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Eine Reise durch jüdische Welten

October 12, 2009
Eine Auswahl exquisiter Stücke der Braginsky-Sammlung kommt in die Amsterdamer Bibliotheca Rosenthaliana.
HOCHZEITSVERTRAG Venedig 1648 HOCHZEITSVETRAG Lugo 1841

Von Emile Schrijver


Nur selten sind private Buchsammlungen der Öffentlichkeit zugänglich. Bieten Sammler einmal die Möglichkeit, ihre Schätze zu betrachten, ist dies mehr als lobenswert – zumal, wenn diese von so aussergewöhnlicher Qualität sind wie nun im Fall der Sammlung des Zürchers René Braginsky. Dieser hat in den letzten Jahrzehnten Hunderte exquisiter hebräischer Manuskripte und gedruckte Bücher zusammengetragen, wichtige aus der Zeit von 1288 bis zur Gegenwart. Die Sammlung umfasst illustrierte Manuskripte, darunter etwa 100 Rollen des Buches Esther und etwa die gleiche Anzahl dekorierter Ketubot, Eheverträge. Mit der Bibliotheca Rosenthaliana erhält eine der bedeutendsten jüdischen Bibliotheken Europas die Möglichkeit, die erste Ausstellung zentraler Stücke von Braginskys Sammlung zu veranstalten.
Die Ausstellung umfasst insgesamt 104 Werke, darunter 56 Manuskripte und gedruckte Bände, 23 Ketubot sowie 25 Megilot. Die Ausstellung wurde von internationalen Experten detailliert in einem exklusiven Katalog beschrieben, der über 200 Farbillustrationen enthält. In seinem Vorwort zum Katalog umschreibt René Braginsky seine Beweggründe für die Ausstellung wie folgt: «Mein wichtigstes Motiv ist der Wunsch, die Kunst und die Kultur der Vergangenheit auf anschauliche Weise zu verstehen. Darüber hinaus möchte ich anderen diese wertvollen Arbeiten zugänglich machen, damit auch sie sich daran erfreuen und sie würdigen können. Diese Ausstellung und der dazugehörige Katalog stellen daher nicht den Höhepunkt meiner Judaica-Sammlungstätigkeit dar, sondern einen wichtigen Meilenstein. Ich hoffe, dass die Präsentation dieser Arbeiten es uns allen ermöglicht, aus der Vergangenheit zu lernen und daraus Gewinn für die Zukunft zu ziehen.»
Der Titel der Ausstellung «Eine Reise durch jüdische Welten» kann als Leitfaden durch die Sammlung dienen. Dabei umfassen die Ketubot den geografisch breitesten Raum. Von Rabbinern als private Verträge aufgesetzt, sollten die Ehevereinbarungen den Status und den Besitz der Frauen im Falle einer Scheidung oder beim Tod des Gatten sichern. Der Vertragstext listet die finanziellen und andere Verpflichtungen des Bräutigams gegenüber seiner zukünftigen Frau auf. Allerdings hat sich die Ketuba im Laufe der Zeit im Rahmen der Ehezeremonie zu einem öffentlichen Statusobjekt entwickelt. Der Inhalt der Vereinbarung wurde laut und mit grosser Betonung auf jede Silbe vorgelesen. Aus dieser zentralen gesellschaftlichen Funktion erwuchs in zahlreichen jüdischen Gemeinden der Brauch, viel Geld und Mühe in das Erscheinungsbild des Vertrages zu investieren. Eine reiche Ornamentierung sollte die Aufmerksamkeit der Gäste bei der Feier auf sich ziehen. Die Texte und Illustrationen der Ketubot stellen daher aufschlussreiche historische und künstlerische Zeugnisse dar, die umfangreiche Informationen über jüdische Individuen, ihre lokalen Gebräuche und Ansichten über Ehe und Familienleben, ihren Kunstgeschmack, ihre Überzeugungen und die Symbole ihrer Epoche enthalten, aber auch die komplexen Beziehungen zu den sie umgebenden Gesellschaften dokumentieren.

Die überwiegende Mehrheit der Ketubot in der Sammlung stammt aus Italien. Das älteste Stück bekräftigt die Eheschliessung zwischen David, Sohn des verstorbenen Joseph Franco De Almeda, und Dona Giuditta, der Tochter von Daniel Valensin, die in Venedig am Mittwoch, dem 14. Tischri 5409 (30. September 1648), stattfand. Die üppige Verzierung dieser gedruckten und handbemalten Ketuba bezeugt die Hochachtung der damals im venezianischen Ghetto lebenden, vermögenden Sephardim für diese Kunstform aus der iberischen Halbinsel. Diese Kunstform hatte dort im Mittelalter eine Blüte erlebt und wurde danach von Flüchtlingen nach Venedig gebracht (Braginsky-Sammlung, Ketuba 99). Neben den italienischen Verträgen zeigt die Ausstellung Ketubot aus Amsterdam, Bayonne, Gibraltar, Essaouria (das marokkanische Mogador), Cochin (Indien), Qirq-Yer (Krim) und Schechem (in samaritanischer Schrift). Eine von zwei Ketubot aus Gibraltar (Braginsky-Sammlung, Ketuba 26) beschreibt nicht eine Heirat zwischen zwei Menschen, sondern die Ehe zwischen dem jüdischen Volk und der Thora. Sie wurde für das Shavuot-Fest geschaffen und bezeugt eine jahrhundertealte sephardische Sitte. Da der Feiertag an die Gesetzgebung erinnert, hat laut mystischen Traditionen Moses als Ehevermittler das jüdische Volk (als Bräutigam) an diesem Tag zum Berg Sinai geführt (dem Ort der Eheschliessung), um sich mit Gott oder der Thora zu verbinden. Diese Ausführung einer Ketuba wurde, vermutlich zwischen 1830 und 1840, von einem unbekannten Künstler geschaffen.

Diverse Eheversprechen

Einer dieser Verträge sei hier besonders gewürdigt, da er ein Schlüsselbild der Ausstellung enthält, das auch den Umschlag des Katalogs ziert. Es wurde anlässlich einer Ehe in der italienischen Kleinstadt Lugo geschaffen, die am Mittwoch, den 14. Tishri 5602 (29. September 1841), zwischen Joseph, Sohn des verstorbenen Samuel Treves, und Vittoria, Tochter des Joseph Nahman Modena, geschlossen wurde (Braginsky-Sammlung, Ketuba 105). Die Umrandung dieser Ketuba ist älter und stammt aus der Zeit um 1775. Sie wurde hier erneut verwendet und ist mit kleinen, ausgeschnittenen Dreiecken und Kreisen verziert. Drei Kreise am oberen Rand haben die Form zarter Rosen. Der Text wird von einem Bogen umrahmt, der von einem Paar gedrehter Säulen getragen wird. Diese stehen auf ornamentierten Sockeln und weisen mit Blumen dekorierte Kapitale auf, die vollständig aus winzigen Ausschnitten gestaltet sind. Der Bogen umschliesst grosse, ausgeschnittene Kartuschen, die mit den für Ketubot aus Lugo charakteristischen Worten beschrieben sind: «Allmächtiger, segne uns und wir werden leben!»
Auch eines der Glanzstücke unter den Büchern bezieht sich auf eine Heirat. Es enthält verschiedene Gebete für die grossen Ereignisse des Lebens und zeigt die atemberaubende Darstellung einer mittelalterlichen Hochzeit. Das Buch wurde in Italien kopiert, vermutlich in Ferrara im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts. Der Schreiber trug den Namen Leon ben Joshua de Rossi von Cesena. Eine doppelseitige Illumination zeigt Braut und Bräutigam im Augenblick der Vermählung. Dabei streift der Bräutigam den Ring über den linken (!) Zeigefinger der Braut. Die zwei Seiten werden von einem Blumenmuster eingerahmt, das auf beiden Seiten zwei halbhohe männliche Figuren enthält. Die beiden könnten Zeugen darstellen; zur Linken deutet er auf das Paar, während sein Gegenüber ein Buch mit Samtumschlag hält (Braginsky-Sammlung, 259).
Auch die sogenannte «Harrison Miscellany» aus der Zeit um 1720 ist einzigartig. Kopiert und dekoriert in Korfu, enthält sie einen 60-seitigen Zyklus mit Illustrationen zum Buch Genesis. Die Bilder sind als Gouachen ausgeführt und dürften von einem sehr geübten Künstler gefertigt worden sein, der in Venedig ausgebildet worden sein könnte. Auch diese Bilder werden von Blumen-Bordüren umrahmt. Jede Miniatur trägt eine hebräische Inschrift, meist ein Bibelvers. Gegenüber den Miniaturen sind hebräische Gebete, Gedichte und Sinnsprüche nach dem Ritus der Juden von Korfu angeordnet, die aber nicht die Illustrationen ansprechen, auf die sich die Ehezeremonien beziehen. Die Sequenz der Bilder von links nach rechts ist ein Indiz dafür, dass sie – vermutlich von einem nicht jüdischen Künstler – unabhängig vom Text ausgeführt worden sind.

Sieben-Meter-Megila

Unbedingt erwähnenswert ist überdies die Charlotte-von-Rothschild-Haggada aus dem Jahr 1842 (Braginsky-Sammlung, 314). Diese wird in den Memoiren von Moritz Daniel Oppenheim (1800–1882) erwähnt, dem ersten modernen jüdischen Maler: «Die Blütezeit meines Unterrichts aber war, als sie für ihren Onkel Amschel die Haggada illustrierte. Ich entwarf die Sujets dazu, die sie nach dem Geschmack der alten Missalen ausführte, wozu sie sich die nicht ohne beträchtlichen Kostenaufwand mit Miniaturen versehenen Manuskripte aus der Pariser Bibliothek verschaffte.» Oppenheim spricht hier über Charlotte von Rothschild (1807–1859), die Nichte von Amschel Mayer Rothschild, dem sie die Haggada zu dessen 70. Geburtstag schuf. Diese Haggada ist das einzige bekannte hebräische Manuskript, das von weiblicher Hand illuminiert worden ist. Das Werk enthält neben dekorierten, historisierenden Initialen und kleineren Ornamenten auch 18 Illustrationen. Während einige der Skizzen Oppenheims für das Projekt in der kunsthistorischen Debatte bekannt waren, war nicht bekannt, ob die Haggada wirklich existierte, bis René Braginsky sie unlängst für seine Sammlung erwarb.
Einen Rothschild-Bezug könnte auch ein weiteres Stück der Sammlung aus der Zeit um 1870 haben. Dabei handelt es sich um das ungewöhnlichste Werk der Sammlung, eine Haggada mit französischen Anleitungen des französischen Künstlers Victor Bouton (Braginsky-Sammlung, 315). Sämtliche Seiten weisen üppige, goldene Illuminationen im Stil gewisser Koranmanuskripte aus dem Persien des 16. Jahrhunderts auf. Von Bouton ist neben diesem Meisterwerk nur noch ein einziges anderes hebräisches Manuskript bekannt. Zeitgenössische Quellen besagen, dass Bouton von einem vermögenden Israeliten die damals enorme Summe von 32 000 Goldfranken für eine Haggada erhielt. Dabei kann es sich eigentlich nur um dieses nun in der Braginsky-Sammlung befindliche Stück handeln.

Auch die Ausführungen des Buches Esther in der Ausstellung sind häufig aufwendig illustriert und dekoriert. Sie sind essentiell für das jüdische Purim-Fest, das am 14. Tag des jüdischen Monats Adar gefeiert wird. An diesem Feiertag versammeln sich Juden in der Synagoge, um der Lesung aus dem biblischen Buch Esther zu lauschen. Das Ritual verlangt, dass der Text dabei aus einer Schriftrolle gelesen wird. Das Buch Esther schildert, wie die Juden im Perserreich vor rund 2500 Jahren auf wundersame Weise vor ihrem Erzfeind Haman gerettet worden sind. In der Braginsky-Sammlung sind sämtliche bedeutende Spezies dekorierter und illustrierter Esther-Rollen zu finden, darunter Arbeiten des berühmten italienischen Künstlers Salom Italia, der in Amsterdam tätig war. Daneben enthält die Sammlung italienische und böhmische Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert sowie eine Reihe von Hüllen, die zur sicheren Aufbewahrung von Schriftrollen dienen. Diese boten eine weitere Gelegenheit zum künstlerischen Ausdruck. Dabei kam eine breite Auswahl an Materialien zur Verwendung. Neben dem häufig gebrauchten Silber wurden Elfenbein, Holz, gelegentlich aber auch Gold benutzt. Die ungewöhnlichste Megila der Sammlung wurde um 1900 in Indien hergestellt und gehörte einst der berühmten indisch-jüdischen Familie Sassoon (Braginsky-Sammlung, Megila 58). Sie misst nicht weniger als sieben Meter und zwei Zentimeter und wird in der Ausstellung zur Gänze zu sehen sein. Diese Schriftrolle verbindet auf einzigartige Weise indische mit westlichen Traditionen. Die Textkolumnen werden von 20 sehr detailreichen, illustrierten Panelen flankiert. Das erste Bild stellt dar, wie aus der Megila gelesen wurde. Dem rabbinischen Diktum folgend, zeigt der Künstler die Rolle gefaltet, sodass sie beim Vortrag wie ein Brief aussieht. Auch der Vorleser wird gezeigt, umgeben von Fez tragenden Männern und Kindern mit Trommeln, deren Lärm den Namen von Haman übertönen soll. In einem eigenen Abschnitt unter der Überschrift Ezrat Naschim (Frauen-Seite) sind fünf weibliche Porträts zu sehen.

In seinem einführenden Beitrag im Katalog erklärt der mit der Braginsky-Sammlung seit vielen Jahren verbundene New Yorker Professor Menahem Schmelzer: «Beim Aufbau seiner Sammlung hat René Braginsky bedeutende Stücke aus dem Fundus der Kollektionen von Montefiore, Sassoon und Schocken übernommen. Dadurch hat er, dieser andere Sammler und Bibliophile, die bedeutsame Aufgabe übernommen, zu bewahren und für Kontinuität zu sorgen. Dafür schuldet ihm das Volk des Buches Respekt und Anerkennung.»  


Emile Schrijver ist Judaist, Buchwissenschaftler und Kurator der Bibliotheca Rosenthaliana, Special Collections, Universiteit van Amsterdam. Er ist Spezialist für hebräische Handschriften und Buchdrucke.



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