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Eine Reise in verschwindende Welten

Von Jacques Ungar, October 9, 2008
Eine Reise nach Marokko mit einem Schwergewicht auf jüdischer Spurensuche ist ein spannendes und ungewöhnliches Erlebnis, und das nicht nur für jemanden, der in Casablanca, Fes oder Marrakesch zur Welt gekommen ist. Jacques Ungar begleitete israelische Touristen zwölf Tage durch das nordafrikanische Land.
PRÄCHTIG Die Innenansicht des Bahia-Palastes von Fes gehört zum Prächtigsten, was Marokko zu bieten hat

Zuerst reduzierte ein heftiger Sandsturm die Sicht aus unserem Autobus heraus auf wenige Meter. Als Achmed, der Chauffeur, sich einigermassen von der «Blindfahrt» erholt hatte, folgte ein wolkenbruchartiger Regen, der sein Geschick nicht weniger auf die Prüfung stellte. Wir befanden uns kurz vor Erfoud am östlichen Rande der marokkanischen Sahara und waren recht erschöpft, hatten wir seit unserer Abfahrt von Fes doch schon rund 500, teils schwierige, Auto-Kilometer hinter uns. Wie weggeblasen waren aber alle Anzeichen von Müdigkeit, als Aharon, unser Reiseführer, uns eröffnete, dass wir in wenigen Minuten das Grab von Rabbiner Schmuel Abuhatzeira erreichen würden. Vorfreude erfüllte den Bus, einige Reisende murmelten Dankgebete, und Frauen liessen die Trillertöne erklingen, wie sie im Orient für besondere Situationen typisch sind. Die Extase kannte keine Grenzen, als wir dann vor dem Grab in einem von einem Muslim bewachten Haus auf dem alten jüdischen Friedhof von Erfoud standen. Der Grabstein wurde immer wieder geküsst, einige Mitglieder der Reisegruppe warfen sich auf ihn und verharrten so minutenlang, ins Gebet vertieft. Die «Profis» hatten rechtzeitig ihr «Zadikim-Paket» vorbereitet,  bestehend aus Kerzen, Zündhölzern, Süssigkeiten und einem Büchlein mit Psalmen (Tehillim). Jetzt bewarfen sie das Grab mit Süssigkeiten, rezitierten Tehillim und trillerten. Dabei waren die Video- und Fotoapparate ständig im Einsatz.
Wie in kaum einer anderen ethnischen Gruppe gehört die Verehrung der Gräber und ehemaliger Wohnstätten von Heiligen und Rabbinern bei den marokkanischen Juden zur praktisch täglich ausgeübten Tradition. Das zeigte sich auch am Tag nach dem Erlebnis in Erfoud, als wir, eine Gruppe von 25 Israeli meist marokkanischen Ursprungs, einem israelische Reiseführer und mir, nach Rissani fuhren, um das bescheidene Haus in der Mellah, dem ehemaligen jüdischen Viertel zu besuchen, in dem vor Jahrzehnten Yaakov Abuhatzeira mit seinen vier Söhnen gelebt und Thora gelernt und gepredigt hatten. Das Haus steht heute leer, abgesehen von einer Holzbank, auf welcher der Rabbiner gesessen haben soll, und einer Art Opferstock in der Mitte eines Zimmers, an dem Touristen aus aller Welt ihre mitgebrachten Kerzen anzünden, Gebete verrichten und – ja, Sie haben es erraten – in Triller-Trance geraten, bis der Reiseführer zum Aufbruch mahnt.

Von Märchen und Legenden

Juden, wo auch immer sie herkommen mögen, kennen ihre Heiligenlegenden, doch in kaum einer anderen jüdischen Gemeinschaft sind sie so entwickelt wie unter den Marokkanern, und in kaum einer anderen Gruppe sind die Grenzen zwischen Gesetz, Legende und Märchen so verwischt wie bei den marokkanischen Juden. Vergeblich suchte ich Zustimmung in der Reisegruppe, als ich leise Zweifel an der Geschichte eines im Ourika-Tal begrabenen Rabbiners anmeldete, der sein kurzes Leben tagsüber als Mensch, in der Nacht aber als Schlange zubringen musste. «Wer hier Fragen stellt, dem fehlt es an Glauben», meinte kurz angebunden Schlomo, ein leitender Mitarbeiter der Elektrizitätsgesellschaft in Netanya. Entsprechend ruhig und konzentriert lauschten die Reisenden an jedem der Gräber den Geschichten des bestens dokumentierten Guides, der selber kein marokkanischer Jude ist. Das geschah in Erfoud, aber auch am Grab von Rabbiner Malach Refael Berdugo in Meknes, von Rabbiner Jehuda Even Atar in Fes und vor allem an der letzten Ruhestätte der Lala Zulica auf demselben Friedhof. Das 1819 geborene Mädchen Lala war laut der französischen Inschrift auf dem Grabstein 1834 ermordet worden oder hatte Selbstmord begangen, weil es sich geweigert haben soll, dem Werben eines arabischen Adligen nachzugeben und ihr Volk zu verlassen. Die emotionalen Ausbrüche, vor allem der Frauen, bei der Schilderung dieses Schicksals, mögen einem rationalen Aschkenasi vielleicht exaltiert vorkommen, doch passen sie zur Lebensweise und  zum Charakter der marokkanischen Juden.


Die jüdische Gemeinde des Königreichs Marokko hat ihre glorreiche Zeit hinter sich und wird mittelfristig wohl eine Art  museale Gemeinde werden. Vor der Gründung des Staates Israel gab es in Marokko über 300 000 Juden, heute sind es vielleicht noch 3500. Die überwiegende Mehr¬heit von ihnen lebt in Casablanca. In Meknes gibt es noch etwa 40 Juden, in Marrakesch 250, in Fes und Rabat je rund 150, und auch Agadir hat eine  jüdische Gemeinde. Die älteste Mellah ist die von Fes, die auf das Jahr 1438 zurückgeht und in der auch Rambam (Maimonides) eine Weile gelebt hat. Sehr ergreifend auf unserer Reise war das Wiedersehen von Shai aus Ramle und David aus Rehovot mit ihren ehemaligen Wohnhäusern in den Mellahs von Meknes und Casablanca. Obwohl sie ihre Geburtsstätten vor über 50 Jahren verlassen hatten, fanden sie sie nach einigem Suchen und Fragen (die Lokalbevölkerung war freundlich und hilfsbereit) wieder.

Israelische Touristen als Zielgruppe

Offizielle diplomatische Beziehungen zwischen Israel und Marokko gibt es nicht. Der junge König Mohammed VI. hat aber die Tradition seiner Vorgänger übernommen und hält eine schützende Hand über die jüdische Minderheit. Zudem hat der Besuch israelischer Reisegruppen sich zu einem kommerziellen Erfolg entwickelt. Das belegt etwa der in perfektem Hebräisch gehaltene Vortrag von Said im Laden für homöopathische Produkte in der Altstadt von Fes oder das nicht weniger schlechte Hebräisch des örtlichen Reise¬führers Hafid in derselben Stadt beziehungsweise der Verkäuferin von Argan-Produkten bei Essaouira an der Atlantikküste. Auch sonst wurde die Gruppe mehrfach mit «schalom» oder «bo rega» («Komm schnell!») angesprochen. Nicht allen marokkanischen Juden geht es wirtschaftlich gut, wie dies die zwei älteren Männer belegten, die uns im Restaurant des Zentrums Rambam in Fes koschere Konservenbüchsen aus den USA verkaufen wollten. Daneben gibt es aber, wie unter der restlichen Bevölkerung auch, eine sehr dünne Schicht reicher marokkanischer Juden.





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