Die Aussage von Elmar Ledergerber in einer Radiokolumne ist deplatziert. Es braucht im Nahen Osten eine politische Lösung und keine Konsumboykotte.»

Elmar Ledergerber sagt zu tachles, er habe seine Worte «sehr sorgfältig formuliert». Er habe sagen wollen, wenn die internationale Politik es nicht fertigbringe, auf Israels Verstösse zu reagieren, dann bleibe dem Bürger nichts mehr anderes übrig als der Boykott. «Was heute in Israel passiert», so Ledergerber, «beunruhigt auch dort eine wachsende Opposition.» Ein nachhaltiger Friede werde durch Siedlungen und die Baupolitik in Ostjerusalem hintertrieben, Uno-Resolutionen noch und noch missachtet, im Gaza-Krieg seien verbotene Waffen eingesetzt und Uno-Einrichtungen zerstört worden, gar nicht zu reden von den Morden durch den Mossad: «Das alles ist für jeden friedliebenden Menschen ein grosses Ärgernis.» Natürlich, antwortet er, gebe es viele Länder, in denen die Menschenrechte verletzt würden, aber er könne in seiner Kolumne nicht alle Länder behandeln: Er wisse, sagt Ledergerber, dass dieses Thema in der jüdischen Gemeinschaft als heikel gelte, aber: «Ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube.» Seine Aussagen richteten sich nicht gegen die Israeli, auch nicht gegen die Juden («ich habe sehr viele jüdische Freunde»), sondern gegen die Politik des Staates Israel.

Angesprochen auf die 35 000 Logiernächte israelischer Touristen in der Stadt Zürich im vergangenen Jahr, sagte der Präsident von Zürich Tourismus: «Wegen ein paar Übernachtungen kann ich als freier Bürger nicht meine Augen verschliessen und auf den Mund sitzen. Ich muss sagen, was Sache ist.» Das gleiche gelte für den Flughafen.





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