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«Eine Kunstsprache finden»

Interview Yves Kugelmann, April 8, 2011
Das Kulturfestival Culturescapes präsentiert in diesem Jahr Israel als Gastland und bietet der israelischen Kulturszene drei Monate lang Bühnen überall in der Schweiz. Initiant Jurriaan Cooiman im Gespräch.
CULTURESCAPES 2011 Initiant Jurriaan Cooiman engagiert sich als Kurator und Intendant zugleich

TACHLES: Culturescapes ist ein Kulturfestival. Kann man dabei die Politik ganz aussen vor lassen, die ja gerade im Nahen Osten ein Teil der Kultur ist?
JURRIAAN COOIMAN: In der israelischen Kultur und Gesellschaft habe ich eine Grundtendenz erahnen gelernt, die aus Verweigerung, Erinnerung, Verdrängung und Instrumentalisierung der noch jungen Vergangenheit des Staates besteht. Die grossen Themen – wie etwa die Schoah – scheinen immer wieder hochzukommen. Das ist eigentlich sehr ermüdend, und man ist manchmal zu fragen versucht: Habt Ihr denn nichts anderes zu verarbeiten? Aber das scheint fast nicht der Fall zu sein, und es verengt auch die kulturelle Vielfalt im Sinne einer gesellschaftlichen Themensetzung. Sie ist in gewisser Art und Weise viel weniger differenziert möglich, weil alles unter Druck zustande kommt.



Vergangenheit ist in Israel noch sehr greifbar und präsent.
Ja, ich habe in Israel sehr viele Theater- und Musikveranstaltungen besucht. Hier gibt es einerseits eine Verweigerung, sich mit den wirklichen Themen, die eben auf der Strasse passieren, auseinanderzusetzen. Andererseits gibt es eine überhöhte Erinnerungskultur oder Instrumentalisierung dieser Erinnerung zum Zweck des Verdrängens oder der Schaffung einer anderen Ordnung in der unmittelbaren Umgebung, die mir auch utopisch erscheint, weil sie nicht auf einer direkten menschlichen Basis beruht.

Und doch gibt es in Israel eine florierende Kulturszene, der Sie nun mit über 40 Projekten eine Bühne bieten. Wo liegt der Ansatz des Festivals?
Das Gesamtprogramm umfasst 40 Projekte mit einer unterschiedlichen Anzahl von Wiederholungen, so dass man von rund 200 Veranstaltungen ausgehen kann. Wir versuchen hier nicht, eine politische Grundausrichtung auszuloten, sondern gehen ausschliesslich auf die Kunstsprache ein. Mit Projekten, die für sich genommen eine Sprache finden, die sich nicht in Bezug auf diesen oder jenen Konflikt positionieren lässt, denn das wäre in der Schweiz, aber auch in Europa und der ganzen Welt total vereinfachend. Wenn Kunst nicht eine Sprache sein darf, die sich selber immer wieder neu erfindet und in Frage stellt, dann könnte man die Sache einfach mit Vorträgen erledigen. Es bräuchte die Kunst nicht mehr, um Dinge in einen freien Raum zu werfen und daran auch zu scheitern oder mehrdeutige Spuren zu hinterlassen. Deshalb suchen wir eine Kunstsprache, die dies erlaubt, und nicht Propaganda für die eine oder die andere Seite.

Sie stellen demnach eine sehr offene Plattform zur Verfügung, und die Israeli haben die Möglichkeit, sie zu nutzen.
Wobei wir gemeinsam mit den Partnerveranstaltern das Programm machen.

Sie sind also auch Kurator beziehungsweise Intendant.
Genau. Dies ist uns wichtig und soll den Charakter des Festivals auch überall durchscheinen lassen. Wir treten in den Dialog durch Offenheit und Grenzüberschreitung.

Israel hat kaum je Gelegenheit, seine kulturelle Vielfalt, Lebendigkeit und Farbigkeit in der Dimension von 40 Projekten zu präsentieren. Von Boykott­drohungen bis Freude ist die Spann­breite der Reaktionen gross.
Es gibt eigentlich wenig Enthusiasmus dafür; ich habe sehr viel Überzeugungsarbeit zu leisten gehabt und leiste sie immer noch. Es gibt auch weniger schöne Auseinandersetzungen und ablehnende Haltungen. Kommt dazu, dass hier nur wenige um die Leistungsfähigkeit und den Reichtum der israelischen Kulturszene wissen und sich auf das freuen können, was kommen wird. Und das Thema Israel selber ist auch ein rotes Tuch und ruft Boykottdrohungen und -erfolge hervor, indem etwa Partner aus dem Festivalprogramm aussteigen. Ich bedaure das sehr, denn unter Umständen amputiert man sich damit einen Teil eines Dialogangebots, welches zu differenzierterer Wahrnehmung führen sollte.

Eigentlich paradox, wenn Kulturinstitutionen Kultur boykottieren oder Plattformen verweigern.
Dialogangebote sind ja der ganze Zweck der Übung; es geht nicht darum, eine pro-israelische Position einzunehmen. Und wenn man den israelischen Künstlern keine Plattform ausserhalb ihres Landes gibt, werden sie noch weniger als üblich gehört. Daraus kann das Gefühl entstehen, dass der Westen sich nicht für ihre Stimme interessiert – und dabei ist ihre Stimme ja noch die kritischste und im linksliberalen Spektrum angesiedelt. Wenn ich mich überhaupt auf eine politische Ebene einlasse, dann am ehesten so, dass solche Leute in Israel selbst eine Wirkung entfalten können, indem sie die Erfahrung machen, dass man sie hier hört.

Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey hat das Patronat übernommen. Wie steht es damit auf der israelischen Seite: Wurden Sie im offiziellen Bereich mit offenen Armen empfangen?
Im kulturellen Bereich gab es viel Interesse dafür, dass wir das machen, und auch so viele Projektideen, dass wir leider nicht alles realisieren können. Wir stossen da auf grosse Gegenliebe, vielleicht auch, weil es ein ungewohntes Angebot ist. Auf der offiziellen Ebene betritt Israel damit ein wenig Neuland, und man ist sich dessen bewusst und zum Teil unsicher. Trotzdem ist man darauf eingestiegen, auch in die Verantwortung der Finanzierung. Ein Stück weit ist das bestimmt ein Zeichen, dass man unser Angebot dort sehr gerne sieht, wobei man es sicher teilweise mit einer anderen Agenda verbinden wird als der meinen. Das ist mir bewusst. Aber bei diesem Zusammentreffen zweier Agenden gibt es eine Schnittmenge, die man so stehen lassen kann und woraus man das machen muss, wofür man spricht.

Vom rein kulturellen Geschehen des Festivals aus könnte man sagen: Orient trifft Okzident. Denn neu ist, dass auch Schweizer Künstler eingeladen sind, sich in Israel zu präsentieren. Was versprechen Sie sich von dieser Neuerung?
Es ist ja eigentlich eine logische Entwicklung, dass man auch etwas mitbringen kann, wenn man eine Einladung ausspricht. Früher konnten wir nur einzelne Veranstaltungen ins Partnerland schicken, wie etwa die Basel Sinfonietta nach Aserbaidschan. Im Laufe meiner Ver­handlungen in Israel erhielt ich das deutliche Signal, dass es schön wäre, eben auch etwas aus der Schweiz dorthin mitzubringen. Ich verspreche mir von diesem Austausch von israelischen und schweizerischen Kulturlandschaften, auch wenn es banal klingt, eine Möglichkeit zur Verständigung und die Chance einer differenzierteren Wahrnehmung. Vielleicht entsteht dadurch ja auch eine gewisse Nachhaltigkeit, indem die einzelnen Veranstaltungshäuser dranbleiben und im Laufe der Zeit die israelischen Künstler selbst wieder einladen oder indem sich durch persönliche Kontakte künftige Kooperationen bilden.   


Culturescapes 2011 wird in der Schweiz am 14. September im Theater Basel eröffnet. Das definitive Programm ist ab 1. Juni unter www.culturescapes.ch einzusehen. Auf der Website kann bereits jetzt ein regelmässiger Newsletter bestellt werden, der über die neusten Entwicklungen informiert.



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